zurück zu  Startseite EWK-Verlag  Startseite egon-w-kreutzer.de

Leseprobe

Ulrike Andrea Brocke





Fremde Augen in meinem Gesicht



1. Im Augenblick

Ich liebe Augen.
Im Augenblick kann bedeuten, gerade jetzt in diesem Moment. Darüber hinaus, im ausgedehnten Sinn, kann im Augenblick aber auch für die aktuelle Lebenssituation, das momentane Lebensthema stehen.

Ich beziehe beide Facetten in mein Verständnis mit ein und noch eine dritte ganz ursprüngliche Verstehensweise:

Augen blicken!

Gerade hier und jetzt blicke ich in meiner derzeitigen Lebenskonstellation mit meinen Augen. Viel ist verändert - meine Augen, mein Blick, der Augenblick , mein Leben. Ich wäre sehr dankbar, wenn meine Augen, mein Blick, wieder wären wie vor gut zwei Jahren, wie vor der Krankheit. Doch an dem Rad der Zeit drehen möchte ich nicht. Zwar würde sich mein Blick nach außen wieder schärfen, doch in Konsequenz würde mein Blick nach innen unschärfer.


Rein äußerlich hätte ich wieder sehr schöne Augen; strahlende Augen, die Menschen anstrahlen, umstrahlen und durchstrahlen.

Augen - Fenster zur Seele.

Ich blickte durch meine Fenster in andere hinein.


Meine Augen sind durch Krankheit und Behandlungsversuche verändert - asymmetrisch, rechtes Auge, linkes Auge, wie Teile zweier verschiedener Gesichter, schlechte Weitsicht, Dauerschmerz.


Ja, ich hätte gern meine vorherigen Augen und damit mein vorheriges Gesicht zurück und meine Unbeschwertheit. Augen machen Individualität, Persönlichkeit, Augen zeigen den Menschen in seinem Gesicht - mein Gesicht ist verloren.


Doch Augenblick mal: Kann ich Verlorenes nicht wiederfinden?

Nein, dieses Verlorene wohl nicht, zumindest nicht wirklich. Es befindet sich zwar noch in meinem Gedächtnis, doch da bekomme ich es nicht heraus.


Ich liebe Augen.

Ich liebte meine vorherigen strahlenden Augen.
Ich liebe nun auch meine so veränderten Augen,
denn ich habe keine anderen.


zurück