zurück zu Startseite EWK-Verlag Startseite egon-w-kreutzer.de
falls Sie informiert werden möchten, sobald dieses Buch bestellt werden kann, klicken Sie hier
Leseprobe
Anna Stern
Glücklich wie ein vergessener Schuh
(Nach anstrengend-zermürbenden Vorbereitungen geht es endlich los, kaum läuft der Motor, schon stellt sich das wohlbekannte Gefühl ein ...)
Wie erwartet, dauert es nicht lange, und ich habe Hunger. Bloß gut, dass ich Brote gemacht habe! Tim sitzt völlig bewegungslos auf seinem Platz und starrt auf die Straße. Vermutlich sucht er irgendwo da draußen "den Urlaub", wie jedes Jahr.Irgendwann schlafe ich ein und erwache kurz vor Potsdam. Mein Mann fährt Landstraße. Soll das jetzt eine Besichtigungstour werden? Wir wollten doch eigentlich an die Ostsee, und es ist erst neun Uhr am Morgen. Dann wird mir klar: Er hat sich verfahren.
Ich glaube es nicht! Wie kann sich mein superperfekter Mann, der sich stundenlang mit der Strecke befasst hat, verfahren? Auf der Autobahn! Wir kommen aus dem Süden, wollen in den Norden. Kann meiner Meinung nach nicht so schwer sein! In der Schule hatte er nur Einser. Das weiß ich ganz bestimmt. Es vergeht kein Tag, an dem ich das nicht zu hören bekomme. Und in Geographie wurde Deutschland doch sicher auch in seiner Klasse ausgiebig behandelt. Oder sollte sich Rostock plötzlich in den Westen geflüchtet haben?
Zur Krönung des Ganzen muß ich jetzt auch noch erwähnen, dass wir ein Navigationssystem im Auto haben. Als ich damals zur Kur an der Ostsee war, hatte ich kein Navigationssystem, dafür zwei streitende Kinder im Auto. Die Karte unter den Lenker geklemmt bin ich stundenlang gefahren und habe es geschafft. Ohne mich zu verfahren. Soviel zum Thema orientierungslose Frauen.
Also machen wir heute doch eine Besichtigungstour durch Potsdam. Tim findet Potsdam toll. Ich finde Potsdam toll. Karsten findet es toll. Wir sind eben eine tolle Familie.
Tatsächlich findet das Navigationssystem den Weg zurück auf die Autobahn und er vertraut der synthetischen Frauenstimme jetzt doch. Dann darf ich fahren. Schließlich ist Karsten schon um 3 Uhr aufgestanden und jetzt auch mal müde. Ich frage mich nur, was er wohl all die Zeit gemacht hat. Das hat er davon. Er hätte doch ruhig einmal etwas früher ins Bett gehen können und nicht die ganze Familie wach halten müssen. Mir geht es immer noch schlecht, also bin ich immer noch gehässig, wenn auch nur in Gedanken.
Wenn ich fahre, ist das für Tim wie Wunschkonzert, denn dann darf er hören, was er will. Im Gegensatz zu seinem großen Bruder unterscheidet sich sein musikalischer Geschmack noch nicht allzusehr von meinem. Er will die "Weltreise" hören. Und während Karsten ernsthaft fragt, was das ist und ungläubig meiner Erklärung lauscht, durchströmt ihn sicherlich ein ungutes Gefühl. Schließlich wird ihm jetzt klar, dass ich "solche" Musik besitze und offenbar auch noch höre. Wie könnte Tim sonst ganz selbstverständlich danach verlangen? Es ist gar nicht so lange her, dass er uns einen abschätzigen Vortrag über diese Art Musik gehalten hat. Hat er mich dabei nicht behandelt, als käme ich von einem anderen Stern und hätte nicht die leiseste Ahnung von Musik?Ich höre in mich rein: Meine Güte, die Gehässigkeit ist immer noch da. Und ich genieße sein Erkennen, sein Entsetzen, seine Ahnungslosigkeit! Manchmal haben auch so primitive Gefühle etwas unglaublich Erhebendes!
Tim träumt sich in die Melodien hinein und Karsten schläft sofort ein. Beide schlafen. Auch gut, dann kann ich wenigstens die Musik genießen, ohne Bemerkungen.
Und da: Da war ja die Abfahrt "Herzsprung"! Ich musste sofort an Ildiko von Kürthys gleichnamiges Buch denken. Hab' ich das verschlungen und gelacht. Ich wusste gar nicht, dass wir auch da entlang kommen. Am liebsten hätte ich Karo sofort angerufen und gesagt "Hey, ich bin hier, wo sie sich auf dem Parkplatz von ihrem Frisör frisieren ließ." Aber es war kein Telefon greifbar und Karsten schlief. Also, gleich wenn wir da sind, muss ich ihr eine SMS schicken, unbedingt!
Endlich Rostock! Mein Herz schlägt höher.
zurück