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Leseprobe

Tschuluunzezeg Gaaw






Die kleine Steinblume

Das Glück des Ankommens

Februar 1962

Der Winter in der Mongolei dauert lange. Er ist hart, kalt und schneereich. Die Sommer sind dagegen sehr kurz und heiß. Doch die Luftfeuchtigkeit ist im Sommer wie im Winter sehr gering. Man kann die trockene Kälte und die trockene Wärme ohne große Schwierigkeiten vertragen.
Allerdings müssen die Nomaden, die im Frühling und Sommer mit ihren Schaf- und Ziegenherden von Ort zu Ort ziehen, um futterreiche Stellen für die Tiere zu suchen, schon im Sommer die Vorbereitungen für die Herbst- und Winterzeit treffen, weil doch immer wieder auch mit unangenehmen Überraschungen zu rechnen ist.

Die Außentemperatur lag an diesem Februartag etwa 40 bis 50 Grad unter Null. Die hohen und steilen Berge, welche aus der Ferne majestätisch und prachtvoll aussahen, waren von knisterndem, trockenem Pulverschnee bedeckt. Nahe beim Brunnen tanzte und glitzerte am Tag das Sonnenpünktchen auf der zu Eis gefrorenen Trinkstelle für die Herden von Kühen, Kamelen, Pferden, Schafen und Ziegen. Nachts glänzte alles vom schwach leuchtenden Mondlicht, als wäre es mit Silber überzogen. Die Natur zeigte sich in einer faszinierenden und bewundernswerten Schönheit, an der man sich nicht satt zu sehen vermochte.
Im Winter blieben die Nomaden an einem Ort mit Schafstall. Das nannte man Winterquartier. Die Jurten wurden wintergerecht eingerichtet. Meine Familie hatte ihre Jurte mit den dicksten Schaf- und Kamelwolldecken und wasserdichten Planen für den Winter ausgerüstet. Der Blechofen in der Mitte der Jurte wurde ununterbrochen mit getrocknetem Mist beheizt.
Schon drei Tage vor dem eigentlichen Geburtstermin war ein Schaf geschlachtet worden, um später für die entkräftete Mutter ein kräftiges Essen zubereiten zu können, bei dem auch der traditionelle Tee mit Milch und Salz, der zu den wichtigsten Getränken der Mongolei zählt, nicht fehlen durfte. Die Schwiegermutter, die in den letzten Tagen der Schwangerschaft ganz selbstverständlich mit für das Wohlbefinden ihrer Tochter sorgte, war für die Zubereitung der Mahlzeiten zuständig. Der Vater verfolgte seit dem Eintreten der Wehen den Allgemeinzustand seiner Frau mit höchster Aufmerksamkeit. Er versuchte, die Schmerzen mit ihr zu teilen, indem er ihre Hand hielt und mit ihr das korrekte Atmen und Pressen übte.

Als die Abstände der Wehen kürzer wurden, begann der Vater die wichtigsten Vorbereitungen für die Geburt zu treffen. Die drei älteren Kinder wurden zu den Schwiegereltern gebracht, die ihre Jurte ganz in der Nähe aufgebaut hatten. Als er zurückkam und die Öffnung der Jurte zuzog, um den Luftzug zu vermindern, verwandelte der glühende Blechofen die Jurte in kürzester Zeit in eine regelrechte Sauna. Dann richtete er auf der rechten Seite der Jurte - von der Tür her gesehen - die Betten für seine Frau und das in Kürze erwartete Baby. Dort war der geeignetste Platz dafür. Die Betten bestanden aus selbstgemachten Matratzen, Kopfkissen, Fellen und Decken. Die werdende Mutter musste eine aus Schafsfell selbst genähte Tracht anziehen, denn sonst wäre es bei der Geburt zu kalt für sie gewesen.
In aller Ruhe und Gelassenheit fuhr das Familienoberhaupt mit den Vorbereitungen fort. Eine Schere, eine Art Schüssel, warmes Wasser, viele Tücher und etliche andere Utensilien wurden von ihm bereitgestellt.

Doch das Baby hatte es nicht eilig und ließ die Eltern volle zwei Tage warten, bevor es in der dritten Nacht, bei Kerzenschein, schreiend und plärrend das Licht der Welt erblickte. Die Familie war um ein Mädchen reicher geworden. Sie gaben ihr den Namen "Steinblume".

Der Vater wachte den Rest der Nacht aufmerksam über seine Frau und das neugeborene Kind. Doch es traten keine Probleme auf. Auch das gefürchtete Kindbettfieber blieb zum Glück aus. Der schwierigste Teil der Aufgaben war bewältigt. Zwei Wochen lang übernahm der Vater alle Aufgaben seiner Frau. Danach normalisierte sich das Leben wieder und die Familie fand zu ihrem gewohnten Tagesrhythmus zurück. Das Geschehen außerhalb der Jurte war bis dahin nicht von Belang gewesen. Zwar hatte man in den Nächten die Wölfe gehört, denen ein verführerischer und einladender Tiergeruch in die Nase gestiegen war, doch außer dem Bellen des vor der Jurte wachenden Schäferhundes, der das Jaulen der Wölfe mit warnendem Bellen beantwortete, unterbrach kein Geräusch die Stille der Nacht.


 

Deutschunterricht

Nach dem Unterricht verbrachte ich viel Zeit in der Bibliothek der Schule. Und so hatte ich schließlich die zehnte Klasse mit einer Goldmedaille beendet. Diese Goldmedaille war die höchste schulische Auszeichnung, die vom Schulamt, das seinen Sitz in der Hauptstadt Ulan-Bator hatte, verliehen wurde. Ohne weitere staatliche Prüfungen hätte ich mir damit meinen Traumberuf und das dafür notwendige Studium aussuchen und an der Universität von Ulan-Bator studieren dürfen. Meine Eltern, Tanten, Onkel und Geschwister wollten jedoch, dass ich im Ausland studiere, denn dies war etwas Besonderes für sie. Aus Gefälligkeit und aufgrund der geduldigen Überzeugungsversuche meiner Angehörigen legte ich die staatlichen Prüfungen ab - diese sogar mit Bravour - und entschied mich für ein Studium in der DDR. Allerdings bekam ich keine ausführlichen Auskünfte über den Ablauf des Studiums. Ich wusste nur, dass ich zunächst ein Jahr lang an der Universität in Ulan-Bator die deutsche Sprache erlernen musste. Meine Entscheidung stand fest und es gab kein Zurück mehr.

Ich wohnte im Internat und stellte schnell fest, dass ich mit dem Auslandsstudium ganz schön daneben gegriffen hatte. Die meisten Mitstudenten kamen direkt aus der Stadt und beherrschten die englische Sprache perfekt. Einige von ihnen sprachen sogar Deutsch. Ich hatte keinerlei Vorkenntnisse und so bedeutete dieses einjährige Studium für mich ein ganz schön hartes Stück Brot. Zumal ich erst ziemlich spät erfahren habe, dass man nach diesem Jahr eine mündliche und eine schriftliche Prüfung in Deutsch absolvieren musste, um tatsächlich in der DDR studieren zu dürfen, und, dass das Ergebnis dieser Prüfung über die Art des Studienplatzes entscheiden würde. Es waren Fach- und Hochschulplätze zu vergeben und es war klar: Diejenigen, welche die Prüfungen nicht schafften, würden mit leeren Händen wieder nach Hause fahren müssen. Wenn ich all das eher gewusste hätte, dann hätte ich mich mit Sicherheit nie für dieses Studium entschieden. In dieser Zeit war ich todunglücklich, aber was blieb mir übrig? Jetzt hieß es Augen zu und durch. Ich bemühte mich das Pensum zu schaffen und gab mein Bestes.

Das Jahr verging schnell und am Ende hatte ich die Prüfungen mit Ach und Krach geschafft. So ging es für mich weiter zur nächsten Etappe, denn dies war ja leider immer noch nicht die endgültige Entscheidung. In der DDR mussten alle Studenten nochmals ein Jahr Deutsch lernen und danach gab es wieder Prüfungen. Noch ein letztes Mal mussten wir unsere Kräfte untereinander messen, um einen Studienplatz in der DDR zu ergattern - und zum Glück gab es einige Mongolen, die schlechter waren als ich.




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