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Leseprobe und Inhaltsverzeichnis

David Dejori












Dem Sozial-Sein auf der Spur

Dieses Buch wurde von Egon W. Kreutzer rezensiert

Das Erlebnis einer Sterbebegleitung


Ich war Praktikant in einem Pflegeheim und eine Bezugsperson, Karin will ich sie hier nennen, führte mich in die unterschiedlichen Arbeitsabläufe ein. Ich orientierte mich sehr stark an ihr, da ich noch wenig Erfahrung hatte. So viele alte, kranke und gebrechliche Menschen zu betreuen, war gar nicht so einfach und abends hatte ich viele Bilder in meinem Kopf, die ich verarbeiten musste.
Da war eine Frau, nennen wir sie Frau Hubner, ca. 85 Jahre alt, die mich immer wieder zu sich rief, um mit mir zu plaudern. Sie erzählte mir aus ihren jungen Jahren, von Krieg und Elend und über ihre Träume, die sie stets begleiteten. Vielleicht sah sie in mir damals auch ein Stück Jugenderinnerung. Sie nutzte jedenfalls jede Gelegenheit, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich war hin und her gerissen. Einerseits war es für mich höchst interessant und, na ja, andererseits sollte ich hier eigentlich auch noch einiges lernen. Im Laufe des Praktikums verschlechterte sich ihr Zustand und das Reden fiel ihr schwer. Jedes Mal, wenn sie im Aufenthaltsraum saß und ich vorbeiging, winkte sie und blickte mir zu. Ich ging öfters als nötig vorbei, nur um ihr zurückzuwinken.
Ein verlängertes Wochenente stand bevor und ich nutzte es, um mich zu erholen. Jene Frau schlich sich immer wieder in meine Gedanken und irgendwie freute ich mich, sie wieder zu sehen. Als ich meine Arbeit wieder begann, erfuhr ich, dass sie nur mehr im Bett liegen würde und auf das Sterben warte.

"Deine Frau Hubner wird bald sterben", rief mir eine Pflegerin zu. Ich hatte ein beklemmendes Gefühl, als ich vor ihre Zimmertür trat und den Griff hinunterdrückte. Ich schlich mich hinein und sah sie bewegungslos in ihrem Bett liegen. Sie konnte nicht mehr sprechen, ihr Blick verankerte sich irgendwo an der Zimmerdecke. Ich berührte ihre Hände und nahm mir vor, bei ihr zu bleiben. Ich verließ kurz das Zimmer, um Karin Bescheid zu sagen, dass ich bei Frau Hubner sei. Sie sagte, und dieser Satz bleibt mir ewig in Erinnerung: "Da ist nichts mehr zu machen, lass sie, erledige du die Sachen, die ich dir aufgetragen habe."

Ich muss dazusagen, dass Karin auf mich immer sehr kalt und nüchtern wirkte. Sie hatte keinen menschlichen Bezug zu den Heimbewohnern und suchte ihn auch nicht. Die Arbeiten erledigte sie gut, doch aus einer so großen Distanz heraus, dass es für mich eine abschreckende Wirkung hatte. Gespräche mit ihr waren nicht konstruktiv und sie betonte immer, dass diese Arbeit für sie ein Job sei, um Geld zu verdienen und sonst nichts. Nun ich will nicht weiter darauf eingehen. Ich schaute Karin kurz an und in diesem Augenblick spürte ich in mir eine Wärme, eine Sicherheit, ein Rufen. Ich wandte mich von Karin ab und ging direkt in das Zimmer von Frau Hubner. Es schien, als würde sie mich nicht mehr hören und gar nicht wahrgenommen zu haben, dass ich wieder da war. Ihr Blick war leer und sie lag regungslos da, ohne irgendeine Bewegung vorzunehmen. Ich hockte mich auf ihr Bett, obwohl ich wusste, dass man das der Privatsphäre wegen nicht tun sollte. Ich fühlte aber, dass sie völlig damit einverstanden sein würde und es vielleicht sogar verlangt
hätte.


Es war genau das Richtige, jetzt einfach da bei ihr zu sein. Ich nahm ihre Hand und begann zu erzählen, so wie sie es immer tat. Ich sprach über meine Jugend, obwohl sie noch nicht allzu lang her war, und über meine Träume, die ich noch verwirklichen wollte. Ich redete und sie lag einfach nur da. Und dann begann ich zu beten in einer naiven Art und Weise, dass ich mich noch an einzelne Sätze erinnern kann. "So Jesus", sagte ich, "Frau Hubner wird bald zu dir kommen. Nimm sie ohne zu zögern, denn sie ist ganz lieb ..."
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich betete, aber irgendwann unterbrach ich und sagte halblaut vor mich hin: "Frau Hubner, wenn Sie mich auch nicht mehr verstehen, Jesus hat alles gehört."
In diesem Augenblick spürte ich einen Druck auf meiner Hand. Er war ganz leicht, aber doch wahrnehmbar. Sie hatte alles gehört. Sie war ganz da bei mir und sie war bestimmt sehr froh darüber. Nur kurze Zeit später verstarb sie, begleitet von meinen Gebeten. Ich unterbrach nicht und versank in eine Art Meditation. Ich spürte sie ganz deutlich in meinem Herzen und es fühlte sich warm an. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass ich nicht mehr alleine war. Eine Klosterfrau stand da mit Tränen in den Augen und sagte zu mir: "Ich habe mich an Ihnen erbaut."
Ich wusste nicht genau, was diese Worte bedeuteten und als ich auf dem Gang Karin begegnete, drückte sie mir eine Waschschüssel in die Hand mit der Aufforderung: "Wir müssen das Zimmer räumen, Frau Hubner abwaschen und in die Leichenkapelle bringen."
Ich tat es gerne. Dieses, mein Erlebnis, konnte mir niemand mehr nehmen. Es war in die Vergangenheit hineingerettet. Wochen später, das Praktikum war längst vorbei, besuchte ich ein Seminar zum Thema: Die ungehorsamen Kinder. Mir fiel spontan mein damaliger Ungehorsam ein, hatte ich mich doch geweigert, den Forderungen von Karin nachzukommen und Frau Hubner einfach alleine sterben zu lassen.

Auch Ungehorsam kann Gehorsam sein, nämlich der unserem Gewissen gegenüber.

In diesem Seminar beklagten Eltern, dass ihre Kinder eigene Wege gingen, sich ihren Anweisungen widersetzten und sich noch dazu frecher Antworten bedienten. Die Eltern, die meinten, nur das Wohl ihrer Kinder vor Augen zu haben, verstanden solche Undankbarkeit nicht und argumentierten, Sie seien es schließlich, die ihren Kindern Lebensweisheiten beibringen könnten.
Ich dachte immerfort an Frau Hubner. Auch wenn ich kein Kind mehr war und sie nicht meine Mutter, so war ich froh, diesem Aufruf meines Gewissens Folge geleistet zu haben.

Das Gewissen ist ein Sinn-Organ. Es ließe sich definieren als die Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren.

 




Inhalt

Einleitung
Vorwort


Mensch sein
Einmal geformt und immer unvollständig
Menschliche Vernetzungen und Entknotungen
Ich bin halt so, wie ich bin

Den Verletzungen erlegen sein
Den Verletzungen erlegen sein und trotzdem mitten im Leben stehen
Was sind Ursachen von Verletzungen?
Wo liegen die Gründe?
Wie gehen wir mit Verletzungen um?
Gibt es keinen Schutz?
Wir tragen Verantwortung. Wie gehen wir mit Menschen um?
Wie gehen wir gezielt mit Problemen um, die Ursache und Folge von Verletzungen sein können?
Die Folgen von Verletzungen

Die Geschichte in der Mitte

Wie geht Helfen?

Wie geht Helfen konkret?
Unterstützendes Helfen
Bedrückendes Helfen
Warum ist es so schwer, psychologische Hilfe zu suchen oder anzunehmen?

Das Berufsbild Sozialbetreuer
Woher kommt am Abend die Müdigkeit?
Vergangenheit, Sterbebegleitung und Ungehorsam
Wie geht Entspannen?
In der Stille liegt die Kraft und lauert die Gefahr
Alt sein, eine neue Möglichkeit
Gibt es positive Konsequenz?

Was ist Liebe?
Wie geht Liebe?
Warum verletzen wir gerade die, die wir am meisten lieben?
Erpresserische Liebe
Versuch einer Beschreibung von Liebe
Sympathie und Antipathie
Projektionen und Feindbilder als Entlastung
Harmoniebedürftigkeit
Annehmen, Verzeihen, Vergeben

Literatur

 



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und alles wird gut.