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Leseprobe

Jasmin Golpert



Nayeli

 

Der Pferdehof

 

"Jenny!", brüllte Jack. Seine Stimme war auf dem gesamten Hof zu hören. Die Reitschülerin hatte wohl wieder einen Fehler gemacht. Jack war ein Mann mit hartem Gesichtsausdruck und einer scharfen Stimme. Dass er auch lachen konnte, sah man ihm nicht an.

Ich war im Stall, und auch da war Jack noch laut und deutlich zu vernehmen. Tante Louisa hatte mir die Pferde gezeigt. Es waren alles schöne Tiere, doch dann blieb mein Blick wie gebannt an einer sehr jungen Stute hängen. Sie war einfach wunderschön. Ihre schwarze, leicht gelockte Mähne bildete einen klaren Kontrast zu ihrem sandfarbenen Fell, das je nach Lichteinfall, in einen leichten Braunton überging. Mit hocherhobenem Kopf sah sie zu mir herüber und es schien, als erwiderte sie meinen Blick. Unwillkürlich nickte ich ihr freundlich zu - und tatsächlich, als bestünde ein stilles Einverständnis zwischen uns, senkte auch sie kurz den Kopf und ließ ein munteres Schnauben hören.

 

"Ach ja. Du hast es auch nicht leicht", flüsterte ich. Die Augen des Tieres veränderten sich. Stolz und Selbstbewusstsein verschwanden für einen Augenblick und machten einem traurigen Ausdruck Platz. Wieder konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als hätte das Pferd mich genau verstanden und auf meine Rede reagiert. Ich ging langsam auf sie zu. Aber mit jedem Schritt den ich machte, erkannte ich Veränderungen in der Stimmung der Stute, erst schien so etwas wie Treue und Zuneigung auf, doch dann wandelte sich das in eine unbegreifliche und unsägliche Angst. Die Stute legte die Ohren an und wich nervös zurück.

"Gefällt sie dir?", fragte meine Tante, deren Anwesenheit ich vollkommen vergessen hatte.
"Ja, sie ist ein wunderschönes Tier", antwortete ich, ging weiter auf die Stute zu und streckte die Hand aus, um sie zu berühren. Das war zuviel. Ein Zucken überlief ihren ganzen Körper, sie setzte zurück und drängte sich in die hinterste Ecke der Box.
"Siehst du, das ist unser Problem. Die Stute ist genauso scheu wie ihre Mutter. Ich weiß nicht, was aus der noch werden soll", sagte Tante Louisa und schüttelte betrübt den Kopf.

Wir blieben noch eine Weile vor der Box stehen. Sie war sehr groß, ein Pferd konnte sich darin locker umdrehen und von der Mitte aus noch fünf Schritte nach vorne machen. Der Stall war hell und sauber. Die Boxen waren rot gestrichen und gerade so hoch, dass die Pferde nicht darüber springen konnten. Das Fell der verängstigten Stute glänzte im Sonnenschein, der durch ein offenes Fenster in die Box fiel. Ich wollte mit Pferden, die irgendwie eine Macke hatten, eigentlich nie etwas zu tun haben, aber da war irgendetwas an diesem Tier, das mich beschäftigte und nicht mehr los ließ. Ohne überlegt zu haben, hörte ich mich zu meiner eigenen Überraschung plötzlich fragen: "Kann ich mich nicht um sie kümmern?"
"Versuch' dein Glück!"
Louisas Stimme klang nicht gerade zuversichtlich, aber als sie sah, dass ich es offenbar ernst meinte, wies sie mit der Hand den Gang entlang und sagte: "Da hinten hängt ihr Halfter! Das rote mit dem aufwändigen Muster! Wenn du meinst, du kommst mit ihr zurecht ..., meinetwegen."
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich holte das Halfter, schnappte mir einen Führstrick und versuchte erneut mein Glück. Meine Tante war immer noch skeptisch und warnte mich: "Sei vorsichtig, Melanie! Das Biest ist gefährlich!"

Schon viele Pferde hatte ich gesehen, aber noch keines hatte mich so fasziniert wie dieses. Behutsam und vorsichtiger als beim ersten Versuch ging ich auf die Stute zu. Doch wieder schwand das Vertrauen aus ihren Augen, je näher ich ihr kam, und wieder wich sie zurück und drängte sich ängstlich an die Rückwand der Box. Als ihr bewusst wurde, dass ihr der Fluchtweg versperrt war, hob sie aggressiv den Kopf und legte die Ohren bedrohlich dicht an. Ich hielt mich auf Distanz, blieb knapp zwei Meter vor ihr stehen und streckte ihr langsam eine Hand entgegen. Dann begann ich, leise und zärtlich, mit ihr zu reden. Aber ihre Nervosität ließ kaum nach. Als ich mich ihr versuchweise weiter näherte und versuchte, ihre Nüstern zu streicheln, schnappte sie nach mir.

Jetzt wich ich erschrocken zurück. Doch auch mir war der Weg versperrt. Ein Junge, kaum älter als ich, kräftig und braun gebrannt stand hinter mir. Blonde Haare, ein klarer und selbstbewusster Blick - ich muss sagen, auch er gefiel mir vom ersten Augenblick an.
"Darf ich?", fragte er und griff nach dem Halfter. Ich war zunächst einmal überrascht, dass er ganz selbstverständlich deutsch sprach - noch überraschter war ich, als ich sah, wie er mit der Stute umging. So nah' hatte sie mich nicht an sich herangelassen. Und ob sie sich von mir das Halfter hätte umlegen lassen, bezweifelte ich nun doch sehr. Ein paar Sekunden später reichte er mir den Führstrick.
"Hier, sie wird jetzt mit dir mitkommen."
Seine Stimme klang melodisch und die Zuversicht, die er hineinlegte, beruhigte mich. Mit neuem Mut nahm ich den Strick und führte die Stute aus dem Stall. Der Junge folgte uns.
"Wie hast du das gemacht?", wollte ich von ihm wissen.

Er überlegte lange, schien nach den passenden Worten zu suchen, brachte dann aber doch nicht mehr heraus, als:

"Ich weiß es nicht. Glaub' mir, ich wollte, ich wüsste es!"

 

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und alles wird gut.