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Leseprobe
Lilian Klawitter
Krankenhausgeschichten
hier die kurze Geschichte:
Eine "präzise" Angabe
Eine "präzise" Angabe
In der chirurgischen Ambulanz kommt heute mal wieder niemand zur Ruhe. Unfälle ereignen sich nun mal zu jeder Tages- und Nachtzeit. Es gibt allerdings auch Leute, die kommen am Samstag spätabends mit einer Schnittwunde am Finger, die sie sich bereits vor einer Woche zugezogen haben.
Heute Nachmittag ist ein kleiner Junge mit seinem Fahrrad gestürzt. Er wird mit dem Unfallwagen, begleitet von seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder, zum "Robert" hinauf gefahren. Der Oberarzt hat Bereitschaftsdienst und untersucht den ängstlich um sich blickenden Kleinen, der über Schmerzen im rechten Bein klagt. Die Mutter ist sehr besorgt und nervös, ihren jüngeren Sohn hält sie an der Hand. So stehen die beiden neben der Trage, auf der der verletzte Junge liegt.
Der wird nun erst einmal durch einen langen Flur in die Röntgenabteilung geschoben, Mutter und kleiner Bruder gehen mit. Als sie an einem Ge-üst vorbei kommen, auf dem ein Handwerker in seiner weißen Berufskleidung die Wand mit Farbe einpinselt, ruft der Kleine: "Mama, guck mal, was macht denn der Onkel Doktor dort oben? Ist die Wand krank geworden?"
"Sei still, schrei nicht so laut, das ist doch kein Arzt, das ist ein Anstreicher!", flüstert die Mutter ihm zu, die mit der einen Hand hilft, die Trage zu schieben, mit der anderen den Kleinen festhält.
Nach dem Röntgen wieder in die Ambulanz zurückgekommen, beantwortet die Mutter die Fragen des Oberarztes. Der beruhigt sie und erklärt ihr, dass ihrem Sohn ja nichts Lebensbedrohliches passiert sei. Das Röntgenbild zeige aber einen Bruch des rechten Unterschenkels, der allerdings gerichtet werden müsse, um in korrekter Stellung verheilen zu können. Der Oberarzt will wissen, wie alt der Junge ist. Diese Angabe braucht er auch für die dazu benötigte Narkose wegen der schmerzhaften Reposition. Die Mutter ist weiterhin äußerst nervös und besorgt, ist immer noch außer Atem, tritt unruhig von einem Fuß auf den anderen. Sie schaut auf den kleinen Jungen neben sich, der alles um sich herum mit weit aufgerissenen Augen betrachtet und die Hand seiner Mutter fest umklammert hält. Sie deutet dann auf ihn und antwortet:"Er ist zwei Jahre älter als dieser hier!"
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