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Leseprobe

Freimut Kahrs



Lebenslüge Freiheit

Die ungeschriebenen Regeln einer liberalen Gesellschaft



 

 



Vorwort

Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung durften am 3. Oktober 1990 fünf neue Bundesländer dem "freiheitlichsten Staat der deutschen Geschichte" beitreten.

Siebzehn Jahre nach der Wende ist die damalige Euphorie verflogen. 14 Prozent der "Neubürger" sehnen sich nach der DDR zurück. 71 Prozent wollen weder das alte DDR-System wiederhaben, noch fühlen sie sich als Bundesbürger integriert. Insgesamt sind also 85 Prozent mit dem Gesellschaftsmodell des wiedervereinigten Deutschlands unzufrieden. Nur 13 Prozent der älteren Ostdeutschen haben das Gefühl, "richtige" Bundesbürger zu sein.

Warum lehnen 85 Prozent der Bürger in den Neuen Bundesländern den "freiheitlichsten Staat der deutschen Geschichte" ab? Es liegt wohl daran, dass die Handlungsfreiheit einer liberalen Gesellschaft eine schöne Illusion bleibt, solange die materiellen, geistigen und seelischen Voraussetzungen dafür nicht vorhanden sind. (...)

Politiker verkünden gerne die Illusion der Alternativlosigkeit: "There is no alternative", lautete das Lieblingsargument der britischen Premierministerin Margret Thatcher (*1925). Vernünftige Wähler sollten sich jedoch durch platte Sprüche nicht beirren lassen, denn zu jeder politischen Maßnahme gibt es Hunderte oder gar Tausende von Alternativen. Die Suche nach Alternativen ist jedoch mühsam und zeitaufwändig.

Mit diesem Buch habe ich den anspruchsvollen Versuch unternommen, ein neues Konzept einer besseren Gesellschaftsordnung zu entwerfen. Diese Ordnung soll die Nachteile der beiden bekanntesten Gesellschaftskonzepte unserer Zeit - Liberalismus und Marxismus - überwinden und insgesamt nicht nur als gerecht, sondern auch als inspirierend, motivierend und befriedigend empfunden werden.

Das erfordert zunächst eine analytische Auseinandersetzung mit den vorherrschenden Ordnungen. Während der Bürger im Liberalismus aufgrund der ökonomischen Umstände gezwungen ist, sich freiwillig eine Erwerbsarbeit zu suchen und bei dieser Suche gegen aktuell rund 200 Millionen Arbeitslose weltweit zu konkurrieren, hat das in den osteuropäischen Staaten über Jahrzehnte verbissen verfolgte Experiment "Planwirtschaft" ebenfalls keine befriedigenden Ergebnisse hervorgebracht. Der "Zwang zur Freiheit" des Liberalismus und die durch detaillierte Verplanung erzeugte Unfreiheit haben die Frage aufkommen lassen, ob dazwischen nicht ein "Dritter Weg" gefunden werden könnte, der extreme Auswüchse verhindert und dadurch das Ergebnis des gemeinsamen Wirtschaftens optimiert.

Die Suche nach diesem "Dritten Weg" ist mit Intuition alleine nicht zu bewerkstelligen, sie erfordert einen theoretischen Überbau, in dem bei aller Komplexität ausreichender Freiraum für Innovation bleibt, in dem bei aller notwendigen Erneuerung mit großer Behutsamkeit das Bewahrenswerte bewahrt wird, der unterschiedlichste Lebensentwürfe ermöglicht und dennoch das gesamte Streben der in einer Gesellschaft agierenden Individuen letztlich auch in die Weiterentwicklung eben dieser Gesellschaft, in die Erweiterung ihrer Fähigkeiten, ihres Wissens, ihrer Chancen einfließen lässt.


Die liberale Gesellschaft wird durch eine Reihe von Restriktionen geprägt, die das Labyrinth der grenzenlosen Handlungsmöglichkeiten beschränken. Diese Restriktionen erwachsen aus individuellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und wirken sich auf den unterscheidbaren Handlungsfeldern zum Teil unterschiedlich aus. (...)

Der theoretische Überbau für die Konzeption des "Dritten Weges" beruht auf Gedankengängen und Argumentationsketten, die sich bisweilen weit von den hergebrachten Regeln und Strukturen entfernen, ohne dabei den Bezug zum Bestehenden, Bekannten, zu verlieren. Ich habe versucht, einerseits Schritt für Schritt, Themenkreis für Themenkreis das erstrebenswerte Neue aus dem Vorhandenen abzuleiten und andererseits mit jedem neu betrachteten Baustein auch den Gesamtplan, die Blaupause des Zielzustandes ein Stück weiter zu öffnen. Daraus hat sich beinahe zwangsläufige die hier skizzierte Gliederung ergeben:

Kapitel 1 beschäftigt sich mit den natürlichen Ressourcen und dem Problem der Knappheit.
Kapitel 2 beschäftigt sich mit dem Wissen, das dem Menschen hilft, sich zu orientieren.
Kapitel 3 erklärt das Vertrauen, das dem Menschen hilft, riskante Situationen zu meistern.
Kapitel 4 rückt den Begriff der "Schuld" in den Mittelpunkt einer neuen Wirtschaftstheorie
Kapitel 5 hat die Macht zum Gegenstand
Kapitel 6 beschäftigt sich mit dem Geld
Kapitel 7 geht auf die Motive ein, die das Einkaufs- und Konsumverhalten des Menschen beeinflussen.
Kapitel 8 ist den Rahmenbedingungen der Produktion gewidmet und fragt, warum die DDR gescheitert ist.
Kapitel 9 beschreibt den Markt und seine Fehlfunktionen
Kapitel 10 analysiert die Ursache von Arbeitslosigkeit auf der Grundlage moderner Arbeitsmarkttheorien.
Kapitel 11 beschreibt die Regeln der Freiheit, die als Rahmenbedingungen für die Handlungen des Einzelnen gelten
Kapitel 12 führt alle Erkenntnisse zusammen und entwickelt daraus eine bessere Gesellschaftsordnung.

Dem vorangestellt ist ein Kapitel 0, das die Überschrift trägt:

"Freiheit - die Lebenslüge des Westens?"

Die Komplexität der Thematik und die Neuartigkeit mancher Ideen dazu machen es nahezu unmöglich, das am Ende stehende Konzept schon in der Einleitung allgemein verständlich darzustellen. So kann ich nur hoffen, mit der hier gegebenen Wegbeschreibung Ihr Interesse so weit geweckt zu haben, dass Sie die gedankliche Reise in eine utopische Zukunft, die Ihnen auf den folgenden Seiten bevorsteht, gerne auf sich nehmen.

Sie werden feststellen, dass die in diesem Buch vorgestellten Ideen längst nicht das Ende, sondern gerade einmal den Anfang einer neuen, positiven Entwicklung darstellen, und ich würde mich freuen, wenn Sie mit Ihren Ideen und Anregungen zur Weiterentwicklung beitragen.

Im Oktober 2008

Freimut Kahrs

 

Kapitel 0

Freiheit - die Lebenslüge des Westens?

Es gibt vier Gesprächsthemen, die man beim Plaudern mit Fremden niemals ansprechen soll: Geld, Gesundheit, Politik und Religion. Schließlich prägen diese vier "Umstände" den gesellschaftlichen Status des Einzelnen und spalten die Menschheit in Gewinner und Verlierer. Letztere verbergen ihr Schicksal meist aus Scham, erstere verheimlichen ihre Privilegien oft aus Angst.


Wer trägt die Verantwortung für das Schicksal des Einzelnen?

Zwei Denkschulen stehen sich unversöhnlich gegenüber:

Der von Karl Marx propagierte Historische Materialismus behauptet, dass das persönliche Schicksal des einzelnen Bürgers überwiegend durch gesellschaftliche Zustände bestimmt werde, während der Liberalismus an die grenzenlose Entscheidungsfreiheit des Einzelnen glaubt und deshalb die Eigenverantwortung des erwachsenen Menschen betont.

Jede der beiden Denkschulen hat - gewissermaßen als selbsterfüllende Prophezeiung - einen Teil dieser Erde geprägt: Der historische Materialismus hat der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten in Osteuropa seinen Stempel aufgedrückt, der Liberalismus hat sich in Großbritannien und in den USA als vorherrschendes Modell durchgesetzt.
In jedem der beiden Machtblöcke glaubte die politische Elite an die Alternativlosigkeit ihres politischen Systems. Andersdenkende wurden in den osteuropäischen Staaten gnadenlos verfolgt und hart bestraft, weil das marxistisch-leninistische Dogma keine alternativen Theorien duldete. Dennoch konnte keiner der zahlreichen Geheimdienste den Zusammenbruch der marxistisch-leninistischen Diktaturen im Winter 1989/90 verhindern.

In den liberalen Staaten der westlichen Welt sind die Bürger einem anderen Zwang unterworfen, dem "Zwang zur Freiheit", der entsteht, weil jeder Bürger sich seinen Lebensunterhalt durch irgendeine Art des Einkommens verdienen muss. Theoretisch verfügt jeder Bürger über das Recht, sich seinen Arbeitsplatz nach Belieben auszusuchen. Aufgrund der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen können jedoch nur wenige Bewerber ihren Wunscharbeitsplatz besetzen, die meisten Arbeitsuchenden müssen stattdessen einen der vorhandenen Arbeitsplätze besetzen oder ihren Lebensunterhalt durch Betteln, Prostitution oder Sozialhilfe bestreiten. Selbstverständlich könnte die innerhalb einer Gesellschaft anfallende Arbeit auch durch eine Form zentraler Planung auf die bestgeeigneten Kandidaten verteilt werden. Eine liberale Gesellschaft begnügt sich nicht mit klaren, eindeutig festgelegten Arbeitsaufgaben, sie verlangt von ihren Mitgliedern stattdessen einen ständigen Wettbewerb, um den persönlichen Arbeitsertrag zu maximieren. Langfristig kann dieser dauernde Wettbewerb nur durch ständiges Wachstum aufrechterhalten werden, weil die Mehrproduktion einzelner Unternehmer ansonsten automatisch zum Ruin der schwächeren Konkurrenten führen würde. Dieser "Zwang zur Freiheit", zur freien Auswahl der bestmöglichen Ertragsmaximierung, wird in den meisten (nicht-marxistischen) Lehrbüchern kaum thematisiert.
Es gibt jedoch eine relativ junge Denkschule, die diesen "Zwang zur Freiheit" ausdrücklich zum Kern ihrer Theorie erhebt. Paul C. Martin, Wirtschaftsredakteur der Bild-Zeitung, präsentierte 1986 in seinem Buch "Der Kapitalismus - ein System, das funktioniert" erstmals das Konzept des "Debitismus". Im Debitismus begründen die Zahlungsverpflichtungen, die zivilrechtlich als Schuld bezeichnet werden, den Zwang des Einzelnen, seinen Arbeitsertrag zu maximieren.

Der Debitismus beschreibt den ständigen Konflikt zwischen dem Zwang zum Geldausgeben und der Freiheit zum Geldverdienen als charakteristisches Kennzeichen einer liberalen Gesellschaft. Diese Freiheit ist jedoch keinesfalls grenzenlos, denn sie wird vor allem durch gesellschaftliche Institutionen begrenzt. In der Wirtschaftswissenschaft wird ein System miteinander verknüpfter Regeln und Normen als Institution bezeichnet, wenn es das Verhalten der Menschen steuert und Abweichungen von diesem System durch Belohnungen und Strafen sanktioniert. Die Sprache gilt als elementarste Institution einer Gesellschaft; mit ihr werden die Gesetze und Bräuche, die das Zusammenleben der Menschen regeln, formuliert. Der weltweite Kapitalmarkt beruht auf den Institutionen Eigentum, Schuld, Geld, Markt, Börse, Derivate usw. und bildet dabei selbst eine hochkomplexe und kaum durchschaubare Institution.


In diesem Buch möchte ich die wichtigsten und grundlegenden Institutionen dieser Gesellschaft aus einer Perspektive darstellen, die altbekannte Theorien und unkonventionelle, selbstentwickelte Gedanken zu einem neuen interdisziplinären Weltbild verbindet, dessen Gesellschaftsmodell auf zwölf Institutionen ("Säulen") ruht.

Die Regeln einer Institution gelten für alle Gesellschaftsmitglieder gleichermaßen und dennoch haben sie unterschiedliche Auswirkungen auf das Wohlbefinden des einzelnen Menschen. Millionäre und Sozialhilfeempfänger verwenden dieselben Banknoten, und dennoch gilt ein blauer 20-Euro-Schein für den Reichen als Trinkgeld und für den Armen als Vermögen. Pierre Bourdieu (1930-2002), ein französischer Soziologe, beschrieb diesen Widerspruch zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichen Hintergrunderfahrungen, weil er selbst in den Pyrenäen als Sohn eines Postangestellten aufgewachsen war und deshalb das Verhalten der übrigen Professoren kritisch beobachtete. Bourdieu erkannte, dass unbewusste verinnerlichte Faktoren, Illusionen, sozioökonomische Strukturen, historische Gegebenheiten, Geschlecht, Nationalität und Weltanschauung die menschliche Freiheit in vielfältiger Weise begrenzen.
Jeder Mensch besitzt eine Vielzahl unterschiedlicher Potentiale (Quelltöpfe), die er unter bestimmten Bedingungen gegeneinander austauschen kann. Bourdieu nennt vier verschiedene Potentiale, die er als ökonomisches Kapital (Vermögen), soziales Kapital (Vertrauen), symbolisches Kapital (Ansehen) und kulturelles Kapital (Wissen) bezeichnet.
In diesem Buch beschreibe ich vier ähnliche, mit einfacheren Begriffen dargestellte Potentiale, aus denen jeder Mensch seine Energie und seine Fähigkeiten schöpft:

Die körperliche Gesundheit ermöglicht es dem Menschen, eine Vielzahl von anspruchsvollen Tätigkeiten auszuführen. Dieses biologische Kapital erspart dem Gesunden zahlreiche Kosten, die ein Kranker bezahlt, um seine Krankheiten zu heilen oder zumindest deren Auswirkungen zu lindern. Obwohl allein in Deutschland 234 Milliarden Euro für den Erhalt oder die Wiederherstellung der Gesundheit ausgegeben werden, gilt Gesundheit noch nicht als käufliche Ware. Reproduktionsmediziner diskutieren über genoptimierte Kinder, Biowissenschaftler züchten Ersatzorgane aus Stammzellen, und Lebensmittelhersteller produzieren Nahrungsmittel, die mit Vitaminen angereichert sind. Wenn diese Entwicklung unverändert so weitergeht, dann könnte sich die Gesundheit in naher Zukunft zur Klassenfrage entwickeln. Noch ist es nicht soweit.

Das Wissen bezeichnet die Gesamtheit derjenigen Informationen, die der Mensch braucht, um seine Umwelt zu verstehen und zu gestalten. Dieses Wissen kann man in Millionen von Büchern nachlesen (explizites Wissen), sofern es sich nicht ausschließlich in den Köpfen der Experten verbirgt (implizites Wissen). Das Wissen des Einzelnen kann aber immer nur ein Ausschnitt des gesamten Menschheitswissens sein. Unser heutiges Wissen beruht auf der Experimentierfreudigkeit und dem Forschungsdrang früherer Generationen und auf der Überwindung derjenigen Irrtümer, die von früheren Generationen geglaubt wurden. In diesem Buch möchte ich einige der wichtigsten gesellschaftswissenschaftlichen Erkenntnisse in knapper und laienverständlicher Weise präsentieren, damit sie in relativ kurzer Zeit den Horizont eines unbefangenen Lesers erweitern.

Die positive Einschätzung der Mitmenschen wird als Vertrauen bezeichnet. Dieses Vertrauen blieb jahrtausendelang den engsten Angehörigen vorbehalten. Jahrtausendelang zog der Mensch mit seiner Jäger- und Sammlerhorde durch die Savanne, vertraute den Mitgliedern seines Stammes und misstraute den Angehörigen der Nachbarstämme. Heute besucht der Geschäftsreisende innerhalb
einer Woche vier verschiedene Kontinente und verhandelt dort mit Gesprächspartnern aus unterschiedlichen Kulturen, Rassen und Religionen. Innerhalb kürzester Zeit muss ein Vertriebsprofi das Vertrauen seiner Kunden für milliardenschwere Projekte gewinnen. Unzählige Bücher und Kurse, Ratgeber, Trainer und Berater beschreiben Methoden zur Vertrauenssteigerung, und dennoch gibt es kein eindeutiges Handlungsmodell, wie Vertrauen schnell und systematisch aufgebaut werden kann.

Vermögen bezeichnet die Verfügungsgewalt über materielle Ressourcen. Im weiteren Sinne umfasst das Vermögen sowohl Sachkapital (beispielsweise Immobilien) als auch Geld, Aktien und andere Wertpapiere. Der Wert des Sachkapitals - gemessen in Geld - ist jedoch starken Schwankungen unterworfen, weil abgelegene Häuser, ältere Autos und veraltete Haushaltsgeräte sich schlecht verkaufen oder verpfänden lassen. Geldvermögen gewährt seinem Besitzer den Vorteil eines größeren Handlungsspielraums. Mit Bargeld (Geldscheine, Münzen) und Sichtguthaben (ec-Karte, Überweisung) kann ein zahlungsfähiger Käufer alle augenblicklich angebotenen Güter und Leistungen durch sofortige Bezahlung erwerben. In einer modernen Geldwirtschaft ermöglicht das Bankkonto die Verrechnung von Guthaben und Forderungen. Dadurch wird das Vermögen zu einer immateriellen Größe, die lediglich durch eine Zahl auf dem Kontoauszug dargestellt wird. Das (Geld-)Vermögen im engeren Sinne unterscheidet sich vom materiellen Sachkapital dadurch, dass es nicht auf materiellen Werten, sondern auf einer immateriellen Schuld beruht. Aus Sicht der Bank entspricht nämlich jedes Kundenguthaben einer Schuld der Bank. Das Vermögen der Bank besteht wiederum aus den Kreditforderungen an Kreditnehmer (Nachschuldner), die den ausgeliehenen Kredit mit Zinsen zurückzahlen - sofern sie können.

Diese vier Voraussetzungen ermöglichen dem Einzelnen die Gestaltung seines persönlichen Lebenswandels und seiner persönlichen Umwelt. Sie können vom einzelnen Menschen nur im begrenzten Maße durch bewusstes Handeln gestaltet werden. Teilweise sind es die Gene, welche die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit eines Menschen bestimmen (man denke nur an Bluter oder Diabetiker). Die frühkindliche Sozialisierung trägt, wie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, ebenfalls einen Teil zur Persönlichkeitsbildung bei.


Geld und Macht sind Werkzeuge, die den Einzelnen behindern oder dem Einzelnen helfen, seine Ziele zu verwirklichen, aber der Einzelne kann sie nicht gestalten, sondern muss sich den gesellschaftlichen Regeln unterwerfen. Der Vorstandsvorsitzende eines weltweit operierenden Großkonzerns besitzt einen größeren Entscheidungsspielraum als der Betriebsleiter eines volkseigenen Kombinats in der DDR. Schuld, Macht und Geld sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, innerhalb derer ein Wirtschaftsteilnehmer, sei er Sklave, Angestellter oder Unternehmer, seine begrenzte oder weitgreifende Wirtschaftsplanung gestaltet. Die Gestaltung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bleibt jedoch - trotz aller demokratischen Bemühungen - anscheinend einem kleinen Kreis einflussreicher Persönlichkeiten vorbehalten.
Innerhalb dieser gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verfolgt jeder Mensch vier bedeutende Lebensziele, die man modellhaft als vier verschiedene Zieltöpfe darstellen kann:

Der Konsum von Gütern, Informationen und Dienstleistungen befriedigt die körperlichen, geistigen und seelischen Bedürfnisse des einzelnen Menschen. Körperliche Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken stehen in der Hierarchie der menschlichen Bedürfnisse an vorderster Stelle; Ansehen und Prestige, persönliche Selbstentfaltung gehören zu den Konsumzielen, die ein gesättigter Mensch anstrebt. Gleichzeitig ist der Konsum immer komplizierter geworden. In den 1960er Jahren konnte der Käufer im Tante-Emma-Laden zwischen vier verschiedenen Käsesorten auswählen, heutzutage findet man im großen Supermarkt über 300 Käsesorten. Bewusstes Einkaufen, d.h. Einkaufen unter Berücksichtigung ethischer, gesundheitlicher, ökologischer und preislicher Aspekte, erfordert heutzutage umfangreiches Hintergrundwissen. Durch die Vielfalt des Produktangebotes wird der Kunde einem Zwang zur Freiheit ausgesetzt.

Produktion bezeichnet die Vermehrung von Gütern, indem Ideen und Rohstoffe in Produkte verwandelt werden. In zahlreichen Museen dieser Welt kann man unzählige Erzeugnisse des menschlichen Schaffens bewundern - vom Faustkeil bis zum Kernspintomographen. Im Laufe der vergangenen Jahrtausende zwang die fortschreitende Technik die Menschen zur Arbeitsteilung, zur Spezialisierung und zur gemeinschaftlichen Produktion. Kekse backen kann (fast) jeder, Computerprozessoren oder Flugzeuge können nur von ein oder zwei weltweit tätigen Unternehmen hergestellt werden. Dieser Zwang zur Größe gilt als Auslöser gesellschaftlicher Machtkonzentration. In den marxistisch geprägten Staaten des Ostblocks entstanden riesige Kombinate, in den kapitalistisch geprägten "westlichen Staaten" entstanden durch Fusionen ebenfalls riesige Konzerne. Das achte Kapitel beleuchtet den betrieblichen und technischen Hintergrund dieser Konzentrationstendenzen in der Produktion.

Durch bewusstes Handeln, durch Austausch von Gütern, Informationen und Geld, versucht der Mensch diejenigen Gegenstände zu erwerben, die er selbst nicht herstellen kann. Handel verbindet Menschen aus unterschiedlichen Berufsgruppen, Kontinenten und Kulturen, deren Produkte und Dienstleistungen Zeit und Raum überwinden. Der weltweite Handel sorgt dafür, dass Bananen in Norwegen und Erdbeeren im Winter verkauft werden. Der Markt verbindet Produzenten und Verbraucher einer Handelsware. Entstehung und Ursache des Handels bleiben in der Wirtschaftswissenschaft bis heute umstritten. Der englische Ökonom John Hicks (1904-1989) behauptet, dass der Tauschhandel durch Verschenken der Überschussproduktion begründet wurde. Debitistische Autoren behaupten hingegen, dass der Handel anfänglich vor allem dazu diente, dringend benötigte Handelswaren (Salz, Waffen, im 20. Jh. auch Erdöl) zu beschaffen. Im neunten Kapitel wird die mächtigste Institution der modernen Wirtschaft, der "Markt", näher erläutert.

Die Arbeit trägt dazu bei, eigene oder fremde menschliche Bedürfnisse zu erfüllen. Die Unterscheidung zwischen Produktion (Werk) und Arbeit ist allen europäischen Sprachen vorhanden, diese Unterschiede sind aber im Laufe der vergangenen Jahrhunderte verwischt. Arbeit (engl. labour, franz. travail) bedeutet, den Anweisungen anderer zu folgen, während die selbständige Herstellung eines Produktes hingegen als Werk (engl. work, franz. ouvrage) bezeichnet wird. Im Bürgerlichen Gesetzbuch gelten unterschiedliche Rechtsvorschriften für Dienstvertrag (§ 611 BGB) und Werkvertrag (§ 631 BGB), die im Volksmund gleichermaßen unkritisch als Arbeit oder gar als Job bezeichnet werden. Im Mittelalter war das Standesbewusstsein wesentlich stärker ausgeprägt: Nur das geistliche Amt galt als Beruf, nur die selbständige Tätigkeit galt als Werk, während das Wort Arbeit fast ausschließlich die Beschäftigung der Knechte und Taglöhner bezeichnete. Eine Neugliederung der beruflichen Tätigkeiten gemäß den im zehnten Kapitel dieses Buches vorgestellten Begriffen erscheint daher sinnvoll, wenn man das Problem der Arbeitslosigkeit vor dem Hintergrund des technischen Fortschritts verstehen will.

Drei dieser vier bedeutenden Lebensziele, nämlich Arbeiten, Handeln und Produzieren, werden bereits von Hannah Arendt in ihrem Buch "Vita activa" philosophisch erörtert. Das vierte Lebensziel, der Konsum, galt lange Zeit als ausschweifender Müßiggang und somit automatisch als Laster.
Politische und religiöse Vorschriften beschränkten in der frühen Neuzeit das Maß des Konsums, das den überwachten Untertanen zugestanden wurde. Das Recht zum hemmungslosen Konsum gehört jedoch zu den diskussionswürdigen Errungenschaften einer kapitalistischen Gesellschaft. Mittlerweile beansprucht der Konsum einen zunehmenden Anteil der menschlichen Lebenszeit, so dass der Konsum - als bewusste Gestaltung des eigenen Lebens - zunehmend an Bedeutung gewinnt. Früher erbte man den Mantel des Großvaters, heute wechselt die Mode fast monatlich, so dass die Beschaffung der jeweils neuesten Gebrauchsgegenstände mit einem hohen Zeit- und Geldaufwand verbunden ist.

Diese vier wirtschaftlich bedeutsamen Lebensziele beeinflussen das gesellschaftliche Handeln der Menschen, während außerwirtschaftliche Lebensziele wie Faulenzen oder Askese keinen direkten wirtschaftlichen Einfluss ausüben, so dass deren vertiefende Erörterung keinen Erkenntnisgewinn für das Verständnis wirtschaftlicher Strukturen mit sich bringt.

Alle vier wirtschaftlich bedeutsamen Lebensziele können nur durch gemeinsames Handeln aller beteiligten Gesellschaftsmitglieder, durch Austausch von Materie, Informationen, Vertrauen und Vermögen vollendet werden.

Diese vier Voraussetzungen, die ich oben als vier Quelltöpfe bezeichnet habe, stehen dem Einzelnen nur im begrenzten Umfang zur Verfügung. Selbst ein Multimillionär kann sich nicht alles kaufen, auch ein Professor kann nicht alles wissen, auch die mächtigsten Führer dieser Welt fühlen sich manchmal hilflos den Anforderungen ihrer Umwelt ausgeliefert, denn nicht einmal ein Diktator schafft es, jeden Wunsch zu verwirklichen. Geldknappheit und Ratlosigkeit beunruhigen sogar die mächtigsten Führer der Welt. Gewalt, Armut und Unwissenheit behindern auch die Lebenschancen der kleinen und einfachen Leute.
In einer totalitären Diktatur sind die allgegenwärtigen Zwänge offenkundig, während die Zwänge einer liberalen Gesellschaft zunächst im Verborgenen bleiben. In einer liberalen Gesellschaft hat jeder Mensch die Freiheit, aus seinen vier Quelltöpfen das Vorhandene zu schöpfen und daraus nach seinen Plänen die vier Zieltöpfe zu füllen. Wenn einer der Quelltöpfe leer ist, dann bleibt Freiheit eine Fata Morgana, ein Traum des Tellerwäschers, der niemals Millionär werden kann. Wenn einer der Zieltöpfe nicht offen steht, weil das geltende Wirtschaftssystem jede Initiative im Keim erstickt, dann fühlen sich die Bürger um ihre Freiheit betrogen. Freiheit bedeutet also den ungehinderten Zugriff auf alle acht Töpfe, aus denen der einzelne seine Energie für das Leben schöpft. Wer dieses einfache Acht-Töpfe-Modell verstanden hat, kann die Probleme unserer Gesellschaft nachvollziehen und geeignete Lösungsansätze entwickeln. Die Gesellschaft der Zukunft muss diese Herausforderungen verstehen und diese Hindernisse überwinden. Sie muss den gleichberechtigten Zugang aller Menschen zu materiellen Ressourcen, Informationen und Gefühlen ermöglichen. Das klingt ehrgeizig, aber der Wunsch nach einer besseren Welt sollte uns ermutigen, den Weg dorthin zu erkunden...



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