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Leseprobe

Lilian Klawitter



Ich bin nicht ganz normal

 

 

 

 

hier ein Abschnitt aus der Geschichte:

Vom Küssen,
im Allgemeinen und im Besonderen

 

 

 

Soviel vom Küssen im Allgemeinen.
Nun zum Besonderen.

Eines Morgens vor zwei Jahren schlenderte ich frohgemut aus meinem Appartement auf Gran Canaria zum Meer hinunter, um mich erst einmal auf eine Bank zu setzen, die auf einem Platz steht, von dem aus man die ganze Bucht von San Agustin überblicken kann. Es fällt mir nämlich schwer, schnell ins kalte Wasser zu springen, und es war dort in jenem Winter saukalt. Deshalb gab ich mich auch meistens mit dem Blick aufs Meer zufrieden. Auf meiner Bank saß an jenem Morgen bereits jemand, was ich schon von weitem sehen konnte. Es war ein Mann in einem weißen Anzug mit einem kleinen weißen Hut auf dem Kopf.
Ich setzte mich und sagte freundlich: "Guten Morgen!"
Was der Mann erwiderte, konnte ich nicht verstehen. Es hörte sich so an wie "Häjegodäje".


 

 

 

Wenn das abweisend heißen sollte: "Herrjehmineh!", so wäre das eine Unverschämtheit gewesen, denn ich hatte doch freundlich gegrüßt. Ich fragte irritiert: "Was haben Sie gesagt?"


Das verstand aber der Mann nicht. Darum fragte ich: "What did you say?", denn es konnte sich nur um einen Touristen handeln. Die Canarios befinden sich am späten Vormittag entweder in Las Palmas bei ihren Geschäften oder auf las Fincas bei ihren Tomaten. Der Mann antwortete dann lächelnd laut und deutlich: "Have a good day!"
Aha, dachte ich und fragte: "Are you an Englishman?"
Er antwortete schnell und ein wenig abwehrend: "No, no, I come from Ireland!"
Ich dachte wieder: "Aha! Das Englische, von Iren nachlässig ausgesprochen, ist aber für uns Deutsche schwer zu verstehen", und schaute wieder aufs Meer hinaus. Der Ire wandte sich mir dann sehr freundlich zu und bemühte sich offensichtlich, deutlich zu sprechen. So unterhielten wir uns ungefähr eine halbe Stunde lang mit dem Blick auf das blaue Meer und die sandige Bucht mit den vielen Leuten, die sich entweder mit Todesverachtung in die kalten Fluten stürzten oder zum Grillen auf ihren Handtüchern lagen.
Er fragte, ob ich ‚alone' auf Gran Canaria sei. Ja, ich sei ‚alone', antwortete ich, aber nicht so ganz, weil ich meine ‚daughter' besuche, die seit einigen Jahren hier lebe. Ob ich ‚married' sei, und ich antwortete: "Yes, I have a husband."
Er wunderte sich offensichtlich, warum ich denn dann hier ‚alone' sei, und ich versuchte, zu erklären, warum. Das wurde aber schwierig, weil es mir nicht einfiel, was in Englisch heißt: "Mein Mann muss irgendwo in Polen in unserem
Cottage wegen der Haustiere die Stellung halten."
Vor allem fiel mir das Wort ‚Stellung' überhaupt nicht ein. "He held the ..."
Ja, was hält er denn eigentlich dort weit weg in seiner kalten Heimat? Ich weiß doch, dass man nichts wörtlich übersetzen kann und sagte tadelnd zu mir: "I see black for you!"
Aber da hörte ich vom Iren: "I am divorsed and lonely!"

Das tat mir leid. Er war also nicht nur geschieden, sondern auch einsam. Dann musste er in sein Hotel zum Mittagessen gehen, und er fragte mich beim Abschied, ob ich am nächsten Morgen wieder hier um diese Zeit auf dieser Bank sein könnte. Ich antwortete "Maybe ..."
Am nächsten Morgen war ich eher dort als er. Das gefiel mir nicht, und ich zog schon in Erwägung, noch einmal wegzugehen und etwas später wieder zurückzukommen, zumal ich mich nicht mehr so richtig erinnern konnte, wie dieser Ire eigentlich aussah. Ich hatte doch hauptsächlich geradeaus auf das Meer geschaut und nicht zur Seite hin auf ihn. Da kam jemand mit Riesenschritten auf mich zu, und ich erkannte ihn natürlich sofort an seinem weißen Anzug und dem weißen Hütchen.
Wir begannen wieder, ‚english' zu ‚speaken', denn der Ire konnte kein Wort Deutsch.

About the nice weather, the blue sky and the cold water.
Er lud mich zum ‚dance in the evening' ein, aber ich lehnte ab, denn ich hatte meiner Tochter versprochen, mit ihr anlässlich ihres Geburtstages irgendwohin zum Essen zu gehen. Da fragte mich der Ire, ob ich mit ihm zu einer ‚cup of tea' in das Restaurant gehen würde, das in der Nähe liegt. Ich nickte, und wir gingen ein paar Schritte, suchten uns einen ‚table near the sea' und setzten uns. Der Ire bestellte aber keinen Tee sondern Rotwein. Hatte ich ihn falsch verstanden? Unmöglich! Na ja, dachte ich, ein Glas Rotwein am späten Vormittag kann nicht schaden, zumal ich Rotwein gern trinke. Also tranken wir ein Glas, dann noch eins, weil er eine ganze Flasche bestellt hatte. Es war ein herrlicher Tag, und ich schaute auf das dunkelblaue Meer, dessen Wellen in regelmäßigen Abständen gegen die Mauer klatschten, vor der wir saßen, und in den blauen Himmel, an dem weiße Wolken hin- und hersegelten. Ein Wort gab das andere, und der Ire erzählte auch von seiner Heimatstadt Dublin, in der er wohnt und arbeitet. Ich sagte, dass es da doch ein Lied gibt: "In Dublin's fair City", und begann zu singen.
Er stimmte ein, und wir sangen das Lied von ‚Sweet Molly Mallone', die ihre ‚wheel-barrow' mit Muscheln durch die ‚streeets, broad and narrow' schob und leider starb an einem ‚fever, and no man could save her'.
Darüber wunderten sich die anderen Gäste wohl ein wenig, denn wenn ich zwischendurch meinen Blick umherschweifen ließ, sah ich in sehr erstaunte Gesichter. Der Ire konnte aber nur eine Strophe singen, wie das meistens der Fall ist. Darum sang ich dann das Lied allein weiter, denn ich kann natürlich alle drei Strophen.
Schließlich war das Lied zu Ende und die Flasche leer, und er musste wieder in sein Hotel zum Mittagessen gehen und sagte etwas betrübt, dass er am nächsten Morgen zurück nach Irland fliegen müsse. Wir brachen auf, und als ich mich von ihm verabschieden wollte, bat er um einen ‚kiss'. Ich lehnte ab, denn ich fand, dass das eigentlich zu weit ging. Erzählen, Singen und Wein trinken, ja, aber küssen? Oh, nein!
Er ließ jedoch nicht locker, bat inständig, ging mit mir in die Richtung zu meinem Appartement, und als ich vor der Haustür zum Aufzug stand, ich wohnte in der achten Etage, gab ich nach, denn die Situation wurde allmählich lästig, und ich sagte: "Yes! But only a kiss to say good bye!"
Ich dachte natürlich an ein Papa- und Mama-Küsschen auf die Wange oder an eins von diesen üblichen, Richtung Ohr über die Schulter hinweg ins Ungewisse gehauchten. Als ich die Tür zum Eingang aufgeschlossen hatte und mich noch einmal herumdrehte, riss er mich an sich und küsste mich mit einer solchen Glut, dass ich sprachlos war. Nun kann man beim richtigen Küssen ja sowieso nicht sprechen, aber ich war noch sprachloser als sonst. Und er gab mir nicht nur den einen Abschiedskuss, sondern wollte damit überhaupt nicht mehr aufhören. Endlich kam jemand, der auch in den Aufzug einsteigen wollte, der verrückte Ire wurde abgelenkt, und ich konnte mich losreißen.

Ich lief ebenfalls Richtung Aufzug, auf den ich einen Augenblick lang warten musste, wobei ich noch hörte, er wolle am Abend wieder in dieses Restaurant kommen, und ich solle doch bitte auch dort erscheinen, und zwar mit meiner Tochter und mit ihm zusammen Geburtstag und Abschied feiern. Ich nickte etwas benommen und stieg in den Aufzug ein.
Oben in meinem Appartement angekommen, schloss ich die Tür ab und drehte den Schlüssel vorsichtshalber zweimal herum. Ich ließ mich auf die Bettkante fallen und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Ich hatte doch gedacht, dass mir so etwas in meinem fortgeschrittenen Alter nicht mehr passieren könne!
Früher, ja, früher erlebte ich solche Überfälle öfter, obwohl ich mich eigentlich meistens in den so genannten festen Händen befand. Zwar nicht immer in denselben, aber immerhin. Allerdings hat mich vor ein paar Jahren ein Bauer in Polen in dem Dorf, in dem unser Landhaus steht, auch ganz plötzlich und unerwartet geküsst, obwohl ich ihm nur verständnisvoll zugehört hatte, als er von seinen Sorgen berichtete. Die Küsse dieses Iren waren eigentlich nicht unangenehm gewesen, das musste ich zugeben, während mich der Bauer in Polen dabei gebissen hat, was ich als äußerst unangenehm empfunden hatte. Ich bin damals wütend nach Hause gelaufen, um in den Spiegel zu schauen, weil ich das Gefühl hatte, meine Lippen seien zu einer Schweineschnute angeschwollen. Waren sie aber zum Glück nicht.


Ich dachte an jenem Morgen auf Gran Canaria lange darüber nach, ob es vielleicht an meinem Verhalten liegt, dass die Männer glauben, ich sei für Abenteuer zugänglich. Eigentlich weiß ich doch, dass fast alle Männer Freundlichkeit mit Bereitschaft zum Sex verwechseln. Auch schließen sie von der Lebhaftigkeit einer Frau am Tage auf dasselbe Verhalten beim Sex in der Nacht. Das stimmt aber nicht, denn die Lebhaften haben am Abend ihr Pulver verschossen, aber die Ruhigen, die Stillen werden abends munter. Meine ich jedenfalls.

Sollte ich das, was ich da gerade erlebt hatte, als Plus oder als Minus für mich als Frau verbuchen? Auf der einen Seite wurde ich noch begehrt, aber auf der anderen nicht respektiert. Ich überlegte, was ich für mich als das Erstrebenswertere halten sollte, das Begehren oder das Respektieren? Ich kam zu keinem Ergebnis und ging zu meiner Freundin Marie-Louise, die in der Nähe wohnt. Sie hörte sich aufmerksam an, was ich zu erzählen hatte und musste so sehr über meine Bedenken lachen, dass ich schließlich einstimmte.

Den irren Iren habe ich nie wiedergesehen.


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und alles wird gut.