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Leseprobe







Mein friedliches
Vietnam

 

 

Prolog

Ich war in meinem Leben ein Mal in Vietnam. Drei kurze, lange Wochen. Jeden Tag habe ich mir einige Notizen gemacht. Seit fast vier Jahren liegt dieses winzige Tagebuch irgendwo in einem Regal und wartet auf mich, auf meine Hände, auf meine Erinnerung, auf meine Überwindung.

Dieser, mein Anfang ist schon so falsch, wie ein Anfang nur falsch sein kann. Das Ich ist falsch. Wir waren in Vietnam. A., Hans und ich. A. gibt es in meinem Leben nicht mehr, Hans ist mein Besuchskind und immer noch mein Schmerzenskind. Wir haben diese, unsere letzte Chance verpasst. Vietnam, das wird es so wie für uns drei nicht noch einmal geben.

So wenig geben wie einen abgelaufenen Tag, wie Wochen ohne Sonnenschein, wie Monate ohne einen Drachen. Vietnam, eine Möglichkeit nach elf Jahren Ehe- und Familienseins für Glück und Neubeginn. Verpasst.

Mein winziges Tagebuch - falsch. Es ist nur ein kleiner Block mit losen Zetteln. Und auf diesen stehen alle Buchstaben für meine aufregendste und hoffnungsvollste Lebenszeit. So wenig, wo es doch so viel war. Ich hoffe, dass ich genug Bilder gemalt habe und sie beim Lesen der mageren Notizen in mir wach werden. Mein guter Vietnamblock ist vor zwei Jahren auf eine große Reise gegangen, auf die Reise zu mir.



16. Dezember 1999
Ankunft


Chung A' war fünf Jahre einer meiner Lieblingsaspiranten. Er studierte in Berlin Soziologie und war der diplomatischste und charmanteste meiner Schüler aus den Entwicklungsländern. Es war damals ein gutes Arbeiten, weil die Klassen nur aus wenigen Teilnehmern bestanden. Wenn ich mich richtig erinnere, lernten in meinem Kurs drei Angolaner, zwei hübsche Schwarze aus Guinea-Bissau und mein Vietnamese Chung A'.

Durch die politischen Wirren in Deutschland verloren wir uns alle aus den Augen. Zweimal erreichten mich Briefe aus Angola. Das machte mich sehr glücklich, weil die Gewissheit, dass noch jemand lebt, mich bei optimistischer Laune hielt und die Hoffnung nährte, dass es vielleicht allen meinen Schülern gut ginge.

Chung A' machte das, was man in Deutschland, egal ob Ost oder West, durchaus Karriere nennt. Er wurde stellvertretender Präsident des vietnamesischen AIDS- Komitees. Und in dieser Funktion reiste er durch die Welt und traf dann irgendwann auf einer seiner Touren auch seine alte, geliebte Deutschlehrerin wieder. Alte Lehrerin meint in jedem Fall frühere Lehrerin. Ich war durchaus noch nicht alt und lebte zum Zeitpunkt des kurzen Treffens mit Chung A' mit meiner Familie in Prenzlauer Berg in einer großen Berliner Altbauwohnung.

Eine Einladung nach Vietnam wurde wiederholt, ich habe diese aber nicht wirklich in meinem Kopf abgespeichert. Familie,
deutsche Wende, Existenz- und Zukunftsängste, Gejachter nach dem lieben Geld, das jetzt Deutsche Mark hieß. Das alles ließ keinen Spielraum für den Gedanken an eine Asienreise.

Erst im Frühling des Jahres 1999 stutzte ich und kam ins Träumen. In einer ADAC-Zeitschrift war ein winziges Bild abgedruckt, das mir bekannt und doch nicht bekannt vorkam. War es die Notre Dame? Ja. Aber nicht die Notre Dame in Paris, sondern die von Saigon. Das hatte ich nicht gewusst, dass es noch eine zweite Notre Dame auf dieser Welt gibt. Und meine wundervolle Zeit mit meinen Freundinnen in Paris lag hinter mir. Und ich war schon in der Pariser Notre Dame gewesen und dieses Erlebnis hatte ich noch gar nicht verarbeitet. Wie kann man Atmosphäre, Gefühle, Empfinden in gedankliche Schubkästen packen?

Gar nicht.

Schon am späten Nachmittag artikulierte ich A. gegenüber meine Absicht, nach Vietnam zu reisen und mir die Notre Dame anzusehen. Zu diesem Zeitpunkt wohnten wir bereits etliche Zeit in einem Reihenhaus auf dem Dorf. Und ich hatte meinen Widerwillen gegen Reisen, den ich nach der Wende aufgebaut hatte, während meiner ersten Parisreise abgelegt. Ich wollte nach Saigon und dachte mir nichts Böses dabei.

Die Reisevorbereitungen gestalteten sich langwierig, die Kommunikation schriftlicher und mündlicher Natur funktionierte nicht immer störungsfrei, die Impfungen waren teuer und die Visa waren erst in der letzten Minute fertig.

Mit Verspätung landeten wir auf dem Hanoier Flughafen. Schon hier das erste Bewusstsein, in einer anderen Welt angekommen zu sein. Vielleicht lag es nur an dem langen Flug, aber alles roch plötzlich anders, die Luft fühlte sich neu an und mein Herz schlug in disharmonischen Takten. Käfige mit Hunden werden ausgeladen und geöffnet. Die Tiere stürzen sich auf die hingestellten Wassernäpfe. Wie lange waren sie ohne Futter und ohne Flüssigkeit?

Wir warten auf unser Gepäck. Alles da, nur der große rote Rucksack nicht. In dem sind unsere Schuhe und das Waschzeug. Passkontrolle vietnamesisch: Hinter hohen und sehr dicken Marmorblöcken sitzen unfreundliche, uniformierte Vietnamesen und sind sehr gründlich und geschäftig bei ihrer Tätigkeit. Erst nach Verlassen des Marmorbereiches sehen wir, dass in diesen Steinblöcken die Computer eingearbeitet sind. Für Dritte nicht zu erkennen. Versteckte Technik. Ich bin beeindruckt.

Trotz unserer Verspätung klappt das Abholen am Flughafengelände. Wir werden vom Kollegen Quang abgeholt - und steigen in einen großen "Mazda" ein. Was folgt, wurde mein erster vietnamesischer Kulturschock. Und es war doch nur eine Autofahrt vom Flughafen in die Stadt zum Hotel, das dann auch noch den Namen "Las Vegas" hatte.

Mopeds, Fahrräder, Autos - chronisches Klingeln und Hupen. Man kann das im Reiseführer gelesen haben, es ist doch nicht vorstellbar. In meinem Kopf geisterte nur ein Wort umher - Gewusel!!! Der vietnamesische Straßenverkehr ist für durchschnittlich gebildete Mitteleuropäer über längere Strecken nicht zu durchschauen. Das, was alles steuert, lenkt und leitet, ist das Hupen. Wer lauter und länger hupt, hat Vorfahrt. Irgendwie so. Wir kommen gut vorwärts. Quang hupt laut und lange. An mir ziehen Reisfelder vorbei, Friedhöfe, unbekannte Natur. Rechts die Wohnlandschaft. Hütten, Häuser, Blech, Unverputztes. Alle Menschen in Bewegung, nur Gewusel.

Wir nähern uns immer mehr dem Zentrum von Hanoi. Die Straßen werden enger, alle Häuser sind flach, wir sind vor unserem Hotel angekommen. Chung A' steht im Türrahmen. Er drückt mir einen riesigen Blumenstrauß in die Arme, danach umarmen wir uns und es ist so unwirklich, dass ich mir den Schlaf aus den Augen reiben möchte. Aber es ist kein Schlaf da. Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Wie haben wir in der Vergangenheit zusammen gearbeitet? Was alles ist in den letzten zehn Jahren geschehen. In den letzten zwanzig Jahren passiert? Viel Politik. Viel verlorene Freundschaft. Viel Verdrängtes. Ich bin gerührt, ein bisschen durcheinander und ein Stückchen von mir steht neben mir.

Wir dürfen uns ein Hotelzimmer aussuchen. Haben wir das gesamte Hotel für uns? Nicht ganz. Chung A' empfiehlt uns das Zimmer mit den breitesten Betten, es ist auch am teuersten. Wir tun ihm den Gefallen. Dreißig Dollar die Nacht, aber das Zimmer ist fantastisch. Das Bad hat europäischen Komfort, nur mit dem Wasser muss man ein bisschen aufpassen, natürlich kein Trinkwasser, aber kaltes Mineralwasser steht im Kühlschrank. Alles ist gut.

Beim Zähneputzen dann nicht mehr. Das vietnamesische Wasser passt nicht mit deutscher Zahncreme zusammen. Es ist einfach nur ekelig. Auf der Ablage liegt vietnamesische Zahnpasta, sie fühlt sich an wie Sand. Passt aber zum Wasser. So geht das mit der Zahn- und Mundhygiene. Wir benutzen die Hotelzahncreme und packen die deutsche wieder in den Koffer.

Sehr witzig. Wir sind unglaublich schnell zum Biertrinken eingeladen. Wie deutsch, ich glaube es nicht. Chung A's Schwager besitzt ein Straßen-Café. Wir trinken vietnamesisches Bier, es schmeckt lecker. Hans probiert Kokusmilch, weniger lecker. Wir werden in den Umgang mit Stäbchen eingewiesen. Klappt bei Hans und A. sehr gut. Ich denke, dass ich bestimmt abnehmen werde bei meinem Schneckentempo im Begreifen der Technik von Nahrungsaufnahme.

Wir besprechen unser Reiseprogramm, legen Reiserouten fest. Begreife ich das jetzt alles? So ein Gefühl in meinem Bauch sagt mir, dass uns Chung A' Probleme vom Hals halten will. Wir sollen relativ lange in Hanoi bleiben. Zum Roten Fluss dürfen wir aus irgendwelchen Gründen nicht gehen. Wir sind offizielle Gäste des AIDS-Komitees. Das war mir bei Reiseantritt auch nicht klar. Innerlich baut sich eine gewisse Spannung auf, keine Angst, aber etwas, was mich zwingt, mir den Weg vom Straßen-Café zum Hotel einzuprägen.



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und alles wird gut.