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David Forster
Tango Ekuador
Gegensätze prallen aufeinander.
Die wohlhabende, verwöhnte, attraktive Europäerin trifft auf den kriegsversehrten, in Armut dahinvegetierenden Mittelamerkikaner - Leidenschaft flammt auf. Wo sie nur spielen, ihre sexuelle Freiheit ausleben wollte, glaubt er, Besitzrechte errungen und
Beschützerpflichten übernommen zu haben.
Der Traum wird zum Albtraum.
David Forster nimmt den Leser von der ersten bis zur letzten Zeile
gefangen. Sein Erstlingswerk ist von ungeheurer Dichte, Rasanz
und sprachlicher Präsenz.
Jede Szene ist echt, authentisch, gegenwärtig.
Tauchen Sie ein, tanzen Sie mit - der Tango Ekuador wird Sie nicht mehr loslassen!
Tango Ekuador
Leseprobe
Als er vor dem Haus steht, wird ihm etwas flau. Er spürt, dass er seit vielen Stunden nichts gegessen hat und die Wirkung des Kokains lässt sein Herz in rasend schnellen Takten tanzen. Im Treppenhaus lehnt er sich an die Wand und atmet ein paar Mal tief durch, bevor er sich zum Lift begibt. Vor der Glastür im dritten Stock verharrt er noch einmal für einen Moment, dann klingelt er und tritt einen Schritt zurück. Durch die milchig gefärbten Scheiben der Tür sieht er die Umrisse eines weiblichen Körpers auf sich zukommen.Evelyne öffnet die Türe mit einem Lächeln. Vor ihr steht der junge Kriegsverletzte mit den schwärzesten Augen der Welt, gestützt auf seine beiden hölzernen Krücken. Seine pechschwarzen Haare sind zurückgekämmt, ganz kurz geschnitten. Seine bronzefarbene Haut glänzt von einer feinen Schweißschicht im fahlen Licht des Treppenhauses. Er ist zwar nicht großgewachsen, doch schlank bis zur Magerkeit, seine Füße stecken in riesigen schwarzen Schnürstiefeln, die verwaschene Uniformhose fällt formlos bis dahin, wo sie in die Schäfte der Stiefel gezwängt wird. Seine Schultern sind leicht nach vorne gebeugt, die Hände stützen sich schwer auf die Handgriffe der Krücke. Er lächelt unsicher, sein Blick weicht dem ihren aus, weist auf die Plastiktüte hin, die wie ein Fremdkörper an der einen Krücke baumelt.
"Senor Silva?", fragt sie, und ihre Stimme scheint ihr von weit her zu kommen, hallt im Treppenhaus nach. Einige Herzschläge lang ist es absolut ruhig, bevor er antwortet, mit einer weichen, angenehmen Stimme.
"Ich habe sie auf dem Busbahnhof gesehen", sagt er ohne sie zu begrüßen, "ich habe ihre Tasche mitgebracht".
Sofort beginnt er an der festgebundenen Tasche zu nesteln, lehnt sich mit der Schulter an die rau verputzte Wand des Treppenhauses um beide Hände freizuhaben, bindet die Tasche los und streckt sie ihr entgegen. Sie sieht, dass seine Hände zittern und eine heiße Welle von Mitleid überflutet sie wie ein Schwächeanfall. Schnell nimmt sie ihm die Tasche ab und unterdrückt den Wunsch, ihn zu stützen, so wie er schwankt, als er sich vorbeugt, um ihr die Tasche zu geben. Ihre Hände berühren sich für einen Moment. Seine sind kalt und feucht, ihre warm um und weich. Sie spürt sein innerliches Zittern wie einen leichten Schmerz und macht einen Schritt zurück, tritt gleichzeitig zur Seite.
"Bitte treten sie ein Senor Silva, ich möchte sie einladen mit mir eine Tasse Tee zu trinken."
Als er sich zögernd und schwerfällig aufmacht, ihr zu folgen, legt sie die Hand auf den Ärmel seines frisch gestärkten Hemdes, ruhig und sicher wie eine Krankenschwester, und doch um vieles erregter als eine solche. Sein Gesicht glänzt jetzt vor Feuchtigkeit. Er spürt Übelkeit in sich aufsteigen und zugleich eine Schwäche in den Muskeln. Krampfhaft klammert er sich an seine Krücken. In der Sitzecke, wo Teewasser und Kaffeemaschine für die Bürobesucher bereitstehen, fällt er schwer auf einen der gepolsterten Sessel, wie einer, den gerade alle Kraft verlässt. Mit dem Ärmel wischt er sich die Stirn. Er schwitz heftig, obwohl in zugleich eine eisige Kälte plagt. Er spürt, wie ihm der kalte Schweiß in den Kragen von Vaters Hemd rinnt. Doch um ihn herum erstrahlt alles in künstlicher Klarheit - der Körper der Frau in dem engen gelben Kleid, die bequemen Sessel, das Zischen des Teewassers, die großen Fenster, die das Sonnenlicht hereinfallen lassen. Der graue weiche Teppich, auf dem seine Stiefel wie große schwarze Insekten weit weg von ihm Platz genommen haben.
"Das Kokain ist gut", denkt er, "zu gut...!"
Er schließt die Augen, in der Nase den Geruch der fremden weißen Frau.
"Mein Gott", denkt Evelyne, "der Mann ist ja völlig fertig!"
Sie bereitet den Tee, während sie die Gestalt auf dem Sessel aus den Augenwinkeln betrachtet. Ein kleiner klarer Schweißtropfen hängt an seiner Nase und es schießt ihr durch den Kopf, dass sie ihn ablecken sollte, wie eine Katze die ihr krankes Junges pflegt. Verwirrt hält sie einen Moment inne. Sie dreht sich ihm zu und betrachtet ihn, der mit geschlossenen Augen dasitzt, Sonne auf dem bronzebleichen Gesicht, beide Fäuste um die Griffe der Krücke gekrampft. Er sitzt aufrecht mit ausgestreckten Beinen. Es fällt ihr jetzt auch auf, dass das eine Bein erheblich dicker scheint, als das andere. An seinem Hals pulsiert eine kleine blaue Ader, sein Atem geht schnell. Sie füllt heißes Wasser in die kleine Teekanne, legt das kleine silberne Teeei dazu - bester Darjeeling. Auf guten Tee hat sie schon immer Wert gelegt, sie stellt zwei Tassen auf den Tisch und setzt sich ihm gegenüber, schaut ihn an, die Beine zusammengestellt. Unbewusst stützt sie sich mit beiden Ellbogen auf die Knie und betrachtet ihn, wie man einen Menschen im Schlaf betrachtet. Er hat angenehme regelmäßige Züge, lange schwarze Wimpern und einen schön geschnittenen Mund mit vollen Lippen. Er ist jung, doch mit Linien im Gesicht, die von Erfahrungen und Taten erzählen, die ihr fremd sind. Seine Hände sind klein und kräftig, seine Schultern zwar schmal, aber muskulös. Das dünne verwaschene Hemd lässt die braune Haut durchschimmern. Sie kommt zum Schluss, dass er gut aussieht, anziehend wie ein geschmeidiges Tier, wenn auch sein jetziger Zustand ihn harmlos erscheinen lässt. Sie schweigt, betrachtet ihn, fährt sich einmal nervös mit den Händen die Oberschenkel entlang und fällt wieder zurück in die fast kauernde Stellung. Ihre Augen ruhen auf ihm ohne zu denken und sie spürt, wie ihre Kehle trocken wird, wie in ihr der Wunsch aufsteigt, sich neben ihn zu setzen und seine Kälte mit ihrer Lebendigkeit zu wärmen.
Er bewegt sich nicht, wie sich ein gefangenes Wildtier auch nicht bewegt, in der Gegenwart seiner Jäger, wenn es sich seiner Ohnmacht bewusst ist. In Ramons Kopf purzeln keine Gedanken, er ist still, wartet auf nichts, genießt die Stille und spürt das Sonnenlicht und den Blick der Frau auf sich, ohne sich zu rühren. Wozu auch? Langsam weicht die Kälte, wird sein Inneres stiller, beginnt das Blut wieder zu fließen ohne Stockungen.
Auch sie spürt, wie er sich beruhigt, aufhört zu zittern, sich seine Hände entspannen und es kommt ihr vor, wie wenn sie zur gleichen Zeit, in den gleichen Sekunden Spannung abgibt mit ihm, von ihm. Plötzlich klingelt das Telefon.
Als sie sich nach dem Anruf umdrehte, der leider etwas länger gedauert hatte - es war ein jammernder und betrübter Gerhard aus Cuenca gewesen, dem sie nun schon zum dritten Mal erklären musste, wieso das Geld noch nicht eingetroffen sei und der sich noch des langen und breiten über die Ineffizienz der Cuencanischen Behörden und über die Unverschämtheit des geschädigten Taxifahrers auslassen musste, bevor er mit der Bemerkung, dass er nie mehr nach Ecuador kommen wolle, und ihr nächstes Treffen wohl wieder in Deutschland stattfinden müsse, sich endlich verabschiedete - erkannte sie den Besucher, der auf dem braunen Ledersessel saß und sie aufmerksam betrachtete, für einen Moment nicht wieder. Eine Sekunde lang glaubte sie, eine Art Gespenst zu sehen, mit großen Augen. Das Gespräch mit Gerhard hatte sie natürlich auf Deutsch geführt und auf Deutsch, wenn auch mit freundlicher Stimme fragte sie den fremden Mann: "Was machen Sie hier?".
Ramon ist beim ersten Klingeln des Telefons hellwach geworden, öffnet die Augen und sieht, wie sie sich aus dem Sessel erhebt und zu dem mit Papieren bedeckten Schreibtisch geht. Sie nimmt den Hörer ab und stellt sich mit dem Rücken zu ihm vor das große Fenster. Im Gegenlicht schimmern ihre Beine durch den Rock und bringen Ramon noch schneller in die Wirklichkeit zurück. Eine Wirklichkeit, die für ihn paradiesische Züge annimmt - der Tee, das weiche Sofa, die schöne Frau. Obwohl Ramon die Sprache nicht versteht, ja noch nicht einmal hätte sagen können, um welche Sprache es sich handelt, ist ihm schnell klar, dass das kein geschäftliches Telefonat war, dass die Frau sich auf unterschwellige Art mit jemandem gestritten hatte und dabei immer wieder ihre Stellung wechselte, mal die Hand auf die Hüfte stützte, und dann wieder mit den Fingern spielte oder an einer Haarsträhne zog, die ihr vor dem Gesicht hing. Als sie den Hörer aufhängt und noch bevor sie sich umdreht einen Augenblick vor dem Fenster verharrt, weiß er bereits, dass sie ihn vergessen hat. Das Kokain leuchtet jetzt sein Hirn aus, seine Gedanken sind von hellster Klarheit und der deutsche Satz den sie an ihn richtet, ist ihm in seiner Bedeutung keineswegs unverständlich. So antwortet er langsam: "Ruben de Silva, Senora Streif, zu ihren Diensten. Ich habe ihnen ihre Tasche gebracht."
"Ach ja", erwidert sie und ist ohne Übergang wieder in die Realität ihres kleinen Büros zurückgekommen.
"Ich bin ihnen dafür außerordentlich dankbar."
Er hält ihr die Plastiktüte hin. Sie nimmt die Tasche heraus, öffnet sie und überprüft den Inhalt.
"Das Geld fehlt natürlich."
Sie lächelt ihn an, während sie das sagt, ohne Argwohn, und hält den Pass in ihren Händen.
"Aber die wichtigeren Dinge sind hier. Sie wissen ja, Senor de Silva. Aber jetzt, wie kann ich mich ihnen erkenntlich zeigen für ihre Aufmerksamkeit? Wo haben sie die Tasche denn gefunden?"
Ramon erkennt, dass er handeln muss, wenn er nicht in wenigen Minuten aus dem Büro komplimentiert werden will, mit ein paar Sucres in der Hand.
"Ich habe beobachtet, wie sie bestohlen wurden, aber leider konnte ich es nicht verhindern, ich bin verletzt wie sie sehen."
Mit einer Bewegung des Kinns weist er auf sein Knie.
"Ich kann nicht sehr schnell gehen. Aber ich bin ihm gefolgt und habe ihn letztlich gestellt. Alles was für ihn von Wert war, hat er behalten. Aber mir war wichtig, Ihnen helfen zu können. Hätte ich nicht Ihre Suchmeldung im Radio gehört, hätte ich versucht, Sie über eine der Adressen in Ihren Papieren zu finden. Ich muss Ihnen gestehen, ich bin nicht ohne Hoffnung, dass Sie mir vielleicht in einer Sache, die mich betrifft, helfen könnten."
Das Kokain löst die Hemmungen, die er normalerweise im Umgang mit so einer Frau gehabt hätte, und während er spricht, sucht er den Blick ihrer graugrünen Augen. In ihrem Gesicht erkennt er Neugierde und freundliches Entgegenkommen.
"Und was wäre das für eine Sache?", fragt ihn der blassrosa geschminkte Mund, auf den er sich jetzt konzentriert.
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