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Leseprobe

David Dejori

 

 

 

 

 

 

Die schwarze Angst


 

1

Ein Faustschlag mitten ins Gesicht. Ein Geiselhieb der mir Fleischstücke aus meinem Körper reißt. Wie ein geschlagener Hund - gequält - gemartert - getreten. Peiniger beißen in meinen Hals, zerfetzen meine Haut. Ich ringe nach Luft. Blut spritzt auf die weißen, kahlen Wände.

Hocke zusammengekauert und wehrlos in diesem winzigen Raum. Werde zerdrückt von mächtigen Gestalten. Tosendes Gelächter. Kein Weg führt nach draußen und Feuerzungen greifen nach mir. Der Himmel bricht, stürzt herab. Er begräbt mich unter sich. Ein greller Schrei! Ein Letzter! Blitzschnell! Doch er verstummt.

Schweigen - Totenstille. Vom Grauen erstarrte Augen.
Über allem hat die Furcht einen Bogen gespannt mit herunterhängenden, klebrigen Fäden.

Werde durch die Luft geschleudert, ins Spinnennetz geworfen. Ein haariges Biest, übergroß, direkt vor mir - furchterregend! Es wird mich in einen Kokon hüllen, mich hängen lassen, bis es Hunger verspürt, um mich dann gierig auszusaugen. Es packt mich die Angst. Sie trifft mich wie ein spitzer Gegenstand, wie ein Pfeil, der aus dem Nichts auftaucht und mich mit Leichtigkeit durchbohrt. All dies könnte wahr werden. Es könnte passieren, auch dann, wenn diese Angst wieder von mir weicht.

Ich stehe in diesem Raum, im dritten Stock eines alten Gebäudes in der Stadt Bozen und blicke aus dem Fenster, zitternd und blass. Der kalte Novemberwind fegt ahnungslos durch die Straßen und Gassen der Stadt. Er hat mich nicht bemerkt. Er weiß nicht, wo er mich finden kann. Er wird mich nicht erreichen. Nicht, wenn ich im Schutz dieser engen Behausung ausharre. Es geht mir wieder gut. Alles ist vorbei, und das Zittern lässt nach.
Der Wind scheint sich an den Menschen zu ergötzen, die mit eiligen Schritten die Wärme ihrer Häuser aufsuchen, in Gastlokalen verschwinden, ins Theater gehen oder ihre Körper in weiche Kinosessel drücken.
Ich schaue von hier oben dem Wind zu. Er wühlt sich durch die Frisuren der vielen vorbeiziehenden Köpfe. Er rüttelt an den bunten Kleidungsstücken, die sich wie Farbtupfer vom eintönigen Grau des Straßenpflasters abheben. Der Wind lässt Verkehrsschilder tanzen und auf dem Boden liegendes Papier wie Flugzeuge abheben. Er wirbelt wie ein wild gewordener Besen Blätter, Staub und getrockneten Hundekot durch die Luft. Ich stehe hinter der dicken Glasscheibe in meinem Zimmer und schaue diesem unsichtbaren Gaukler zu. Er hat scheinbar Freude daran, seinen kalten Schweif durch die Straßen zu jagen.

Es ist nur der Wind. Beruhige dich. Er gehört zum Herbst dazu. Er will sich austoben wie ein übermütiges Kind. Soll er doch. Er lässt sich nicht bremsen, nicht berechnen, nicht stoppen, von keiner Menschenhand. Er spielt sein Spiel und er spielt es gut. Ich beneide ihn. Er ist schnell, stark, geschickt und kühn, wenn er andere erschreckt.

Was soll das alles bedeuten, Katrin? Was redest du da für wirres Zeug vor dich hin? Ich glaube, du bist verrückt - einfach verrückt.
In meinem Nacken sitzt die Angst wie ein Krake. Er hat seine scharfen Krallen in meine Schultern gebohrt und sich auf mir ein bleibendes Zuhause eingerichtet. Ob er sich dabei wohl fühlt? Ich wehre mich nicht dagegen - nicht mehr.
Vielleicht ist die Angst schuld an allem, oder ich bin feige. Bin ich das wirklich? Was soll ich mit dieser Erklärung anfangen?
Wenn es so wäre, würde ich augenblicklich etwas dagegen tun. Es kann doch nicht allzu schwer sein, einer Feigheit entgegenzusteuern, und es ist bestimmt nicht unmöglich, Angst zu besiegen. Wer sagt überhaupt, dass ich feige bin? Ich behaupte das nicht. Ich bestimmt nicht. Und was ist mit der Angst?




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