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Leseprobe
Egon W. Kreutzer
Die Kleine Katze mit den weißen Pfoten
2 Das zweite Kapitel
Wie sich die kleine Katze mit den weißen Pfoten auf der Kachelofenbank räkelt, und, wie sie am Dienstag im Wald versucht hat, einen Baum umfallen zu lassenAls die kleine Katze, du weißt schon, die mit den weißen Pfoten, endlich aufwachte, war es längst Dienstag geworden. Es muss auch eine ganz andere Woche gewesen sein, weil es nämlich kein Winterdienstag war, sondern mindestens ein Frühlingsdienstag, wenn nicht gar schon ein Sommerdienstag. Aber über solche Merkwürdigkeiten wunderte sich die kleine Katze mit den weißen Pfoten schon lange nicht mehr. Als sie merkte, dass sie aufgehört hatte zu schlafen, öffnete sie zuerst das linke Auge und guckte ein bisschen nach links. Dann öffnete sie das rechte Auge und guckte ein bisschen nach rechts. Dann öffnete sie beide Augen. Jetzt guckte sie aber nicht nach links und rechts, sondern nach vorne, was ihr auch sehr merkwürdig, seltsam und nachdenkenswert vorkam. Doch vor jedem Nachdenken musste sie sich erst einmal räkeln und strecken und dehnen, und so katzbuckelte sie genüsslich auf der Kachelofenbank herum, bis genug gedehnt, geräkelt und gestreckt war, und sie mit einem kleinen Hops von der Bank auf den Boden hüpfte, denn sie hatte längst gerochen, dass unter der Bank ihr Schüsselchen mit frischem, gutem, herrlich duftendem Futter stand.
Die Sache mit dem duftenden Futter war überhaupt schuld daran gewesen, dass die kleine Katze mit den weißen Pfoten umgefallen war. Da hatte sie überhaupt erst gemerkt, dass Umfallen möglich ist, und wie das geht. Vorher hatte sie immer gedacht, man könnte nur liegen, sitzen, stehen, gehen, hüpfen und springen, sonst nichts. Aber als der Mensch, bei dem sie wohnte, neulich ihr Schüsselchen mit dem duftenden Futter nicht hingestellt, sondern vor ihrer Nase in die Höhe gehalten hatte, da hatte sie sich ganz lang gemacht, erst auf beiden Hinterbeinen, und dann nur noch auf einem stehend, und die Pfoten und den Kopf immer länger nach oben gestreckt, und dann,dann ist sie umgefallen.
Das war ihr zuerst sehr peinlich, weil Katzen ja eigentlich nicht umfallen sollten, doch dann hat sie sich gedacht, dass das Umfallen vielleicht etwas damit zu hätte, dass sie sich da so lang und hoch gemacht hatte, und nur noch mit einer Pfote auf dem Boden war. Deshalb sah sie sich um, nach Dingen, die lang und hoch waren und nur mit einem Fuß auf dem Boden stehen. Das erste, was sie da entdeckte, war eine ganz hohe, schlanke Vase auf dem Fensterbrett. Schwupps saß die kleine Katze mit den weißen Pfoten auf dem Fensterbrett neben der hohen schlanken Vase, und, niemand weiß, wie es geschehen ist, irgendwie berührte die kleine Katze mit den weißen Pfoten mit ihrer Schwanzspitze die Vase.
Da fing die an, ein bisschen zu wackeln, und dann schwankte sie, und dann schwankte sie noch mehr, und plumps und klirr -
fiel sie erst um, und dann hinunter auf den Boden, und war kaputt.
Wie ein Blitz war da auch die kleine Katze mit den weißen Pfoten unten auf dem Boden, durch die Tür hinaus, den Gang entlang und durch die Katzenklappe an der Haustür draußen im Garten. Sie wusste nämlich genau, dass der Mensch, bei dem sie wohnte, jetzt ziemlich sauer war und schimpfen würde, und schimpfende Menschen, das war nicht das, was die kleine Katze jetzt brauchte. Mit langen Sätzen sprang sie über die Wiese und schlüpfte in ihr Versteck unter der Hecke, wo es eine wunderschöne sichere Höhle gab, aus Ästen, Zweigen und Blättern, in die von außen niemand hineinsehen konnte, obwohl man selbst alles, was draußen vor sich ging, ganz gut beobachten konnte.
Während sie wartete, dass der Mensch endlich aufhören würde zu schimpfen, man konnte ihn nämlich bis in den Garten noch schimpfen hören, so ärgerlich war er, während sie also wartete, dass das Schimpfen aufhört, fiel ihr ein, dass die größten und höchsten einbeinigen Dinge, die sie kannte, die Bäume waren, und dass sie unbedingt herausfinden müsste, ob Bäume auch umfallen können.Das war aber schon ein paar Tage her. Jetzt war der Mensch wieder lieb und friedlich. Die kleine Katze mit den weißen Pfoten schleckte bedächtig das Schüsselchen aus, strich einmal dankbar um die Beine des Menschen und zog dann los, um im Wald nachzusehen, ob Bäume umfallen, und wenn nicht, warum nicht. Im Garten gab es nämlich nur ziemlich kleine Bäume und die waren alle irgendwie festgebunden, wobei nicht klar war, ob sie festgebunden waren, damit sie nicht umfallen, oder ob sie festgebunden waren, damit sie nicht davonlaufen.
Die kleine Katze mit den weißen Pfoten war sich allerdings ziemlich sicher, dass die kleinen Bäume festgebunden waren, damit sie nicht umfallen, denn Bäume, die weglaufen, hatte sie noch nie gesehen. Aber ein kleiner Zweifel blieb ihr noch, denn es könnte ja immer noch so sein, dass Bäume nur dann weglaufen, wenn gerade niemand hinschaut.
Der Weg in den Wald war nicht sehr weit, und bald stand die kleine Katze mitten zwischen den Bäumen. Uiii, waren die hoch!
Viel höher als eine auf einem Hinterbein balancierende Katze, viel höher, als die hohe schlanke Vase auf der Fensterbank gewesen war.
Mutig schlich die kleine Katze an eine mindestens 20 Meter hohe Kiefer hin, die bis ganz oben nur Baumstamm war und erst dicht unter dem Himmel ein paar buschige Äste hatte. Jetzt schaute sich die kleine Katze mit den weißen Pfoten ganz vorsichtig um, ob auch nirgends ein Mensch zu sehen sei, weil ein Mensch wahrscheinlich wieder laut und lange schimpfen würde, wenn er bemerkte, dass sie dabei war, einen Baum umfallen zu lassen. Aber es war weit und breit kein Mensch zu sehen und so tupfte sie mit dem Schwanzspitzerl an den Baumstamm hin, wie sie es bei der hohen, schlanken Vase auch gemacht hatte.
Dann rannte sie ganz schnell davon, weil sie aus sicherer Entfernung sehen wollte, wie der Baum umfällt.
Als sie sich, ganz außer Atem, endlich umdrehte, stand die große Kiefer aber immer noch da, genau wie vorher, und dachte nicht daran, umzufallen, obwohl sie so riesig hoch war und nur einen Fuß hatte.
"Vielleicht braucht die Kiefer einen größeren Schubs als die Vase", dachte die kleine Katze mit den weißen Pfoten, nahm Anlauf, rannte so schnell sie konnte auf die Kiefer zu, sprang so hoch sie konnte und warf sich mit ihrer ganzen Kraft gegen den Baumstamm.Das tat vielleicht weh! Erst war sie gegen den Baumstamm geknallt, dass sich sogar ein paar dünne Stückchen der rostroten Rinde lösten, und dann war sie auf den Boden gefallen. Aber sie war nicht weich gelandet, wie man es auf dem moosigen Waldboden erwarten sollte, sondern ziemlich hart und ungemütlich, und schon fragte sich die kleine Katze mit den weißen Pfoten, wie es denn kommt, dass das Moos unter der großen Kiefer so hart ist. Und weil schon alles weh tat, und weil es so aussah, als könnte sie heute doch nicht herausbekommen, warum Bäume nicht umfallen, wollte sie wenigstens hinter das Geheimnis des harten Mooses kommen. Dazu schob sie ihre langen scharfen Krallen heraus und zerfetzte wütend das Moospolster, auf das sie so hart gefallen war.
Und was kam da zum Vorschein? Wie ein Ast sah das aus. Wie ein Kiefernast. Schnell fegte die kleine Katze mit den weißen Pfoten mehr und mehr von dem Moos weg und auch einen ganzen Haufen heruntergefallener Kiefernnadeln, ja, sie machte praktisch großen Hausputz am Fuß der großen Kiefer und legte einen langen Ast frei, der unterirdisch an der Kiefer angewachsen war.
"Das ist eine Gemeinheit von der Kiefer", dachte sich die kleine Katze mit den weißen Pfoten, "dass sie ihre harten Äste unter dem Moos versteckt, so dass man sich weh tut, wenn man drauf fällt." Und dann hatte sie plötzlich dieses spannende Gefühl im Kopf, das sie immer bekam, wenn sie kurz davor war, etwas Neues zu entdecken. Es war ihr ganz klar, dass sie gerade dabei war, etwas ganz Wichtiges herauszufinden. Aber ihr wollte nicht einfallen, was das war. Und so suchte sie erst einmal weiter, ob die Kiefer nicht noch mehr unterirdische Äste versteckt hätte, damit kleine Katzen mit weißen Pfoten sich weh tun, wenn sie darauf fallen. Tatsächlich! Rings um den Fuß der großen Kiefer wuchsen dicke, dicke Äste nach allen Seiten in die Erde.
"Jetzt können alle anderen Katzen sehen, dass es hier hart ist, und weh tut, wenn man drauf fällt", dachte sich die kleine Katze mit den weißen Pfoten ganz zufrieden, und auf einmal war ihr klar, was sie herausgefunden hatte. Jetzt wusste sie, dass sie wusste, warum Bäume nicht umfallen."Die halten sich fest! Das sind gar keine Äste! Das sind Festhalter, Anker, Haken, Wäscheklammern, Schraubzwingen, Schnüre, Katzenkrallen! Alles auf einmal, aber eigentlich auch wieder nicht." Es war eine ganz neue Art, sich festzuhalten, und die kleine Katze war sehr davon überzeugt, dass diese Dinger einen eigenen Namen bräuchten, damit jeder weiß, was gemeint ist, wenn darüber geredet wird. Weil sie keinen Namen kannte und auch überzeugt war, dass sie, als die Entdeckerin der unterirdischen Festhalteäste, das Recht hatte, den Namen auszuwählen, dachte sie noch einmal nach.
Und weil es im Wald war, wo sie sich wehgetan hatte, beim Herunterpurzeln, wurde aus Wald und Purzeln das neue Wort: Wurzeln.
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