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Leseprobe

Der Hase Donnerstag
und die anderen Tiere aus dem Wäldchen hinter dem Mond



Es gibt viele Wälder auf der Erde. Doch es gibt nur einen, der hinter dem Mond liegt.
Manche Leute behaupten:
"Wer hinter dem Mond lebt, ist dumm."
"Wer hinter dem Mond lebt, weiß nicht, was in der Welt passiert."
Doch das stimmt nicht. Denn die Tiere, die im Wald hinter dem Mond leben, haben oft gute Einfälle.

So wie damals, als sie die großartige Idee mit dem Frieden hatten…

Eines Tages beschlossen die Waldbewohner, dass sie in Frieden miteinander leben wollten. Sie beschlossen das einfach so. Von einen Tag auf den anderen. Es war gar nicht so schwer, weil es alle von ganzem Herzen wollten. Und wenn man etwas von ganzem Herzen will, dann klappt es auch.

Als Erstes gründeten die Bewohner des Waldes hinter dem Mond eine Schule. Bisher hatten die Hasen den Hasenkindern alles beigebracht, was ein Hase wissen muss. Und die Eulen hatten den Eulenkindern alles beigebracht, was eine Eule wissen muss.
Das war nun alles anders.
Seit das Wildschwein in der neuen Schule neben dem Igel saß, wusste es plötzlich, dass dieser nur dann seine spitzen Stacheln zeigt, wenn er sich bedroht fühlt. Ansonsten ist er ein netter Kerl, mit dem man hervorragend Verstecken spielen kann. Kein Wunder - das übt der Igel ja auch den ganzen Winter über.

Danach stellten die Tiere Wegweiser auf, damit jedes schnell den Weg zum anderen finden konnte. Denn nun waren die Tiere ja nicht mehr voreinander auf der Flucht. Man kann nicht in Frieden miteinander leben, wenn man voreinander weglaufen muss. Das passt nicht zusammen.

Anschließend bauten die Waldbewohner eine kleine Kirche in der Mitte des Waldes, gleich neben der dicken Eiche. Dort wollten sie sich einmal in der Woche treffen, um sich beim Gott des Mondes für die fabelhafte Idee mit dem Frieden zu bedanken.

Zum Schluss teilten sie die vielen Aufgaben auf, die in so einem Wald anfallen: Jemand musste die Kinder unterrichten. Ein anderer musste all die Briefe austeilen. Es wurden mit einem Mal so viele neue Freundschaften geschlossen - da hatte man sich einiges zu berichten. Außerdem kann man viel leichter in Frieden leben, wenn man sich hin und wieder nette Dinge schreibt.
So bekam jeder Waldbewohner etwas zu tun, was allen Tieren von Nutzen war. Das war genial, denn so hatte niemand Langeweile. Wenn einem langweilig ist, kommt man nämlich nur auf dumme Gedanken. Wenn man aber etwas zu tun hat, fühlt man sich nützlich. Und das ist ein schönes Gefühl.

 


Donnerstag Hoppel will seine Mutter umtauschen

Im Wäldchen hinter dem Mond lebt auch Donnerstag, der kleine Hase.
Donnerstag heißt Donnerstag, weil er an einem Donnerstag auf die Welt gekommen ist.
"Donnerstag ist doch kein Name!" , empörten sich die anderen Tiere, als Hoppel geboren wurde.
"Natürlich ist das ein Name", entgegnete Mia Hoppel, Donnerstags Mutter. "Der vierte Tag der Woche heißt schließlich auch so."
Dagegen konnte niemand etwas sagen.

Hoppel hat noch drei Geschwister: Montag, Dienstag und Mittwoch. Sie sind alle jünger als er. Dienstag ist das einzige Hasenmädchen unter den Geschwistern. Das ist manchmal ganz schön nervig, denn so hat sie gleich drei Brüder, die sie beschützen wollen.
"Ich will mich selbst beschützen!", ruft Dienstag manchmal und stampft dabei so fest mit dem Fuß auf, dass der hohle Baumstumpf erzittert, in dem Familie Hoppel wohnt. Aber so ist das nun einmal unter Geschwistern.

Es gibt da auch noch Hugo Hoppel, den Hasenvater. Er ist Maler von Beruf, da er so wunderbare Gemälde zaubert. Er zaubert natürlich nicht wirklich, doch seine Bilder sind so schön, dass es einem wie Zauberei vorkommt. Das Talent hat er von seinem Urgroßonkel, dem Osterhasen, geerbt. Doch nur Ostereier zu bemalen ist Hugo zu langweilig. Außerdem wäre er dann im Sommer, im Herbst und im Winter arbeitslos. Darum verkauft er seine Kunstwerke in einem kleinen Laden. Dafür ließ er extra von Schreinermeister Fritz Nagezahn, dem Biber, einen kleinen Anbau neben dem Baumstumpf zimmern.

Eines Tages geht Donnerstag an den Fluss zum Spielen. Er trifft sich dort mit Miefi Duftwolke, dem Stinktier. Das ist sein aller-allerbester Freund. Am Vormittag hat es geregnet, sodass der Boden an dem steilen Ufer noch feucht ist. Das Gute an feuchtem Boden ist, dass man auf ihm ganz vorzüglich hinabrutschen kann. Besonders lustig ist es, wenn man dabei direkt im Fluss landet. Dann hat man eine richtige Wasserrutsche.
Das Schlechte an feuchtem Boden ist, dass man davon ein furchtbar schmutziges Fell bekommt. Schmutzig zu sein ist eigentlich nichts Schlimmes - es sei denn, die Hasenmutter hat gerade den Boden frisch gewischt.
Mindestens einhundertvierundsiebzig Mal rutschen Hoppel und Miefi um die Wette in den Fluss. Dabei probieren sie die verschiedensten Rutschpositionen aus: auf dem Rücken, auf dem Bauch, auf dem Hosenboden, vorwärts, rückwärts und sogar im Schneidersitz. Damit sie noch ein wenig schneller das Ufer hinabgleiten können, schütten sie mit einem Eimer zusätzlich Wasser auf die Rutschbahn. Ein Heidenspaß ist das für die beiden. Ich sag's euch.
Donnerstag hat so gute Laune, dass er beschließt, seiner Mutter einen Feldblumenstrauß zu pflücken. Wenn man selbst froh ist, will man schließlich, dass andere auch etwas davon bekommen. Dann wird die eigene Freude nämlich - simsalabim - einfach so verdoppelt.

Für Mia Hoppel ist es allerdings kein Heidenspaß, als ihr triefnasser Sohn mit schwarzen Pfoten über den frisch gesäuberten Küchenboden hüpft. "Ich hab' dir etwas mitgebracht", ruft Donnerstag fröhlich. Er kann es kaum erwarten, die Blumen zu verschenken. Er hat sie mit ganz viel Liebe gepflückt. Jede einzelne. Nun ist er gespannt auf Mamas erfreutes Gesicht.
Aber Mama steht mit den Hasenpfoten in den Hüften vor ihm und macht alles andere als ein erfreutes Gesicht. "Und was hast du mir mitgebracht?", fragt sie verärgert. "Schmutzige Pfoten und ein tropfendes Fell? Darauf kann ich allerdings verzichten. Scher dich raus, du Schmutzfink!"
Mit hängenden Ohren trottet Donnerstag aus der Küche. Er ist enttäuscht. Ganz furchtbar enttäuscht.
"Das hat man davon, wenn man nett sein will.", denkt er. "Aber gut, dann eben nicht!"
"Ich kann auch wütend sein", sagt er zu sich selbst, denn sonst ist niemand da. Zum Beweis wirft er den Blumenstrauß auf den Weg vor dem Haus. Schade, denn die Blumen sind wirklich wunderschön. Außerdem müssten sie in eine Vase. Aber dringend! Doch wenn man wütend ist, denkt man nicht an solche Dinge. Dann ist man ja schließlich mit seiner Wut beschäftigt.

"Ich werde mir eine neue Mutter suchen", beschließt Donnerstag und macht sich gleich auf den Weg. "Irgendjemand wird schon mit mir tauschen."
Donnerstag hoppelt den schmalen Pfad entlang, der in Richtung Waldesmitte führt.
Als Erstes kommt er an der Höhle von Boris Riesengroß vorbei, der wirklich riesengroß ist. So, wie Bären nun einmal sind.
Boris sitzt vor seiner Hütte und füllt Honig aus einem Eimer in kleine Gläser. Morgen ist doch Markt im Wald hinter dem Mond. Da möchte er den Honig verkaufen. Neben ihm hockt Zottel Riesengroß, sein Sohn. Der ist aber noch längst nicht riesengroß. So, wie Bärenkinder nun einmal sind.
"Guten Tag", sagt Donnerstag.
"Guten Tag", sagen Boris und Zottel Riesengroß gleichzeitig.
"Zottel, willst du vielleicht deine Mutter mit mir tauschen?" fragt der kleine Hase ohne große Umschweife. Denn wenn etwas sehr wichtig ist, kommt man am besten gleich zur Sache.
"Warum willst du deine Mutter tauschen?", fragt Zottel verwundert.
Donnerstag verschränkt die Arme vor der Brust. "Weil sie kein Herz für Hasenkinder hat", erklärt er.
"Kann deine Mutter denn irgendetwas besonders gut?" fragt Zottel.
Donnerstag kratzt sich am Kopf. Das ist ein Zeichen dafür, dass jemand nachdenkt. Oder dass es juckt. Aber Donnerstag denkt nach.
"Meine Mutter kann wunderbaren Möhreneintopf kochen", fällt ihm ein.
"Meine Mutter kann wunderbaren Honigkuchen backen", sagt Zottel.
Donnerstag lässt enttäuscht die langen Hasenohren hängen. "Aber ich mag doch gar keinen Honigkuchen", sagt er.
"Und ich mag gar keinen Möhreneintopf", sagt Zottel Riesengroß.
"Dann wird wohl nichts aus dem Tausch", stellt Donnerstag fest. "Also, auf Wiedersehen und einen schönen Tag allerseits."
"Auf Wiedersehen", sagt Zottel.
"Einen lieben Gruß an deine Eltern", sagt Boris.
"Pah!", ruft Donnerstag trotzig. Und was das heißt, könnt ihr euch sicher denken.

Der kleine Hase läuft weiter den Weg entlang, bis er an eine Gabelung kommt. Hier biegt er rechts ab. Nach einer Weile kommt er an einen kleinen schwarzen Erdhügel. Ein hölzernes Schild steckt im Boden. Auf dem steht:

Hier wohnt
die Maulwurf-Familie
"Brillenrand"

Donnerstag gibt der kleinen Glocke am Eingang einen Stups, sodass sie klingelt.
Der Hügel kommt in Bewegung und schwarze Erde spritzt in alle Richtungen. Auch in Donnerstags Gesicht. Das ist nicht besonders lustig, aber auch nicht besonders schlimm.
Einen Augenblick später kommt eine winzige rosa Nasenspitze hervor. Diese Nasenspitze gehört zu einer Nase und diese Nase gehört, genauso wie die silberne Nickelbrille, zu Phillip Brillenrand. Donnerstag sitzt in der Schule neben ihm.
"Wer ist denn da?", fragt Phillip, denn Maulwürfe sind ja bekanntlich blind. Da hilft eigentlich auch die Brille nichts. Doch das macht nichts, denn sie steht ihm ganz vortrefflich.
"Ich bin es", antwortet Donnerstag.
Wie gut, dass jemand, der blind ist, sich gut Stimmen merken kann.
"Donnerstag, wie schön, dass du mich besuchst", ruft Phillip erfreut.
"Willst du vielleicht deine Mutter mit mir tauschen?", fragt Donnerstag.
"Warum willst du deine Mutter tauschen?", fragt Phillip verwundert. Donnerstag verschränkt die Arme vor der Brust. "Weil sie kein Herz für Hasenkinder hat", erklärt er.
"Kann deine Mutter denn irgendetwas besonders gut?", fragt der kleine Maulwurf.
"Sie kann wunderbaren Möhreneintopf machen", schwärmt Donnerstag. Diesmal braucht er gar nicht lange zu überlegen. Dann fällt ihm sogar noch etwas ein. "Und sie kann ‚Wer hüpft am höchsten' spielen."
"Meine Mutter kann ‚Blinde Kuh' spielen", sagt Phillip.
Donnerstag seufzt. "Aber ich mag mir doch gar nicht die Augen verbinden."
"Und ich kann doch überhaupt nicht hüpfen", sagt Phillip.
"Dann wird wohl nichts aus dem Tausch", meint Donnerstag traurig. "Auf Wiedersehen und mach's gut."
"Mach du's auch gut", sagt Phillip. "Und viel Glück."

Das hat sich der kleine Hase aber viel leichter vorgestellt. Es ist gar nicht so einfach, eine passende Mutter zu finden.
"Aber so schnell gebe ich nicht auf!", sagt Donnerstag zu sich selbst. Denn es ist ja sonst niemand da.
Doch halt! Das stimmt gar nicht.
"Huhu!", hört er eine piepsige Stimme rufen. Sie kommt von unten. Darum schaut Donnerstag zu Boden. Aber er kann noch immer nichts entdecken.
"Beug dich mal kurz runter!", ruft die Stimme. Donnerstag beugt sich hinunter.
Ach so, es ist Fips Fleißig, seine Lieblingsameise, der ihn gerufen hat.
"Hallo Fips", sagt Donnerstag.
"Hallo Donnerstag", sagt Fips. Er trägt einen kleinen Zweig auf seinem Rücken. "Wohin gehst du?"
"Ich suche eine neue Mutter", antwortet Donnerstag. "Willst du nicht mit mir deine Mutter tauschen?"
"Warum willst du deine Mutter tauschen?", fragt Fips verwundert.
Donnerstag verschränkt die Arme vor der Brust. "Weil sie kein Herz für Hasenkinder hat", erklärt er.
"Kann deine Mutter denn irgendetwas besonders gut?", fragt die kleine Ameise.
"Sie kann wunderbaren Möhreneintopf kochen und sie kann ‚Wer hüpft am höchsten' spielen", sagt er. Dem kleinen Hasen wird ein bisschen warm ums Herz, als er daran denkt. Dann fällt ihm gleich noch etwas ein. "Und sie kann so laut mit der rechten Hinterpfote auf den Boden trommeln, dass es im ganzen Wald zu hören ist."
"Meine Mutter kann drei Tage arbeiten, ohne eine Pause zu machen", sagt Fips.
Donnerstag schüttelt verzweifelt den Kopf. "Aber ich will doch gar keine Mutter, die ohne Pause arbeitet."
"Und ich möchte nicht von einer trommelnden Hinterpfote getroffen werden", sagt Fips Fleißig.
"Es ist zum Aus- der- Haut- fahren!", ruft Donnerstag verzweifelt. "Will denn niemand eine Mutter, die Möhreneintopf kochen kann und die ‚Wer hüpft am höchsten' spielen kann und die laut trommeln kann und die Eier bemalen kann und die Häschenwitze erzählen kann und die beim Laufen Haken schlagen kann und die…"
Plötzlich weiß Donnerstag ganz genau, wer so eine Mutter will.

Und ...




...und hier ist die Leseprobe leider zu Ende.


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