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Winfried Pohl


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verworrene Fährten

Winfried Pohls kraftvolles Erzähltalent nimmt seine Heimat, die Eifel, gerne und kundig mit in seine Kriminalromane auf. Die Eifel und ihre Menschen werden vor den Augen des Lesers lebendig, sind mehr als nur ein gemachter Hintergrund, sondern liebevoll eingefügte Details, die uns sagen, dass selbst die Schrecken der schlimmsten Verbrechen an der Schönheit und Lebendigkeit der Heimat nichts zu verändern vermögen.

 

 

 

 

Leseprobe


1. Kapitel

Es war ein verregneter Nachmittag. Dicke Regenwolken verdunkelten den Himmel. Der große Parkplatz am Grenzübergang bei Waidhaus war voller Pfützen und glänzte im Licht der bereits eingeschalteten Beleuchtung. Vaclav Koziszki stand mit seinen Papieren am Schalter der deutschen Zollabfertigung und wartete geduldig bis er an der Reihe war. Es würde keine Probleme geben. Er war von Opole in Tschechien über Kralove, Prag und Pilsen bis hierher gekommen. Sein vierzig Tonnen Sattelzug war mit Baumwollballen beladen und in den Zwischenräumen der Ladung war dieses Mal keinerlei Schmuggelware versteckt.
Bei den meisten Fahrten, die Vaclav übernahm, waren Zigaretten, Maschinenteile, Drogen und manchmal sogar Frauen in kleinen Nischen zwischen der Ladung versteckt. Mit solcher Fracht reiste er über einen heimlichen Waldweg von Polen nach Deutschland ein, und seine Papiere waren dann bereits mit einem Zollstempel versehen. Ob dieser Stempel echt oder gefälscht war, wusste er nicht, aber die Unterlagen, die er mitführte, hatten schon zweimal den Straßenkontrollen des deutschen Zolls standgehalten.
Heute hatte er strikte Anweisung, den offiziellen Grenzübergang zu nutzen und seine Ladung an der Zollstation Waidhaus abzufertigen. Dies war notwendig, weil die Fracht ursprünglich aus Russland in die EU eingeführt worden war. Nach der Zollabfertigung sollte er nach Amberg fahren und sich dort im Industriegebiet mit seinem Auftraggeber treffen.

Als er an die Reihe kam, schob er seine Ladepapiere unter der Glas-Trennwand hindurch, wo sie von einem deutschen Zollbeamten entgegengenommen wurden, der sie gelangweilt überflog und ohne aufzusehen fragte: "Haben Sie sonst noch etwas zu verzollen? Zigaretten, einen größeren Bargeldbetrag, Kleidungsstücke, Lebensmittel oder ähnliches?"
Koziszki schüttelte nur den Kopf zur Antwort. Und dies konnte er mit gutem Gewissen tun. Nein, er war rein wie eine Kinderseele. Er hatte sich exakt an die Anweisungen seines Auftraggebers gehalten. Sogar bei den Zigaretten hatte er nur die erlaubte Menge dabei, obwohl dies für ihn, den süchtigen Kettenraucher, bedeutete, sich in Deutschland mit sehr teuren Zigaretten versorgen zu müssen.
Klatsch, klatsch, klatsch, machte es, als der Zöllner ein altes Ungetüm von Stempel auf die Papiere knallte und diese mit einem routinemäßigen "angenehme Weiterfahrt", auf Kaziszkis Seite zurückschob. Wortlos nahm er die Papiere entgegen und verließ die Zollstation. Draußen hatte der Regen zugenommen und zog in dicken Schleiern durch die Lichtkegel der starken Strahler. Schnell lief er zu seinem Lkw, startete die Maschine und setzte seine Fahrt fort. Er würde auf jeden Fall pünktlich, eher sogar eine ganze Stunde zu früh, zu seiner Verabredung in Amberg eintreffen.


Also ließ er den Lkw ruhig laufen und hing seinen Gedanken nach. Seit drei Jahren machte er diese Fuhren nun schon und hatte sich damit - für polnische Verhältnisse - ein kleines Vermögen geschaffen. Immer wenn er die zusätzliche Fracht am Zielort abgeliefert hatte, bekam er seinen Anteil in bar ausgezahlt. Je nach Menge und Art der Ware waren das immerhin zwischen 1.000 und 2.000 Euro. Bei drei Touren im Monat kamen so im Durchschnitt 4.000 Euro Zusatzverdienst zusammen, und das steuerfrei.

Bei Kontrollen war dieses Bargeld kein Problem, da es durchaus üblich war, dass osteuropäische Fahrer so viel Bargeld mitführten um eventuelle Strafen oder Sicherheitsleistungen bezahlen zu können. Es bereitete ihm auch kein Problem, dass er letztendlich Straftaten beging. Nur wenn er die meist sehr jungen Frauen transportierte, die mit Drogen oder Beruhigungsmitteln außer Gefecht gesetzt worden waren und ihre Reise sicherlich nicht freiwillig angetreten hatten, dann verspürte er Mitleid und musste sich zwingen seine Gedanken auszuschalten, um keine Dummheiten zu machen und die Opfer eventuell aus ihrer Lage zu befreien.
Vor zwei Monaten war es allerdings zu einem schweren Zwischenfall gekommen. Er hatte wieder einmal eine junge Frau zwischen seiner Ladung versteckt. Als er seinen Zielort erreicht hatte und zwei junge Burschen mit einem Kleintransporter die "Ware" auf einer Landstraße in der Nähe der belgischen Grenze übernehmen wollten, lag sie reglos in ihrem Versteck. Sie war tot. Wahrscheinlich während der langen Fahrt bei durchweg fünfzehn Grad minus einfach erfroren. Koziszki war ausgeflippt. Eine Panikattacke hatte ihn ergriffen. Die jungen Männer hatten alle Mühe, ihn zu beruhigen und dafür zu sorgen, dass auf dem kleinen Parkplatz niemand auf sie aufmerksam wurde. Schnell hatten sie die Tote in ihren Transporter verladen und waren davongefahren.

 



 

 

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