Leseprobe

 

 

 

 

 

 

 

Jenna Weigel

 

Der Auftrag des
Traumwandlers

 

empfohlenes Lesealter:

 8  9  10  11  12 13 

Der Traum

 

Die zebragestreifte Ratte schaute mich herausfordernd an.
Sie sagte:

"Guck nicht so, sonst gibt es was auf die Nuss!"

Ich blinzelte verwirrt, konnte aber nicht aufhören, die aufrecht gehende Ratte anzustarren, die auf einmal vor mir stand. Sie hatte Streifen, und sie sprach!


Mein Kopf schmerzte, und alles drehte sich. Wo war ich, und vor allem, wie war ich hierhergekommen?

Die Gasse, in der ich stand, war schmal, gerade breit genug, um einem Menschen Platz zu gewähren. Die steinernen Wände der Häuser ragten mehrere Stockwerke hinauf. Ein paar beschädigte Holzläden schlugen unregelmäßig mit jeder Windböe gegen die Wände. Es klang unheimlich. Eine einzige alte Laterne beleuchtete schwach den Weg. Der Rest der Gasse war in Dunkelheit gehüllt.


Ich war derart tief in die Betrachtung meiner Umgebung versunken, dass ich die Ratte für ganz kurze Zeit vergessen hatte. Doch nun war sie einen Schritt näher an mich herangetreten - und ich konnte ihr in der engen Gasse nicht ausweichen. Mit dem Rücken zur Wand stand ich da. Ich konnte ihren Atem auf meinem Arm spüren. Ihre Schnurrbarthaare vibrierten, als sie an mir roch. Ihre kleine, rosafarbene Nase bewegte sich unablässig hin und her.

Aufrecht stehend ging sie mir fast bis zur Brust. Ihre kleinen Ohren waren von vielen goldenen Ohrringen geschmückt, und eine schwarze Klappe, wie sie die Piraten in den Märchenbüchern tragen, verdeckte eines ihrer Augen. Sie trug ein zu großes, weißes Hemd mit weiten Ärmeln und eine dunkle Pluderhose. Ein kleiner brauner Lederbeutel hing an ihrer Seite. Irgendwie erinnerte mich diese Ratte an die guten alten Freibeuter aus den Abenteuerfilmen.

Ja, meine Träume waren immer schon sehr einfallsreich gewesen, aber so echt hatte sich bisher keiner angefühlt. Langsam, wie in Trance, streckte ich meine Hand nach dem rechten Ohr der Ratte aus. Ich wollte das Fell zwischen meinen Fingern spüren, um mich von der Echtheit dieses Geschöpfes zu überzeugen.

Mit einer schnellen Bewegung zog die Ratte jedoch ein kleines Stilett aus dem Gürtel und huschte damit flink und drohend vor mir herum. Meine Hand verharrte bewegungslos in der Luft.


Die sprechende Ratte sagte:

"Wenn du mich angreifen willst, musst du früher aufstehen! Nicht mit Knisper! Nein, nein, zu schlau, zu schnell!"


Argwöhnisch warf sie das Stilett von einer Pfote in die andere. Man mochte meinen, auch sie hätte zu viele Piratenfilme gesehen. Mir wurde bewusst, dass ich mit der Hand in der Luft ziemlich lächerlich aussehen musste und ließ meinen Arm wieder sinken. Ich versuchte sie zu fragen, wer sie sei und was sie von mir wollte, brachte aber nur ein Stottern heraus:

"Wa - Wa - Wa ..."


"Also, ich dachte immer, dass ihr Menschen der Sprache des zivilisierten Bundes mächtig seid, aber da habe ich mich wohl geirrt. Wo hat man dich denn rausgelassen?"
Die schwarz-weiß gestreifte Zebra-Ratte legte den Kopf schief und starrte mich aus ihrem einen schwarzen Knopfauge an. Der lange, helle Schwanz vollführte seinen eigenen Tanz, und ich ertappte mich dabei, dass ich seinen Bewegungen folgte. Dann sammelte ich mich und versuchte es erneut:

"Wo - bin ich? Und - was bist - du?"


Dieser sonderbare Traum schien doch realer zu sein als ich zugeben wollte. Hatte ich vor dem Zu-Bett-Gehen etwas Komisches gegessen, vielleicht eine Tiersendung geschaut? Irgendwoher musste die Fantasie mit der gestreiften Ratte doch kommen!

"Na, wenn du das nicht weißt! Du bist hier in Ihrai", antwortete das Tier.

Ich kicherte - jetzt schon ein wenig hysterisch - bis ich das erneute Aufblitzen von Stahl im fahlen Laternenlicht sah.


"Was grinst du denn so blöd? Häh?"


"Ach nichts! Wirklich, es ist nichts. Ihrai sagst du? Ist das eine Stadt? Oder heißt das Land so? Gibt es hier noch mehr von deiner Sorte? Könnt ihr alle sprechen?"


Die Ratte wich vor der Flut meiner Worte erstaunt einen Schritt zurück. Immer noch mit argwöhnischem Blick antwortete sie:

"Das hier ist die glänzende, prächtige Stadt Ihrai, Hauptstadt von Termwall und Regierungssitz der Menschen und Rarrs. Ich bin eine Rarr. Jawohl! Und natürlich können wir Rarrs sprechen. Was für eine dämliche Frage!"


Augen rollend, zumindest empfand ich es so, gab die Ratte mir das Gefühl, der dümmste Mensch auf dem Planeten zu sein. Moment, das hier war ein Traum! Was machte ich mir eigentlich einen Kopf um irgendein Rattenvolk? Memo an mich, morgen einen Termin mit dem Psychiater vereinbaren! Mit ihm über diesen Traum und eine mögliche Rattenphobie reden!

Ich notierte mir in Gedanken, was ich nach dem Aufwachen alles machen wollte, doch als ich fertig war, stand das Zebrading immer noch vor mir! Mit gezogener Waffe!
Das blitzende Messer hüpfte von einer zierlichen Pfote in die andere. Aber die Ratte war scheinbar nur neugierig, sonst hätte sie mir doch schon längst etwas getan. Ich versuchte mich zu beruhigen. Keiner hatte sie daran gehindert, aus der Gasse zu verschwinden, aber sie stand immer noch dort.

"Ich - ich tu dir nichts! Versprochen! Aber nimm bitte den Zahnstocher runter, sonst passiert noch ein Unglück, und ein Auge hast du ja scheinbar schon eingebüßt."


Ha! Langsam gewann ich meine Fassung wieder. Ich träumte ja, und in Träumen kann einem bekanntlich nicht wirklich etwas Schlimmes passieren. Dachte ich.

Was dann kam, hatte ich keineswegs erwartet. Das Stilett schoss vor und ritzte mir die Haut am Unterarm auf. Ein paar dunkelrote Tropfen Blut fielen zu Boden. Die Wunde war nicht tief, aber es ziepte schon ungemein, und als dann der richtige Schmerz einsetzte, schrie ich:

"Autsch! Was soll denn das? Ich habe dir doch gar nichts getan!"


Ich schimpfte wie ein Rohrspatz und hielt mir den Arm. Die Ratte fuchtelte mit ihrer Waffe vor meinem Gesicht herum und antwortete:

"Hab' dir doch gesagt, mit mir ist nicht zu spaßen, und lustig kannst du dich über andere machen!"


"Das mit deinem Auge war nur ein gut gemeinter Rat!", erklärte ich ihr mit schriller Stimme. Plötzlich sah die Ratte sich um und prüfte schnüffelnd die Luft.


"Shsss, Shsss! Wir sollten hier nicht länger bleiben. Etwas Schlimmes ist heute Nacht unterwegs! Komm mit!", flüsterte sie. Kleine, aber erstaunlich starke Pfoten zogen mich einfach hinter sich her.


Na ja, vielleicht noch eine oder auch zwei Stunden, dann würde ich eh wach werden. Also warum nicht mitspielen? Nur schwach protestierend ließ ich mich von der Zebra-Ratte durch die Gassen zerren. In diesem Labyrinth von kleinen Straßen und Gässchen wäre ich alleine verloren gewesen. Mal ging es links herum, mal rechts herum. Erst nach knapp zwanzig Minuten hielt das Geschöpf das erste Mal an und sog wieder prüfend die Luft ein.
Ich roch - gar nichts.

"Die Luft ist rein. Komm, du scheinst ja wirklich nicht von hier zu sein. Und du stinkst wie ein wildes Gok!"

Unauffällig schnupperte ich unter meinen Achseln. Okay, vielleicht hielten die Deos wirklich nicht immer, was sie versprachen, aber bestimmt "stank" ich auch nicht wie ein wildes Gok, was zum Teufel das auch immer sein mochte!


Kurz darauf erreichten wir einen großen, freien Platz, der von Häusern umgeben war. Ich sah nun, dass schmale Gassen aus allen vier Himmelsrichtungen auf diesen Platz führten. Die Architekten waren wohl beim Bau recht zuversichtlich gewesen, dass ihre Konstruktionen schon halten würden. Der schiefe Turm von Pisa war gar nichts gegen den Anblick, der sich mir hier bot. Alle Häuser standen ganz dicht - Wand an Wand - beieinander. Aber es gab keines, das nicht aussah, als könne es jeden Moment nach vorne oder hinten umkippen. Jedes Fenster war anders schief, und an keinem einzigen waren die Fensterläden noch vollständig und heil. Quer über die Gassen waren Leinen gespannt, an denen bunte Wäschestücke verschiedenster Art hingen; und so leer die Gasse gewesen war, aus der wir kamen, so voller Leben war nun dieser Platz.


Eine große Menschentraube und ein wahrer Heerzug von Ratten strömten zielstrebig auf ein ganz bestimmtes Gebäude zu und verschwanden darin. Es war das größte Haus an diesem Platz, wie mir schien. Gedämpftes Licht drang aus den Fenstern, Gesang und Trubel wehte zu uns herüber. Über allem lag ein Geruch, der mich daran erinnerte, dass ich zwar träumte, aber auch in meinem Traum einen Magen besaß. Mit lautem Grummeln verkündete dieser, dass es an der Zeit wäre, mal was zu essen. Die Ratte schaute mich grinsend an.

"Na, du hast ja wohl lange nix mehr gegessen. Ich lad' dich ein, und du erzählst mir, wo du herkommst."


Ich nickte nur und folgte der Ratte mit glänzenden Augen in das Gebäude.

 

und hier gibt es die erste öffentliche Buchbesprechung


 

 

zurück

 




 

 zurück zu  Startseite EWK-Verlag  Startseite egon-w-kreutzer.de


 Sie vermissen Navigationsleisten - Impressum - Home-Button?
  Klicken Sie

HIER

und alles wird gut.