Leseprobe
Andreas Sterntal
Brieffreundschaft
mit einem
Abzocker
was alles Recht ist ...
Roman
Die Zusammenkunft hat bedeutungsschwanger begonnen, weil der Systemchef entgegen seiner Gewohnheit, erst den Stand der Dinge bei den einzelnen Zirkelmitgliedern abzufragen, gleich anfing zu referieren. Dass die Anwältin Barbara Zockab die ganze Zeit wie ein begossener Pudel dasaß, ohne ein Wort zu sagen, ist Dirk bisher noch nicht aufgefallen. Jetzt schaut der Systemchef zu ihr hin, was sie erröten lässt, und beginnt seinen Vortrag:
"Wir haben den Prozess mit der Sparbank Augsburg um die Aufrechterhaltung von Barbara Zockabs Konto verloren."
Dann schaut er zu Mark Singvogel hin und sagt: "Ich danke dir, Mark, für deine Zeugenaussage, aber es war leider alles vergebens. Die dämlichen Richter haben sich meiner Argumentation, dass ein Konto zur unpfändbaren und somit auch unkündbaren Grundausstattung einer Inkassoanwältin gehört, nicht anschließen wollen."
Alle Mitglieder des Zirkels wissen, was es heißt, wenn Gerd Melzer seinen Kopf nervös vor und zurückzucken lässt und dabei eine Person fixiert. Das sieht zwar ein bisschen so aus, wie wenn eine Schildkröte Boogie tanzt, hat aber in der Regel sehr unangenehme Auswirkungen für die betreffende Person.
"Barbara, erzählen Sie uns doch mal, was Ihre Bemühungen um die Eröffnung neuer Konten erbracht haben", sagt Gerd Melzer unheilsschwanger, womit eigentlich jedem hier klar ist, dass Gerd Melzer weiß, dass die Betreffende eben keine Erfolge zu vermelden hat.
"Ich habe bei keiner Bank oder Sparkasse im Umkreis von 20 Kilometern um Stuttgart herum ein Konto bekommen. Sobald die meinen Namen gesehen haben, haben sie abgewinkt oder klipp und klar gesagt, dass sie eine Zusammenarbeit mit mir kategorisch ablehnen."
Währenddessen ist der Systemchef hinter Dirk getreten, hat seine Hand auf Dirks Schulter gelegt und drückt ihn mit sanftem Druck nach vorne."Dieser junge Mann hier hat eine richtig tolle Idee entwickelt."
Gerd Melzer betont das sehr deutlich, und noch weiß Dirk nicht, ob das nicht doch ironisch gemeint sein könnte. Dann blickte er Thorsten Strauss an und fuhr fort: "Die Idee hat Dirk entwickelt. Umsetzen wird sie Thorsten. Die beiden werden einen Inkassodienst ins Leben rufen! Ich bin richtig stolz auf euch beide, dass ihr euch so gut entwickelt habt. Thorsten hat mir gesagt, dass er alle Probleme, bis hin zum Konzessionsträger und der Inkassolizenz, einfach alles, was für den Betrieb eines Inkassodienstes erforderlich ist, bereits erledigt hat. Er wartet nur noch auf die rein formelle Zulassung aus Berlin. Dann kann es losgehen."Ursprünglich hatte Dirk beabsichtigt, diese Inkassolösung nur für seine und Thorstens Internetprojekte zu verwenden. Tatsächlich hatten sie sich intern geeinigt, auch die über den Inkassodienst erzielten Erlöse 50:50 untereinander aufzuteilen. Was der Systemchef aber plante, als er die beiden vor versammelter Mannschaft derart über den grünen Klee lobte, verkündete er jetzt: "Hören Sie genau zu, meine Herren, ich benutze den Imperativ. Es gibt kein fakultativ' und auch keine Option'. Sie alle werden von jetzt an die DSI GmbH in Berlin mit dem nachrangigen Inkasso beauftragen."
Das ist Dirk wie Öl den Rücken heruntergelaufen, das hat ihn stolz gemacht. Zum Abschluss der Sitzung bat der Systemchef Dirk, noch für einen Moment zu bleiben, um dann aber lediglich Belanglosigkeiten mit ihm auszutauschen. Dirk wusste, dass das die Art des Gerd Melzer war, den anderen zu signalisieren, wie wichtig ihm Dirk geworden war.Mit diesem Hochgefühl im Bauch kommt Dirk am Abend bei seiner Melanie an, der er aber nur bruchstückhaft erzählt, was während der Zusammenkunft gelaufen ist, sie sollte nach Dirks Dafürhalten nicht allzu tief in seine Geschäfte hineingezogen werden. Leider ist heute Dienstagabend und somit Fernsehtag. Eigentlich ist Dirk nach etwas ganz anderem zumute, wenn er so zu Melanie hinüberschaut, als heute die Sendung Zoff auf
TV-X anzuschauen, aber er möchte nicht durch Unwissen unangenehm auffallen, sollte ihn morgen mehr oder weniger zufällig der Systemchef anrufen und abfragen, über welches Mitglied des Zirkels in der Sendung berichtet worden war.
Mark Singvogel hatte es tatsächlich einmal fertig gebracht, mit aufgerecktem Mittelfinger an einem Kameramann vorbeizufahren, was bei Gerd Melzer einen Tobsuchtsanfall ausgelöst hatte, als die Szene im Fernsehen gebracht wurde. Dirk hat Mark Singvogel das erste Mal in so etwas wie Verlegenheit gesehen, als der - angesichts des tobenden Gerd Melzer - versuchte, sich herauszureden, das wäre ja gar nicht er gewesen, sondern einer der von ihm als Strohmänner eingesetzten Abrahama-Brüder. Wer gemeint hätte, der Systemchef ließe sich von seinem Duzfreund Mark durch so ein Gestammel besänftigen, wurde prompt eines Besseren belehrt. Erst schwollen die Adern an Gerd Melzers Schläfen, dann hat sich der Systemchef lautstark entladen, dass es sich nicht gehörte, die Leute auch noch in der Öffentlichkeit zu verhöhnen. Da dürfe er sich wirklich nicht wundern, wenn eines Tages mal jemand zum Baseballschläger griffe.
Dirk sitzt mit Melanie vor dem Fernseher und hofft, dass heute nur das Pflichtprogramm, also Behandlungsfehler von Ärzten, Pfusch am Bau oder das sonstige belanglose Zeug, das "Zoff" sich üblicherweise zum Thema machte, abgespult wird. Dann aber stockt ihm der Atem. Das ist doch sein nagelneues Internetprojekt <hike2u.de>, über das dort berichtet wird und das, nachdem er das Mitfahr-Projekt gerade mal eine Woche online hat und noch nicht eine einzige Rechnung hinausgegangen ist. Der Reporter zeigt dann auch noch das alte Projekt <abgefah-ren.de>, den <netdater.de> und <sims-dich-dumm.de>, bevor er Ausschnitte von früheren Dreharbeiten, als er Dirk an seinem Wohnort gestellt hatte, wiederholt. Der Moderator schließt den Bericht ab, indem er wie beiläufig erwähnt, dass das Inkasso für die MPO Media GmbH wahrscheinlich über eine DSI in Berlin laufen wird, die Dirk Katzenschwanzs Freund Thorsten Strauss, ja er sagt sogar wortwörtlich: Dirk Katzenschwanzs Waldorfschul-Freund Thorsten Strauss', eigens dafür gegründet habe.
Dirk muss nach Luft schnappen. Die Enthüllung des Fernsehberichtes sitzt wie ein Magenschwinger, und schon läutet auch das Telefon. Dirk kann sich denken, wer da dran sein wird und trotzdem hebt er ab, um den Tobsuchtsanfall des Systemchefs Gerd Melzer am anderen Ende der Leitung mitzuerleben.
zurück zu Startseite EWK-Verlag Startseite egon-w-kreutzer.de
Sie vermissen Navigationsleisten - Impressum - Home-Button? Klicken Sie HIER und alles wird gut.