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Leseprobe
Samuel Blome
Das Zweite Große Feuer
Die Einführung
( überspringen und gleich weiter zum 1. Kapitel)
Die Geschehnisse
vor dem Feuer und der großen VernichtungBevor es Menschen auf Enayi gab,
lebten dort Tiere, aber auch andere, den Menschen ähnliche Wesen,
die sich selbst
Aie´chiímmitagi´aveí
nannten.Kinder des Zeitschöpfers, und auch Nizeakâyí, das freie Volk.
Erst die Menschen gaben ihnen verschiedene Namen.
Im Norden wurden sie Teltani genannt,
in den Ländern der Sonnensäule hießen sie Ivijkai.
Ähnlich waren sie den Sterblichen,
was Gestalt und Geist anging, wunderschön anzusehen,
und doch völlig anders, wirkten sie fremd
auf die Neuankömmlinge.Dort, wo die Menschen Kriege führten,
und der Neid die Freude an mühsam Erworbenem zerstörte,
kannten sie weder Bosheit noch Leid.Land konnte keinem einzelnen Geschöpf gehören,
keine Krankheit konnte sie berühren,
und den Tod kannten sie nicht,
außer von Unfällen.Mit anderen Lebewesen lebten sie in Frieden,
und kein Tier tötete ein anderes.Eines Tages jedoch kamen Menschen in ihre Welt.
Mit den Sterblichen kamen Gewalt, Tod und Leid in diese Welt.
Tod und Krankheit brachten sie,
Flüchen gleich, mit sich, ohne dass es die Nizeakâyí berührte.Habgier und die Bosheit wuchsen unter den Menschen,
je mehr sie sich vermehrten.
Die Unsterblichen zogen sich zurück.
und reagierten auf Verbrechen, indem sie vor den Menschen flohen.Lange hatten die Menschen sich ausbreiten können,
Völker hatten sich herausgebildet,
Große Städte mit fruchtbarem Ackerland nannten sie ihr eigen,
Und um Besitz und Eigentum entfachte sich immer neuer Streit.Zu jener Zeit badete ein Mädchen
des freien Volkes in einem Teich des Waldes,
und ein Fürst der Menschen, der zur Jagd ausgeritten war,
sah es.Von ihrer Schönheit verzaubert trat er näher.
Sie, welche die Menschen wenig kannte,
und sich ihrer eigenen Nacktheit nicht schämte,
floh nicht, als er sie ansprach.Der Fürst jedoch, tat ihr Gewalt an. Verwundet schleppte sie sich in das Lager ihrer Eltern.
Als ihr Bruder Tenailor sie fand,
lähmte ihn das Entsetzen, und er suchte nach Mitteln der Heilung.Sie konnte noch erzählen, was ihr widerfahren war,
den Namen des Sterblichen nennen,
bevor sie in seinen Armen verschied.
Hell loderte die Flamme des Zornes im Herzen ihres Bruders.Die übrigen Nizeakâyí seines Volkes fanden keinen besseren Weg,
als weiterhin zu fliehen, zu vergeben
und auf die Gerechtigkeit dessen zu warten,
der sie geschaffen hatte.Doch Tenailor verlangte nach Rache. Seinem flammenden Herzen entsprangen mitreißende Worte.
Die Nizeakâyí, vor allem die jüngeren unter ihnen,
gerieten in Unruhe. Trotzdem war es schließlich nur einer,
der Tenailor begleitete, ein Freund, der wie ein Bruder zu ihm war.Vor den Toren der Stadt, lauerten sie
dem Fürsten Hadargun auf und töten ihn
vor den Augen seiner Untertanen,
inmitten der Krieger seiner Leibgarde.Mit dieser Tat, welche in den Augen ihres Volkes als großer Frevel
erschien, begannen die Veränderungen der Natur.
Den Tieren wuchsen scharfe Klauen und lange, spitze Zähne.
Sie begannen, zu töten.Die Menschen wagten sich nur noch bewaffnet aus ihren Städten,
abgelegene Häuser wurden verlassen.
Kraft ihres Verstandes und Erfindungsreichtums
wurden die Menschen auch dieser Lage Herr,
so dass die Plage des Schattens
ihrer Entwicklung sogar förderlich war.Das freie Volk blieb den Menschen fremd.
Während diese sich ausbreiteten, ihre Völkerschaften größer wurden, und immer mehr an sich rissen, schwanden die Nizeakâyí dahin.
Nur wenige folgten Tenailor, setzten sich gegen die Menschen
zur Wehr und übten sich darin, Böses mit Bösem zu vergelten.Als es den Menschen gelang, eine Stadt der Nizeakâyí einzunehmen,
fanden sie dort uraltes Wissen vielfältigster Art, weit mehr als sie jemals begreifen konnten. Nur einen Bruchteil dieses Wissens nahmen sie mit sich, und nutzten es für ihre Zwecke.Innerhalb von fünfhundert Jahren erfuhr dieses Volk einen unglaublichen Reichtum und Aufschwung.
Vieles, was früher übernatürlichen Mächten zugeschrieben wurde,
konnten sie nun als Naturgesetze verstehen.
Ihre Philosophen und Wissenschaftler erklärten, letztlich
sei den Menschen alles Geschehen begreifbar, erklärbar und beherrschbar.Jahrtausende nach der Ankunft der Menschen veränderte sich der Stern, dessen Licht die Welt Enayi mit Leben erfüllt hatte.
Er wurde größer, blähte sich auf, und verschlang seine Planeten,
einen nach dem anderen.Auf dem Planeten der Menschen wurde es immer heißer.
Ihre Astronomen stellten Berechnungen an und verkündeten, dass dies über Jahrhunderte so bleiben würde.So erbauten sie neue Städte unter der Erde,
und verschwanden vom Angesicht des rotglühenden Sternes.In dieser Zeit wurden auch die Sonnensäulen errichtet.
Nizeakâyí, von der Not der Sterblichen berührt,
halfen den Menschen, diese gewaltigen
Wärme- und Lichtspender zu erbauen.
Dies war das letzte Mal, dass die Nizeâ sich den Menschen offen zeigten.Menschen, die das Wissen, das sie aus den Ruinen der Nizeâ-Städte
hatten stehlen können, ausnutzten, um gewaltige Waffen zu erschaffen,
zerstörten diese künstlichen Sonnen in ihren Kriegen.Nur 11 blieben übrig.
Sieben auf der Südhalbkugel, vier auf der Nordhalbkugel, zwischen ihnen undurchdringliches Eis.Die Menschen, die Krieg und Vernichtung überlebten,
sammelten sich und begannen von neuem, um ihr Überleben zu kämpfen.
Sie vergaßen fast alles.
Nur wenige Mythen und Legenden berichten noch
Von der Zeit vor der Vernichtung.
Das freie Volk
Wurde seither von keinem Sterblichen mehr gesehen.
Das große Feuer ist als Apokalypse noch immer fest in den
Sagen und Mythen dieser Welt verankert, und in den Vorhersagen der Propheten heißt es:
Im
"Zweiten Großen Feuer"
Wird die Welt vergehen.
Josche kauerte sich in den durchweichten Schützengraben, während hinter ihm die Blitze von Granatexplosionen die Dunkelheit durchbrachen. Es war eine jener endlosen, kalten Nächte, deren angespannte Eintönigkeit von sanftem Nieselregen noch verstärkt wurde. Trotzdem war es ihm lieber, hier der Gefahr ins Auge zu sehen, als im Biwak zusammen mit den anderen unter dem Artilleriefeuer zittern zu müssen. Plötzlich hörten die Explosionen auf. Er freute sich nicht über die nun eintretende Ruhe, denn er wusste, was jetzt kommen würde. Sein Kamerad neben ihm offenbar auch, denn dieser begann nun, sich wie in Fieberkrämpfen zu schütteln, zitterte am ganzen Leib und stieß dabei unverständliche Laute aus. Ein Gebet wahrscheinlich. Josche ignorierte ihn und umklammerte sein Gewehr fester. Hinter dem Stacheldrahtverhau, der die Franzmänner vom Graben fernhalten sollte, war immer noch nichts zu erkennen. Seine Gedanken schweiften ab. Wie hatten sie noch gesagt? Seine Freunde, seine Professoren, die Zeitungen hatten es geschrieben: Für sein Vaterland war er hier, um seine Heimat zu verteidigen, für Ruhm und Ehre. Für einen schnellen Sieg. Für Deutschland. Nur wenige hatten sich kritischer geäußert, eigentlich nur seine Eltern und sein Deutschprofessor.
"Dieser Krieg wird nicht so schnell zu Ende sein, wie sie es uns glauben machen wollen!", hatte er gesagt. Josche wusste, er hätte auf ihn hören sollen. Sein Fuß war inzwischen eingeschlafen. Er veränderte seine Position. Otto, den sie immer nur Nase" genannt hatten, der schlimmste Lausbub des Dorfes, hatte ständig davon gesprochen, welche Taten sie in heldenhaftem Kampfe vollbringen würden.
"Wir werden die Franzosen mit Feuer unterm Arsch bis hinter Paris zurücktreiben!"
Er war noch vor der ersten Feindberührung ruhm- ehr- und beinlos im Lager krepiert. Eine Artilleriegranate war nachts direkt neben seinem Zelt explodiert. Drei weitere Kameraden wurden rings um den Krater eingesammelt, Otto selbst lebte noch ungefähr fünf Minuten. Es wäre besser gewesen, er wäre sofort gestorben. Dieses Bild, diesen Blick aus seinen Augen, würde Josche niemals vergessen. Trotzdem berührte es ihn nicht mehr, wenn er daran dachte. Er war längst abgestumpft und gleichgültig geworden, denn er hatte eingesehen, dass er gegenüber dem Schicksal machtlos war. Seine Freunde starben einer nach dem anderen, und er hatte nicht die geringste Chance, das zu verhindern. Eine Gewehrsalve krachte von den Franzosen herüber. Dann trug der viel zu kalte Wind das schauerliche Geschrei hunderter, wenn nicht tausender von Kehlen an seine Ohren.
Medron Sisej Agardes blickte mit einer Mischung aus Stolz und Trauer auf die versammelten Fejara. Dreitausend Feuer lagen dort in der Dunkelheit, und an jedem saßen zwanzig der besten Krieger des Großreiches Gjehar. Diese Armee war das Ergebnis jahrelanger Arbeit, seiner Arbeit. Sie war sein Lebenswerk. Und nun sollte er diese Menschen, die ihm ausnahmslos vertrauten, nach Meduén führen. An sich war dieser Auftrag problemlos durchführbar, eigentlich sogar unter seinem strategischen Niveau. Einen einfachen Arbit hätte man eben so gut mit dieser Aufgabe betrauen können. Meduén war schwach. Die Bauern mit ihren Schleudern und Knüppeln, die von vielleicht eintausend Reitern der königlichen Garde beschützt wurden, hatten seiner schweren Infanterie mit ihren bronzenen Vollrüstungen und den Lanzen, die so lang waren wie drei Männer, nichts entgegen zu setzen. Jedes beliebige Heer, auch ein weit kleineres, wäre stark genug, Meduén zu erobern. Die Fejara brauchte es dafür nicht!
Er wusste jedoch auch, dass Meduéns Möglichkeiten über die Kräfte seiner wenigen, schlecht ausgerüsteten Krieger hinausgingen. Im Land der Sonnensäule, die es zusammen mit zwei Ähren im Banner trug, gab es viele unkalkulierbare Faktoren, und Geheimnisse, die zum Teil nur wenigen Menschen bekannt waren.
Doch die Gjeharanische Oberschicht hatte Zugang zu den Bibliotheken des Wahrderet. Er hatte diese Vollmacht genutzt und so einiges über Meduén erfahren. Die Sonne, deren Licht alle Länder bis zur Grenze des Eises und der Dunkelheit erhellte, war in unglaublicher Höhe auf einer 1 2/3 Seldian dicken, transparenten Säule angebracht. Durch die Säule floss ein steter Strom blauschimmernden Elements zur Sonne. Um die Säule herum befand sich ein riesiges Bauwerk, das jeden Zugang zur Säule verhinderte und nicht einmal von den schweren Katapulten der Tovarer beschädigt werden konnte. In Meduén gab es auch Ruinen aus einer Zeit, an die keine Chronik mehr erinnerte. In diesen Ruinen wurden von den Wagemutigsten manchmal Dinge gefunden, die sich, nach jahrelangem Studium durch Priester und Gelehrte, als Waffen einsetzen ließen. Ein unsicherer Faktor, jedoch noch lange nicht der unsicherste. Es war etwas anderes, was ihn mit Angst erfüllte.
Neben Josche begann ein MG zu feuern. Als er kurz über den Rand des Schützengrabens hinweg spähte, konnte er die Franzosen sehen. Rennende, schreiende Schatten. Ihre Todesschreie erklangen im Sekundentakt, trotzdem rückten sie in lang gezogenen Reihen immer weiter vor. Die erste französische Granate explodierte mit einem dumpfen Knall und das MG, das die ganze Zeit über pausenlos gefeuert hatte, verstummte. Josche wusste, dass es jetzt ernst wurde. Er besann sich seines Gewehrs, legte auf einen der Schatten an, schoss und hörte ein Röcheln, während der Schatten in der Schwärze unter ihm verschwand.
"Du sollst nicht töten!", so lautete eines jener zehn Gebote, die ihm sein Vater abends oft aus der Thora vorgelesen hatte. Er verdrängte den Gedanken. Die ersten Franzosen erreichten die Sperren, zwei von ihnen gingen von seinen Kugeln getroffen zu Boden und fielen in den Stacheldraht. Die nachfolgenden setzten über ihre Kameraden hinweg und erreichten den Graben. Josche hob sein Bajonett, rammte es einem Feind in den Bauch und stieß ihn zurück. Neben ihm hob ein Franzose das Gewehr und holte mit dem Kolben aus, Josche versuchte auszuweichen und fiel rückwärts in den blutdurchtränkten Schlamm. Über ihm stand mit verzerrtem Gesicht der Franzose. Josche riss seine Pistole aus dem Halfter - doch er kam nicht mehr dazu, abzudrücken. Für einen Sekundenbruchteil verschwamm alles um ihn herum. Erst fühlte es sich an, als würde er rückwärts durch eine unsichtbare Schicht aus Watte gezogen. Dann dehnte sich um ihn herum eine Weite aus, die er nicht beschreiben konnte und auch sein Körper schien sich ins Unermessliche auszudehnen. Irgendetwas blendete ihn, ein heftiger Ruck, der ihn an den Zusammenstoß mit einer Kutsche erinnerte, den er als Junge von vier Jahren nur knapp überlebt hatte, schüttelte ihn bis ins Innerste durch. Als er die Augen wieder öffnete, sah er über sich einen sternklaren Nachthimmel, an dem ihn irgendetwas störte. Es war ihm absolut nicht klar, was mit ihm geschehen war. Er wusste nicht, dass seit seinem Sturz noch keine Sekunde vergangen war, aber es blieb ihm keine Zeit, seine Lage in Ruhe zu überdenken. Ein erstaunter Ausruf ließ ihn sich ruckartig aufsetzen. Um ihn herum standen sechs in tiefschwarze Mäntel gehüllte Gestalten, die mit der Dunkelheit zu verschmelzen schienen. Zwei von ihnen hatten Dolche in der Hand, doch gefährlicher war der Mann der aus der Dunkelheit direkt auf ihn zu sprang. Josche sah zuerst nur die widerliche Fratze, die der nahezu zwei Meter große Mann anstelle eines Gesichtes trug und hätte das gewaltige Schwert in seiner Hand beinahe einen Augenblick zu spät bemerkt. Josche spürte plötzlich dankbar die Pistole, die er immer noch in der Hand hielt. Der Schuss warf den Angreifer aus der Bahn, Josche glaubte sich schon gerettet, doch dann sah er, wie sich der Mann, scheinbar völlig unbeeindruckt von diesem Treffer, mit einer schnellen Handbewegung die Kugel aus der Brust zog. Josche nutzte die Zeit und griff nach seinem Gewehr, das sich immer noch auf dem quaderförmigen Steinklotz befand, auf dem auch er selbst zuvor er gelegen hatte. Gleichzeitig schoss er erneut mit der Pistole auf seinen Gegner. Anstatt jedoch sitzen zu bleiben und sich treffen zu lassen, rollte sich dieser zur Seite ab und rannte mit übermenschlicher Geschwindigkeit los. Josche schoss sein gesamtes Magazin leer und traute seinen Augen nicht. Obwohl er ein guter Schützen war, hatte keine der Kugeln ihr Ziel gefunden. Der Mann bewegte sich so schnell, dass sein nackter Oberkörper einen orangebraunen Streifen hinter sich herzuziehen schien - und schon kam er zurück und setzte aus der Bewegung mit erhobenem Schwert zum Sprung an. Aus über fünf Metern Entfernung. Dreimal schoss Josche mit dem Gewehr, bevor er vom Gewicht seines Gegners rückwärts umgeworfen wurde. Als er sich wieder rühren konnte und es ihm endlich gelungen war, unter dem bewegungslosen Körper hervor zu kriechen, sah er, dass sein blutverschmierte Bajonett aus dem Schulterblatt des Mannes ragte. Die Waffe hatte ihn völlig durchbohrt. Frisches Blut färbte sein hellbraunes Haar rot.
Josche blickte sich um. Die schwarzen Gestalten waren verschwunden. Also gestattete er es sich, seine Umgebung genauer zu betrachten. Er wandte den Blick vom Gesicht des Toten ab, das von meisterhaften Tätowierern zu einem schauerlichen Schreckensbild verunstaltet worden war und sah sich den Felsblock, auf dem er gelegen hatte, genauer an. Er wirkte irgendwie düster und feierlich. War das ein Altar? Und wenn es ein Altar war, wer war das Opfer? Als er seinen Blick zum Himmel wandte, sah er völlig unbekannte Sternbilder und einen viel zu großen Vollmond, der golden leuchtete. Josche begann sich sorgenvoll zu fragen, wo er eigentlich war.
"Sij! Ecóo! Komm!"
Sij ließ den Dreschflegel sinken und unterbrach seine Arbeit. Véles gedrungene Gestalt kam über das Feld auf ihn zu und winkte ihm mit seiner kleinen, aber außerordentlich kräftigen linken Hand. Véle hatte von Geburt an viel zu kleine Hände und Füße, und hatte es in den zweiunddreißig Jahren seines Lebens nicht gelernt, mit dem Spott anderer umzugehen, was im Dorf häufig für ausgedehnte Schlägereien sorgte. Sij hatte Véles bisher noch niemals damit aufgezogen. Nicht weil er Véles Kraft fürchtete, die es ihm ermöglichte mit nur einer Hand jeden anderen Bewohner von Kiritbeji hochzuheben, sondern weil es ihm widerstrebte, andere Menschen zu quälen.
"Es ist schon spät in der Nacht, und ich trinke meinen Most ungern alleine." Sij wischte sich den Schweiß von der Stirn. Wieder einmal hatte er während der Arbeit alles um sich herum vergessen. Er liebte es, den ganzen Tag seinen Gedanken nachzuhängen, am besten allein und ungestört. Wenn er arbeitete, konnte er das tun, und dass er müde wurde spürte er immer erst, wenn er nachts ins Bett fiel und sofort einschlief. Véles blickte den Berg Korn an, der sich seit dem Morgen gebildet hatte.
"Ich frage mich, Sij, wie du das bloß durchhältst." Sij wusste, worauf er anspielte. Es war nicht normal.
Niemand anderes war wie er, und er wusste das.
Schon als Kind war er so anders gewesen. Er wurde niemals krank, selbst von dem Fieber, an dem zwei seiner Brüder und seine Schwester Joiana gestorben waren, war er verschont geblieben. Und er war stark. Obwohl seine Arme, seine gesamte Muskulatur eher Normaldicke hatte, und er auch ansonsten eher sehnig als muskulös wirkte, gelang es ihm schon im Alter von sieben Jahren seinen Vater, als dieser ihm eine Tracht Prügel verpassen wollte, vom Boden in die Luft zu heben. Nánthor hatte ihn, nachdem er sich von dem Schrecken erholt hatte, immer mit einem gewissen Respekt behandelt und war immer distanzierter geworden.
"So wie du arbeitest, könnte dich dein Vater ruhig etwas großzügiger entlohnen. Das bisschen reicht ja nicht mal für die Taverne. Wie viel Schulden hast du schon beim alten Dranîk?"
Sij sah zu Véle auf. Die große Schenke kam langsam in Sicht, aber heute würde er nicht hineingehen. In letzter Zeit ödeten ihn die Gespräche der anderen an. Immer nur dasselbe: Saat, Ernte, das Wetter, manchmal ein neues Gerücht von außerhalb, Dorfklatsch. Er wusste selbst nicht genau, was er eigentlich wollte.
"He, was ist? Bist du taub?"
Nicht einmal Véle war als Gesprächspartner noch interessant.
"Nein, ich habe nur nachgedacht."
"Mal wieder. Ich frage mich, was es gibt, worüber man so lange nachdenken könnte! Ist ja auch egal. Komm in meine bescheidene Hütte und probier den besten Most, den es in Kiritbeji jemals gegeben hat."Während der Inhalt seiner Wasserflasche seine trockenen Lippen passierte, machte Josche sich seine Situation bewusst. Er befand sich an einem Ort, an dem unbekannte Himmelskörper zu sehen waren, wo seltsame schwarzgekleidete Gestalten ihre Zeit damit verbrachten, in Steinkreisen herumzustehen, und nahezu unverwundbare Krieger es schafften, mit vier Kugeln im Leib fünfeinhalb Meter weit zu springen und Pistolenschüssen auszuweichen. Außerdem hatte er in der letzten halben Stunde unwahrscheinliches Glück gehabt. Er war dem sicheren Tod in einem Schützengraben irgendwo in Frankreich entkommen, nur um an einem unbekannten Ort den bisher gefährlichsten Gegner seines Lebens durch Zufall umzubringen. Jetzt galt es, praktisch zu denken. Er befand sich immer noch mitten in dem Steinkreis, und die schwarzen Gestalten konnten jederzeit zurückkehren. Wahrscheinlich gab es auch noch weitere Krieger wie den, dessen Leichnam wenige Schritte entfernt auf dem Boden lag. Wenn es hier menschliche Wesen gab, musste es logischerweise auch so etwas wie Dörfer oder Städte geben.
Er warf noch einen Blick auf den nur mit einem kurzen blauen Rock bekleideten Mann, und stutzte. Um den Hals des Kriegers hing eine Kette, aus einem Material, das wie blaues Glas aussah. Er öffnete den Verschluss der Kette und besah sich den Anhänger genauer. Um eine zweizinkige Forke, die von Blitzen umkränzt wurde, waren im Kreis verschiedene Symbole aufgereiht, welche auf den ersten Blick den Krallen unbekannter Tiere ähnelten. Er zuckte die Achseln und ließ die Kette in seine Tasche gleiten. Der Lauf seines Gewehres hatte sich beim Aufprall des schweren Körpers verbogen, trotzdem hängte er sich die Waffe um, streckte sein schmerzendes Rückgrat durch und marschierte los, wobei er sich an dem riesigen Mond orientierte - er ging einfach immer darauf zu.
Nach mehreren Stunden erreichte er einen kleinen Bach. Er ließ sich auf einen der Ufersteine sinken und schöpfte mit den Händen das wunderbar kühle Wasser in seinen Mund. Als der Durst gestillt war, meldete sich der Hunger. Was gäbe er jetzt für eine ordentliche Stulle mit Wurst oder Speck! Er füllte die Wasserflasche auf, zog eine seiner letzten Zigaretten aus der Brusttasche und suchte nach Streichhölzern. Er fühlte in seinen Hosentaschen nach, durchwühlte den Rucksack, nichts. Er saß ganz allein mitten im Wald an einem Ort, von dem er noch nie gehört hatte, und hatte noch nicht einmal die Möglichkeit, eine verfluchte Zigarette zu rauchen!
"Scheiße!", hallte es durch den Wald. Dann wurde es stiller als vorher, denn die Geräusche von allerlei Tieren und Vögeln verstummten für einen Augenblick. Nachdem er sich mit dem Schrei Luft gemacht hatte, fühlte er sich wieder etwas besser. Er suchte sich einen Platz im weichen Moos, schloss die Augen und sackte hinüber in eine rasche Folge von Alpträumen.
"Medron?"
"Ja, Vilestes Fendahl?"
"Ein Bote des Wahrderet ist soeben eingetroffen. Herr, wenn ich euch erinnern darf - ihr wisst, Boten des Hofes warten nicht gern - und ..."
"Danke, Vilestes. Ich weiß, wie ich mit Boten des Hofes umzugehen habe. Du kannst wegtreten."
Auch wenn Fendahl schon seit der Gründung der Fejara in seinem Dienst stand, nahm er sich manchmal doch etwas zu viel heraus. Sisej stand auf und schlug die Zeltplane beiseite. Zwischen zwei Fejara-Infanteristen mit in der Sonne schimmernden Rüstungen stand ...
"Divija! Was führt dich denn hierher?"
" Lass uns ins Zelt gehen, Sisej."
Sie drängte sich ziemlich grob an ihm vorbei.
"Fendahl hat mir aber nichts von einer Botin erzählt! Und erst recht nichts von dir! Seit wann machst du derartige Botengänge?"
Ihr Gesicht verdunkelte sich unmerklich.
"Setz dich doch, Bruder! Möchtest du etwas trinken? Du musst durstig sein!", sagte sie in spöttischem Tonfall.
"Du hast dich nicht mehr geändert, seit du mit acht Jahren in die Kaserne kamst."
"Entschuldige, Divija. Mich wundert nur, dass du hier bist. Es muss schon etwas sehr Wichtiges sein, das dich dazu treibt, den Boten zu spielen."
Sie beugte sich vor, und flüsterte ihm etwas zu.
"Sisej, bist du sicher, dass man uns nicht belauscht?"
"Fendahl!"
Irgendetwas kratzte in seinem Hals. Sollte er aufgeregt sein?
"Ja, Medron?"
"Sorg dafür, dass sich niemand unserem Zelt auf weniger als zwanzig Schritte nähert!"
"Zu Befehl!"
Schritte entfernten sich. Von draußen war gedämpft Fendahls Stimme zu hören. Er wandte sich wieder Divija zu: "Also, was beunruhigt dich so?"
"Sisej, ich bin nicht in offiziellem Auftrag hier. Ich bin gekommen, um ..."
Sie brach ab.
"Kann man ihm trauen?"
Als er nickte, entspannte sie sich sichtlich. Jetzt kamen ihre vollen Lippen in dem von dunkelbraunem, kurzem Haar umkränzten Gesicht wieder richtig zur Geltung. Nicht dass er sich in irgendeiner Form sexuell für seine Schwester interessiert hätte, wie es bei gewissen Adligen Gjehars häufig der Fall war, nein, er nahm es einfach wahr. Sie fuhr trotz seines abwesenden Blickes fort: "Sisej, der Wahrderet fürchtet dich. Dich und die Fejara. Er weiß, dass selbst die Myriaden von Soldaten, über die er verfügt, sich scheuen würden, gegen sie in den Krieg zu ziehen. Und die Fejara vertrauen und gehorchen dir! Merkst du nicht, dass er dich auf diese Weise loswerden will? Wenn du auf diesem Feldzug nicht sterben solltest - und er geht davon aus, dass es geschehen wird - wird er einen anderen Weg finden. Dieser Feldzug ist gefährlicher, als es aussieht. In Meduén wimmelt es von den Anderen! Du weißt, was sie vermögen! Ein aus diesen Menschen bestehender Trupp wäre in der Lage, sich durch jedes Heer hindurchzukämpfen, um dich zu töten. Selbst wenn dieser Trupp nur aus wenigen Hundert bestehen würde."
"Ich weiß es, Divija. Es ist nicht so, dass ich vor einem von mir begonnenen Eroberungskrieg nicht planen würde. Und die Fejara sind nicht irgendein Heer. Etwas Vergleichbares gibt es in ganz Gjehar nicht, und aus keinem anderen Reich habe ich von einer derartigen Armee gehört. Außerdem leben diese Anderen über ganz Meduén verstreut. Einer entschlossenen Hundertschaft Bogenschützen oder Schleuderer, von ebenso vielen Infanteristen geschützt, hat auch einer der Anderen wenig entgegenzusetzen. Die meisten dieser Anderen wissen wahrscheinlich nicht einmal, wer oder was sie sind. Sie werden sich ergeben, oder flüchten. Sie sind doch nur Bauern."
"Trotzdem ist es ein Risiko. Der Wahrderet will dich loswerden. Wenn dieser Feldzug nicht ausreicht, die Fejara zu vernichten, wird er andere Pläne entwickeln. Du kannst ihm nicht ewig widerstehen, wenn du nichts unternimmst. Ein Marsch auf die Hauptstadt Valégadhôn und der Thron ist so gut wie in deiner Hand."
"Divija. Du kennst meine Antwort. Du weißt, dass jedes deiner Worte unser beider Tod bedeuten kann. Ich vertraue Fendahl, aber nicht mehr, als ich auch meiner eigenen Mutter vertrauen würde. Und ich bin mir nicht sicher, was sie tun würde, würden ihr diese Worte zu Ohren kommen. Ich werde meinen Herrscher nicht verraten. Ich kann es nicht."
"Dann habe ich den Weg umsonst gemacht. Nur weil du außer deiner dreifach verdammten Loyalität nichts anderes im Kopf hast. Sisej, lass mich es dir wenigstens ..."
"Nein! Ich habe mich schon vor langer Zeit entschieden. Trotzdem danke ich dir. Fendahl! Geleite Großherrin Divija zu ihrem Zelt."
Sie sagte nichts, schaute nur, sah durch ihn hindurch. Ihre Lippen jedoch formten unhörbar das Wort Feigling'. Dann folgte sie dem im Zelteingang wartenden Fendahl. Sisej starrte ihr nach. Was hätte er machen sollen? Divijas Gedankengang war eigentlich sogar logisch, er könnte Wahrderet werden, seine Chancen standen zurzeit sogar weit besser als die des momentanen Herrschers. Seine Fejara liebten ihn und würden ihm überall hin folgen. Den Adligen und den Höflingen würde es egal sein, wer ihr Gönner war. Den meisten jedenfalls. Und er hatte mehr mächtige Freunde hinter sich als der Wahrderet. Trotzdem verspürte er nicht die geringste Lust, dessen Platz einzunehmen. Im Palast zu sitzen, den ganzen Tag nur Luxus, alles zu haben was er wollte, aber Tag für Tag den lauernden Blicken seiner ständig intrigierenden Adligen ausgesetzt, mit jeder Faser seines Körpers den Hass derer spüren zu müssen, die er sich als Wahrderet zu Feinden gemacht hatte. Wahrderet lebten einsam, eingeengt und gefährlich. Kein Wunder, dass die meisten nach einiger Zeit paranoid wurden, und chronisch aggressiv.
Wahrderet hatten meist keine wahren Freunde. Er würde die Freiheit, die er bei seinen Soldaten im Lager, die er auf dem Schlachtfeld verspürte, wenn er an der Spitze seines Heeres in den Kampf zog, niemals gegen dieses Leben eintauschen. Er war Medron und er wollte nichts anderes sein. Er verließ das Kommandozelt und schloss sich einigen der mit Schwertübungen beschäftigten Fejara an. Den Rest des Tages verbrachte er damit, seinen Körper für den bevorstehenden Feldzug zu stählen.
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