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Leseprobe

Julia Ney

 

 

 

 

 








Die keine Rolle spielen




Einleitung


Häufig ist das Bild behinderter und chronisch kranker Menschen in den Medien geprägt von Unverständnis und Voreingenommenheit. Gerade die Massenmedien Kino und Fernsehen tragen wesentlich und nachhaltig zur Bildung und Förderung tiefliegender Vorurteile und Stereotypen bei. Nach einem Kinobesuch oder einem abendfüllenden Spielfilm im Fernsehen glaubt der Zuschauer einfach zu wissen, wie sich beispielsweise ein autistischer Mensch verhält oder wie es in einem Heim für Menschen mit geistiger Behinderung zugeht usw.







Dabei sind diese Vorurteile und Stereotypen in der Regel noch nicht einmal negativ belastet.
Gemäß der Erzähltradition des Märchens, nach der behinderte Menschen in der Regel maßlos verherrlicht und verniedlicht werden, zeichnet auch das Kino ein beifälliges und idealisierendes Bild von Menschen mit schweren psychischen oder physischen Beeinträchtigungen. Während das frühe Kino ausnahmslos mitleidsvolle Rührstücke gestaltet hat

          • Das Liebesglück einer Blinden, DE 1910,
          • Die große Parade, USA 1925
          • Lichter der Großstadt, USA 1931

            usw.,

produziert das europäische und amerikanische Main-stream-Kino der letzten 20 - 30 Jahre vorherrschend schmissige und verklärende Spielfilme, die sich im weitesten Sinne mit dem Leben von behinderten und chronisch kranken Menschen beschäftigen: Da werden körperbehinderte Menschen zu willensstarken und unerschrockenen Spaßvögeln arrangiert.

          • Bomber und Paganini, erste Verfilmung DE 1976,
            letzte Verfilmung DE 2004

Autismus wird als bizarre Genialität gefeiert

          • Rain Man, USA 1988

und Menschen mit einer geistigen Behinderung werden zu liebenswerten Chaoten typisiert.

          • Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa, USA 1993

‚Downys' agieren auf den Bildschirmen als pflegeleichte und gutmütige Kumpel,

          • Bobby, DE 2001,

während taubstumme Menschen stolze und feinfühli-ge Lebenskünstler mimen.

          • Gottes vergessene Kinder, USA 1986

Psychisch Kranke werden als kauzig-knuddelige Irre präsentiert

          • Elling, Norwegen 2001

und Blindheit wird als nutzbringende Unvollkommenheit verunglimpft die zudem auch noch von mindestens einer herausragenden Funktion ummantelt wird

          • Erbsen auf halb sechs, DE 2004
          • Warte, bis es dunkel wird, USA 1967

interessant an diesen beiden Filmen ist sicherlich, dass sie sich trotz der extrem unterschiedlichen Entstehungszeit und Genrezugehörigkeit des gleichen Musters bedienen:

Durch ihre Behinderung sind die Protagonisten dieser Filme den Bösen weit überlegen.
Und weil das Kino halt immer auch eine Traummaschine ist, wird Behinderung hier nicht als Makel behandelt, sondern eher als Vorzug verkauft.







Aktuellen Erfolgsfilmen gelingt es, Sonderlinge zu alltäglichen Helden aufzubauen, deren spezieller Status keine Behinderung, sondern eine Besonderheit ist. Diese Besonderheiten haben allerdings nicht mehr viel mit der Authentizität und den realen Lebensumständen behinderter und chronisch kranker Menschen zu tun, sie werden viel mehr als vorteilhafte oder als belustigende Eigentümlichkeiten gehandelt und vermarktet. Bei manchen Filmen fällt es schwer, zu beurteilen, ob sie aus der (gezeigten) Behinderung ihrer Darsteller nur Kapital schlagen wollen oder ob sie als Zeugnisse einer erfreulichen und endlich erreichten Normalität angesehen werden können. Oft ist jedoch unmittelbar klar, dass es nur darum geht, die durchaus lebensbereichernde Perspektive eines schweren Schicksals - unter Weglassung der Darstellung individueller Belastung und Problembewältigung - kommerziell auszuschlachten.


Einige Filme zeichnen sich jedoch auch durch ein hohes Maß an Authentizität aus. In der Regel wird diese Authentizität durch eine wesentliche Beteiligung behinderter Menschen an der Konzeption und/oder Realisierung des jeweiligen Films erreicht. Zuweilen gelingt aber auch nichtbehinderten Cineasten ein Blick hinter die normalen Kulissen. Gerade das Kino könnte durch Ausschöpfung seiner technischen Möglichkeiten wie beispielsweise Aufnahmeeinstellungen, Kamerafahrten und -schwenks, Schnitte, Licht, Ton und so weiter, einen absolut authentischen Blick auf die Lebensbedingungen und -ausblicke Behinderter werfen.





Der Einsatz einer Halbtotalen etwa, vermag die Geschehnisse aus einer ungewöhnlichen räumlichen Perspektive zu erzählen, so wie sie für Rollstuhlfahrer oder auch für kleinwüchsige Menschen alltäglich ist. In der über 100-jährigen Kinogeschichte gelang diese narrative Glanzleistung meines Wissens bewusst nur wenige Male und wurde auch nie als durchgehendes Stilmittel eingesetzt. Der amerikanische Regisseur King Vidor zeigt in seinem 1925 gedrehten Anti-Kriegsfilm Die große Parade eine komplette Szene aus einem recht befremdlichen Blickwinkel. Die Kamera, erstaunlich tief gehalten, bewegt sich durch eine Menschenmenge, die marschierenden Soldaten begeistert zujubelt; zeitweise sind diese Menschen nur vom Bauchnabel abwärts zu sehen. Sie fährt auf einen einbeinigen Mann inmitten der Menge zu, um gleich darauf mittels eines rasanten Schwenks einen Mann in Nahaufnahme zu zeigen, dem beide Beine fehlen und der sich mühsam auf Händen einen Weg durch die unachtsamen und ihm die Sicht versperrenden Euphoriker bahnt.

Sofort wird die Absicht dieser grotesken Kameraeinstellung deutlich: Sie bildet einfach die gegebene Sichtweise des vom Krieg verstümmelten Menschen ab. Obwohl die Intention dieses Films in erster Linie eine ganz andere ist, beweist die feinsinnige Kameraführung der angesprochenen Szene, dass es nur einer minimalen Änderung des gewohnten Einsatzes filmischer Mittel bedarf, um einen Blick über den normalen Tellerrand hinaus werfen zu können. Auch eine Szene des hier noch genauer zu untersuchenden Dramas Jenseits der Stille bietet durch einen jähen Wechsel zwischen Geräuschkulisse und absoluter Stille die Möglichkeit, für einen kurzen Augenblick in die wahrnehmende Rolle des gehörlosen Jungen Martin zu schlüpfen. Es gibt aber auch Szenen, die nicht durch eine beispielgebende Kameraführung oder durch die ungebräuchliche Benutzung filmischer Mittel brillieren und dennoch eine Erweiterung der genormten Blickrichtung erlauben. In der Komödie Verrückt nach Paris beziehungsweise im "Making of ..." hierzu, findet ein Rollstuhlrennen statt, das der nichtbehinderte Enno und der behinderte Philip bestreiten.







Um gleiche Voraussetzungen zu schaffen klemmt sich Enno ein Bein unter das andere und verschränkt die Arme, denn diese Haltung kommt der Behinderung von Philip sehr nahe. Mit dieser ungewohnten Einschränkung konfrontiert, verliert er das Rennen natürlich haushoch, weil er nicht annährend so geschickt vorwärts kommt wie sein Kontrahent. Mit Hilfe des allegorischen und kurzzeitigen Wechsels des Nichtbehinderten in die Rolle des Behinderten vermittelt diese Szene eine veränderte Sichtweise. Denn nicht beeinträchtigte Menschen sehen es als große und bewundernswerte Leistung an, wenn ein Behinderter etwas tut, wie es der Normalität entspricht, auch wenn das linkisch, mühsam und völlig uneffektiv ist. Umgekehrt stellen sich nichtbehinderte Menschen mindestens genauso ungeschickt an, wenn es darum geht, etwas zu bewältigen, was für einen behinderten Menschen die übliche Praxis ist. Solche Szenerien können wahre Einblicke in den Alltag und die Lebensbedingungen behinderter Menschen gewähren und so dazu beitragen, bestehende Vorurteile aus dem Weg zu räumen, Berührungsängste abzubauen und das Verständnis für die Lebenssituationen behinderter Menschen zu vertiefen.



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