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Leseprobe

David Dejori

Ich bin ich - und ich bin Samuel


Das Dorf

Die Nacht war klirrend kalt. Am Himmelszelt funkelten die Sterne und der Mond legte behutsam sein fahles Licht über Täler und Berge. Mit Schneekleidern schwer behangen, beugten große und kleine Bäume, dem Winter willig ergeben, ihre Baumwipfel bis zum Boden, wie geschlagene Soldaten, die mit geneigten Häuptern sich dem Feind ausliefern. An den Regenrinnen hingen in unterschiedlicher Länge und Dicke Eiszapfen herab, die in der Mittagssonne unzählige, glitzernde Wassertropfen auf die Pflastersteine klatschen ließen. Eine feste Eisschicht klebte an den Scheiben der geparkten Autos. Nur die salznassen Straßen waren ein Zeichen dafür, dass dieser Winterzauber nicht alles erstarren ließ. Der zwischen den Häusern aufgeschaufelte Schnee erweckte den Anschein, als wollten selbst die Gemäuer zusammenrücken, um der eisigen Kälte zu trotzen. Die Spazierwege waren für die Fußgänger und besonders für ältere Leute im Winter gefährlich. Auf den Gehsteigen lag eine Mischung aus altem und neuem Schnee. Die Kinder hatten mit Rutschpartien natürlich ihren Spaß, und ältere Menschen, so hieß es oft, sollten zu Hause bleiben, die hätten es hinter dem Ofen doch viel gemütlicher.
Das Dorf hatte eine klägliche Straßenbeleuchtung, aber sie reichte aus, um den wenigen Nachtschwärmern den Weg zu beleuchten. Dafür zeigte sich der Sternenhimmel umso klarer. Die gespenstige Stille dieser Gegend hatte etwas Geisterhaftes, das allerdings immer dann einer tristen Normalität Platz machte, wenn eine Gruppe Jugendlicher vorbeikam, in dicke Kleidung eingepackt, um das zu suchen, was hier an spärlichem Nachtleben geboten war.

Aus der Dorfkneipe drang Musik. Der Geruch von Schweiß und alkoholischen Getränken lag in der Luft. Die Jugendlichen standen halbtrunken und wortkarg um die Theke, lauschten der Musik, die mit schmerzhafter Lautstärke aus den Boxen dröhnte, oder starrten gleichgültig, das Bierglas in der Hand, in die von Müdigkeit gezeichneten Augen ihres Gegenübers.
In der Ecke des Lokals türmte sich ein Kleiderberg aus Jacken, Mützen, Schals und Handschuhen. Jeder, der diese Kneipe betrat und nach kurzer Zeit die Hitze der glühenden Heizkörper zu spüren bekam, legte ein Kleidungsstück nach dem anderen ab, bis ihm nur noch das verschwitzte T-Shirt am Leib klebte.
Die Stimmung in der Dorfkneipe war meist gut. Es gab nie Schlägereien oder Zwistigkeiten. Alle waren bereit, sich im geselligen Beisammensein, der guten Laune hinzugeben. Der Wirt, sehr um seine einheimischen Stammgäste bemüht, versuchte erst gar nicht, die wenigen Touristen, die sich in das abgelegene Dorf verirrten, in seine Kneipe zu locken. Schaffte es ein Fremder dennoch, den unscheinbaren und nur spärlich beleuchteten Eingang der Kneipe zu finden, dann trafen ihn beim Eintreten viele verwunderte und neugierige Blicke. Die Dörfler wollten damit bestimmt nichts Böses ausdrücken, aber die Leute waren Fremde nicht gewohnt - und sie wollten sich nicht an Fremde gewöhnen. Die Kneipe war, wie es wohl in allen Dörfern üblich ist, der beste Umschlagplatz für die neuesten Nachrichten. Der Informationsfluss, der alle Ecken und Enden des Dorfes im Eiltempo verband, funktionierte besonders gut, wenn etwas Interessantes oder Schlimmes passiert war, doch auch in ruhigen Zeiten gab es jede Menge Gesprächsstoff. Man redete schließlich auch gerne über sich selbst. Jeder versuchte dabei, auf eine möglichst glaubwürdige Art und Weise, die eigene Person in das beste Licht zu rücken und seine Schattenseiten so zu verdecken. Wenn ein Mann am Stammtisch laut und spannend zu erzählen wusste, dann fand er Gehör, und an den Tischen, wo sich die Frauen und Mädchen zusammenfanden, war es nicht anders, nur dass dort die vielen, zugleich ineinander greifenden und sich übertönenden Stimmen in wesentlich schrilleren Tonlagen gestimmt waren. So war der "Rote Ochse", so hieß die Kneipe nach dem blutroten Ochsenkopf, der über dem Eingang prangte, ein beliebter Treffpunkt der Dorfbewohner, die sich dort in aller Unbekümmertheit begegneten.

Am südlichen Ende des Dorfes, von wo aus die Landstraße steil den Berg hinanführt, stand ein Gebäude, dessen Hof nachts von einem gelblichen Scheinwerfer beleuchtet wurde. Immer, wenn die Fenster offen standen, entwich der herrliche Duft frischgebackenen Brotes, denn dieses Gebäude beherbergte die Bäckerei des Ortes. Es war ein Familienbetrieb, wo Jonas, der Bäckermeister gemeinsam mit seinem Sohn Samuel Nacht für Nacht für die vielen Dorfbewohner Brot in den verschiedensten Formen und Variationen buk, damit es am Morgen - noch warm - die Frühstückstische seiner Kundschaft zieren konnte. Der Backofen ließ - nicht nur beim Öffnen - viel Wärme entweichen. Jonas und Samuel waren bei ihrer Arbeit meist nur mit einem T-Shirt und der langen, leichten Bäckerhose bekleidet. Es war harte Arbeit, und doch meinte Samuel, wenn man ihn, den Nachtarbeiter, darauf ansprach, dass er die Wärme der Backstube um keinen Preis gegen die in der Kneipe tauschen würde.





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