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Leseprobe
Renate Seifert
Zwielicht
Trautes Heim
(ein Abschnitt aus der Kurzgeschichte)
Der Himmel war klar und blau, die Fahnen an der Strandpromenade wehten nur leicht im Wind. Lilo lehnte sich im Strandkorb zurück, schloss die Augen und genoss die herrliche Seeluft. Sie wollte nach ihrem Aufenthalt auf der Terrasse in die große Buchhandlung an der Friedrichstraße gehen und sich ein richtig schönes Buch kaufen. Es hatte im Fernsehen gute Buchtipps gegeben, die sie sehr interessiert hatten. Eigentlich konnte sie das Buch schon jetzt gut gebrauchen, aber ein bisschen wollte sie noch Sonne und Meerblick in Ruhe genießen.
Die Terrasse war inzwischen fast voll besetzt, aber immer noch strömten die Leute vorbei, mit suchendem Blick nach einem freien Platz. Bisher war noch niemand gekommen, um sich an ihren Tisch zu setzen und sie hoffte, es würde wenigstens noch eine Weile so bleiben. Wenn dann doch jemand käme, vielleicht sogar mehrere Personen, vielleicht in lauter Unterhaltung, die sie mit anhören musste, würde sie flüchten. Zum Glück war sie frei und konnte tun und lassen, was sie wollte.
Manchmal hatte sie Lust, sich einem netten Gespräch zuzuwenden, aber manchmal auch nicht, und das bestimmte sie gerne selbst. Jetzt tauchte ein älterer Herr zwischen den Tischen auf. Auch er hatte den suchenden Blick, obwohl sie das Gefühl hatte, sie sei schon von ihm entdeckt worden. Sie vermutete einige Schritte hinter ihm seine Partnerin. Aber nein, noch war er allein. Und ihr Gefühl behielt Recht, er stand an ihrem Tisch und fragte höflich, ob er sich dazusetzen dürfte. Er sagte ich' und nicht wir', registrierte sie, und bejahte freundlich.
"Na, so ein einzelner Herr geht ja noch", dachte sie und fühlte sich nur mäßig gestört, "da kann ich ja ruhig weiter aufs Meer schauen und meinen Gedanken nachhängen."
Bei kurzen Seitenblicken bemerkte sie, dass er ein sympathischer, gut aussehender Mann war. Er hatte gepflegte Hände, war dezent aber gut gekleidet, rauchte nicht, bestellte auch am Nachmittag keinen Wein, sondern Kaffe und Kuchen, wie sie. Seine Hände zeigten keinen Ehering. Aber das hatte nichts zu bedeuten, denn Männer trugen seltener ihre Eheringe als Frauen. Vielleicht war seine Frau zum Einkaufen oder mit den Enkeln am Strand. Nach einer Weile sah er sie aufmerksam an und fragte: "Sie sind auch alleine hier?"
Sie war nicht überrascht, dass er sie ansprach und hatte beschlossen, sehr behutsam zu antworten.
"Ja -- nicht so ganz", antwortete sie, und dachte an ihren Liebsten, der jetzt mit Christa irgendwo saß und fügte hinzu: "Ich bin mit Freunden hier".
Sie hatte den Familienstand Witwe' und trug auch keinen Ehering. Und wenn Klaus..., dann konnte sie wohl auch... Also bloß kein schlechtes Gewissen!
Es entwickelte sich ein gutes Gespräch. Der Fremde kannte viele Bücher und Autoren, mit denen sie sich beschäftigte, und so verging die Zeit sehr schnell. Sie genoss es, sich mit diesem Mann zu unterhalten, der anscheinend sehr belesen war, kein Angeber, nicht albern oder aufdringlich. Sie wusste, dass sie noch ganz gut aussah, für gleichaltrige Männer durchaus attraktiv, aber doch in einem Alter, wo auf beiden Seiten Sex nicht die dominante Rolle spielte. Jetzt mochte man Gleichgestimmtheit, Harmonie, gute Gesprächsthemen, aber nichts von Krankheiten oder entzückenden Enkelkindern.
Inzwischen war es etwas kühler geworden, die Sonne blendete nicht mehr. Man nahm die Sonnenbrille ab und zog eine Jacke über. Der Aufbruch nahte, und damit auch das Ende des Gesprächs. Jeder würde wieder seiner Wege gehen. Beim Aufstehen fragte er sie, ob sie in Westerland wohne.
"Nein, in Keitum", antwortete sie.
"Oh, im schönsten Dorf der Insel", sagte er und fügte hinzu, "und mein Haus steht in Kampen. Wenn Sie nichts Besseres vorhaben, würde ich Sie gerne einladen, in Kampen noch eine Kleinigkeit mit mir zu essen."
Sie überlegte rasch, wie sie sich entscheiden sollte. War ein Risiko dabei? Welches? Sie würde ihr Essen selbst bezahlen, sie konnte dabei die interessante Unterhaltung fortsetzen, und wer weiß, wann Klaus nach Hause käme. Bei ihm dehnten sich Treffen meist lange aus, und sie wollte nicht gern in ein leeres Haus kommen. Also sagte sie zu. In einer Nebenstraße hatte er einen Audi geparkt.
"Leihwagen", sagte er, "für mich alleine reicht er für den Aufenthalt hier."
Sie fand das in Ordnung und stieg ein. Während der Fahrt dachte sie "also ist er anscheinend doch allein hier. Aber natürlich fällt so ein Mensch nicht vom Himmel. Eine Herkunft, eine Vergangenheit und auch eine Gegenwart hat jeder."
Er hatte bisher nur Freunde erwähnt, einen Vetter, Bekannte, nichts Familiäres. Sie war an ihm als Partner nicht interessiert. Sie war nur selbst einige Phasen ihres Lebens allein gewesen und immer neugierig, wie andere mit dem Leben umgingen.
Wenn man ein oder zwei Freunde oder Bekannte dieses Mannes kennenlernen würde, hätte man mehr Anhaltspunkte, wie dieses Leben und dieser Mann aussahen. In Kampen, in der Nähe einer Ampel, fuhren sie an einer Galerie vorbei. Lilo erwähnte, dass sie sich mehrfach in dieser Galerie umgesehen hatte. Dabei kam die Bildersammlung zur Sprache, die sie von ihrem Vater übernommen hatte. Das schien ihn sehr zu interessieren, und er zeigte auch auf diesem Gebiet Fachkenntnisse. Lilo war auf der Hut, nicht zu viel Persönliches zu erzählen. Sie wollte sich an diesem Tag gut unterhalten, sich verabschieden und alles auf sich beruhen lassen. Sie wollte ihr Leben behalten, Distanz wahren, und keine, wie auch immer geartete Verknüpfung mit einem anderen Leben eingehen. Dieser Mann schien die gleiche Ansicht zu haben. Das gefiel ihr.
Nach dem gemütlichen Abendessen, bei einem Glas Wein, führte sie das Gespräch wieder zu Kunst und Bildern. Inzwischen hatte er sich mit seinem Namen -- Rüdiger Hanssmann -- vorgestellt und sie sich mit ihrem Mädchennamen, Lilo Schwarz.
Das Zusammensein war geprägt von Sympathie und Abgrenzung.
"Obwohl es ziemlich albern klingt, ganz als würde ich sagen, ich zeige Ihnen meine Briefmarkensammlung, möchte ich Ihnen gerne meine Gemälde und Graphiken zeigen, denn Sie haben offenbar wirklich Verständnis und Kenntnisse."
Lilo zögerte. Wie sah die Situation jetzt aus? Sicher, man geht nicht gleich am ersten Tag mit einem fremden Mann in sein Haus. Aber was riskierte sie? Man war nicht mehr jung, man war auf der Insel, wo ohnehin vieles im Zeitraffertempo geschah, und sie war keine kleine Maus, die sich nicht wehren konnte.
Wehren - wogegen? Lächerlich. Zudem lebte man in der Hoch-saison sowieso auf dem Präsentierteller. Der Ober in dem kleinen Restaurant, in dem sie gegessen hatten, schien eine gewisse Vertrautheit ihrem Gesprächspartner gegenüber zu zeigen. Also war der Mann hier wahrscheinlich bekannt.
Sie beschloss, seinem Vorschlag zuzustimmen. Die Gemälde würden seinen Geschmack offenbaren und das Bild etwas abrunden, das sie von ihm hatte. Sie hatte in der Handtasche ihr Handy und würde sich nach dem Rundgang in seinem Haus ein Taxi rufen.
Das Haus, zu dem er mit ihr fuhr, lag inmitten der Heidelandschaft. Es war nicht groß, aber sehr hübsch und gepflegt, im friesischen Stil gebaut und von einem Wall und einer sehr hohen Rosenhecke umgeben. Ihr Begleiter fuhr nicht auf den hauseigenen Parkplatz, sondern hielt einige Meter entfernt mit der Begründung, er wolle sie anschließend nach Hause fahren. Sie lehnte das entschieden ab.
Sie betraten das Haus und sie stellte fest, dass es sehr geschmackvoll eingerichtet war. Auch die Bilder und Graphiken an den Wänden gefielen ihr ausnehmend gut. Sie gingen durch einige Räume und ihr fiel neben der schönen Ausstattung der Räume die Ordnung und Sauberkeit auf. Es lag kein Buch herum, keine Zeitung, kein benutztes Geschirr, und nirgends hing eine Jacke über einer Stuhllehne. War der Mann so ordentlich? Fast fröstelte es sie ein bisschen.
dass alles zu einem guten Ende kommen wird, ist sehr wahrscheinlich. Aber wie die Geschichte weitergeht, wird hier nicht verraten.
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