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Leseprobe

Renate Seifert



Bleib mal so

 

 

 

Der Krieg hat uns gefunden

Es war ein kalter, trauriger Winter mit Hunger und Sorgen. Im Januar 1945 wurde ich 13 Jahre alt. Alle gaben sich Mühe, so etwas wie Geburtstag zu feiern, aber es war natürlich nichts mehr wie früher.

Die täglichen Gespräche drehten sich um die Lage an den Fronten, um die Sorge um die Angehörigen. Es wurde viel geweint, denn immer wieder trafen Todesnachrichten von Freunden, Bekannten und Nachbarn ein. Wir als Kinder haben den vollen Ernst der Lage nicht begriffen, aber wir wurden neben der Schule eingespannt und mit Tätigkeiten betraut, die überleben halfen.
"Stell dich mal beim Bäcker an, es soll Brot geben", so oder ähnlich lautete die Aufforderung. Es wurde ja auch plötzlich etwas ‚aufgerufen', das heißt, es gab eine Zuteilung von bestimmten Lebensmitteln oder anderer Waren, die man zu ergattern suchte. Im Garten hatte der Opa einen Kaninchenstall gebaut und hielt darin einige ‚gelbe Japaner', die ausgenommen und bratfertig drei Pfund auf die Waage brachten. Mein Bruder und ich mussten füttern und ausmisten helfen. Ich mochte die niedlichen Kaninchen sehr; beim Schlachten wurden wir fortgeschickt.

Am Sonntag, dem 8. April 1945, traf uns der verheerende Angriff eines amerikanischen Bomberverbandes. In einer knappen halben Stunde wurde Halberstadt fast völlig zerstört.
Rund 2500 Menschen fanden den Tod. Schwer getroffen wurde auch das alte Stadtzentrum dessen historische Fachwerkhäuser von Brand und Sprengbomben in Schutt und Asche gelegt wurden.
Erst am Samstag zuvor war meine Mutter ganz entsetzt aus der Innenstadt nach Hause gekommen und berichtete von Aufschriften an Wänden und Schaufenstern: "Werwolf erwache!"
Sie befürchtete, dass diese Haltung letzten Widerstandes zu einer schlimmen Reaktion des ‚Feindes' führen würde, der sich für diese Parolen rächen könnte. Im Familienkreis zuhause war klar, dass der Krieg verloren war. Wir sahen auf der Straße den Volkssturm, Jungens und alte Männer mit Panzerfäusten, die in einem quer über die Straße gezogenen Graben die anrückenden Truppen aufhalten sollten.
Ich selbst erinnere mich ebenfalls an ein Geschehnis am Tag vor dem Angriff. Ich war mit meinem Bruder auf der Straße; am Himmel war ein Flugzeug zu sehen, es glänzte am klarblauen Himmel im Sonnenschein, Flakgeräusche waren zu hören - und das Flugzeug stürzte wie eine Fackel brennend zur Erde. Wir waren fasziniert von diesem Vorgang und berichteten zuhause darüber, und wieder erlebten wir als Reaktion die Angst vor der Vergeltung.

Am Sonntag hörten wir kurz vor dem Mittagessen den Heulton der Alarmsirene, und weil wir die Flugzeuge bereits brummen hörten, eilten alle in den Keller. Ich stand noch mit einem Herrn, der oben im Hause wohnte und der aus irgendwelchen Gründen nicht Soldat, sondern ‚unabkömmlich' war, an der Hoftür und sah in den strahlend blauen Himmel.
In der Ferne sahen wir eine Riesenmenge kleiner silberner Flugzeuge, und kurz danach die so genannten Christbäume, das heißt wie Weihnachtsbäume geformte strahlende feurige Rauchzeichen am Himmel.
"Mädchen, nun aber schnell in den Keller", sagte der Mann zu mir, und wir rannten so schnell wir konnten nach unten und berichteten, was wir gesehen hatten. Und schon hörten wir das Getöse der fallenden Bomben, allerdings noch etwas weiter entfernt. Wir kannten das Geräusch aus Bielefeld, wo wir einen Angriff im Bunker überlebt hatten. Meine Mutter ging zu meinem Großvater, der sich natürlich wieder sehr aufregen würde, in den mit Balken zusätzlich abgestützten Kellerraum, um sich um ihn zu kümmern. Ich saß mit meinem kleinen Bruder im Kellergang. Die Einschläge der Bomben kamen näher und näher, es waren Wellen von lauten, harten, explodierenden Einschlägen. Ich kniete mich mit meinem Bruder auf den Steinfußboden, wir legten eine Wolldecke über uns und ich ermahnte ihn: "Immer den Mund aufmachen!"
Das hatten wir im Luftschutzunterricht so gelernt. Und mit dem Näherkommen der Einschläge kam auch die furchtbare Angst, das Gefühl, völlig ausgeliefert zu sein. Neben uns eine alte Frau betete laut, eine andere rief dauernd: "Mutter, Mutter".
Ich hatte jedes Gefühl für die Zeit verloren und hatte keine Vorstellung, wie lange das alles dauerte, aber irgendwann hörte es auf. Es war dunkel geworden im Keller. In der Waschküche, die direkt neben der Stelle lag, wo mein Bruder und ich kauerten, waren Glasfenster und -türen, normalerweise war es also ein heller Raum. Jetzt war alles dunkel. Während des Angriffes waren Staub und Splitter unter der Holztür zu uns gedrückt worden, wir hatten das beim Einatmen gespürt. Nun war die große Angst: "Sind wir verschüttet?"

Die Erwachsenen versuchten zunächst vergeblich, die Kellertür, die nach oben in den Hausflur führte, zu öffnen. Das gelang erst nach geraumer Zeit, denn vor der Tür, wie überall im Haus, lagen Trümmerstücke, Steine, Ziegel. Im Garten, vielleicht 10 Meter vom Haus entfernt, war ein Bombentrichter von ca. 6 Meter Durchmesser.

An den Garten meiner Großeltern schloss sich ein sehr großer, parkähnlicher Garten an, der zu einer kleinen privaten Augenklinik gehörte, deren Rückseite schräg gegenüber lag. Diese Klinik brannte lichterloh, ebenso das Eckhaus in unserer Hausreihe, zwei Häuser weiter.

Retten, was zu retten ist

Wir mussten nun so schnell wie möglich aus dem Haus heraus und auf den großen Bismarckplatz gelangen, der nur drei Häuser weit entfernt war. Zuerst brachten wir meine Großeltern dorthin. Für den Opa schleppte ich einen Korbsessel, den konnte ich tragen. Der Bismarckplatz war vor dem Krieg ein kleiner Park gewesen, mit Alleen seitlich, Jasminbüschen - in denen wir als Kinder herumkrochen und deren Geruch ich noch heute in der Nase habe - und in der Mitte war eine große Rasenfläche mit Blumenbeeten. An der oberen Schmalseite lagen, U-förmig gebaut, die Mädchenschulen. Links die Grundschule, rechts das Gymnasium. Nach Kriegsbeginn hatte man auf der ehemaligen Rasenfläche einen großen Feuerlöschteich angelegt. Der Platz wurde nicht mehr wie früher gepflegt, aber Bäume und Büsche waren noch vorhanden und sind es heute noch. Auf diesen Platz flüchteten sich nun die Anwohner der umliegenden Straßen. Die beiden Eckhäuser am Eingang der Bismarckstraße, die von diesem Platz abging, brannten mit riesigen Flammen. Wir mussten, wenn wir zu unserem Haus wollten, an diesen beiden Häusern vorbei. Mit einem feuchten Taschentuch vor Mund und Nase schafften wir es auch mehrere Male, zu unserem Haus zu gelangen und noch einige Sachen zu holen, Koffer, Decken, Bettzeug usw.
Bei dieser Gelegenheit fühlte ich den ungeheuren Sog, der von so einem riesigen Feuer ausgeht; das empfand ich als unheimlich und lebensbedrohend. Alle Bewohner des Hauses liefen hin und her zum Bismarckplatz und brachten Habseligkeiten dorthin. Es war aber klar, dass unser Haus durch den Funkenflug der umliegenden brennenden Häuser sehr gefährdet war. Also mussten alle, die irgendwie dazu fähig und abkömmlich waren, auf dem hinteren Flachdach und im Treppenhaus mit der sogenannten ‚Feuerpatsche' Wache halten, um Funken mit dem nassen Lappen, der an einen Stiel gebunden war, auszuschlagen. Das Haus meiner Großel-tern hatte zur Straßenseite hin ein Satteldach mit Ziegeln, zur Gartenseite hin ein Stück geteertes Flachdach, das im Sommer zum Wäschetrocknen benutzt wurde. Hier musste ich nun mit meiner Feuerpatsche stehen und aufpassen. Ein kleines Feuer schwelte noch auf diesem Dach, weil eine Brandbombe auf die Trennmauer zwischen dem Nachbarhaus und unserem Haus gefallen war. Ich hatte reichlich zu tun, die Patsche immer wieder in den Wassereimer zu tauchen und kleinere Feuerstellen zu löschen. Es kam zwischendurch immer jemand, um nach mir zu sehen und neues Wasser zu bringen. Einige Stunden habe ich dort ausgehalten, dann wurde ich abgelöst. Meine Haare waren total verfilzt, ich hatte Rauchgeschmack im Mund, die Augen waren rot und schwarz vom Rauch, es war überhaupt alles dreckig und rauchig.
Auf dem Bismarckplatz hatten meine Großeltern inzwischen einen früheren Kollegen und guten Bekannten meines Großvaters getroffen, einen pensionierten Junggesellen, dessen große Wohnung erhalten geblieben war. Bei ihm konnten wir die Nacht verbringen. Ich schlief, in eine Decke gehüllt, in allen Kleidern auf dem Fußboden. Wasser und Strom gab es natürlich nicht, ich erinnere mich noch an das Aufwachen am nächsten Morgen - ich war so dreckig, stank nach Rauch, hatte Hunger und Durst.

Meine Mutter, meine Oma und ich gingen in unser Haus zurück und versuchten, das Ausmaß der Schäden festzustellen und herauszufinden, ob es möglich war, dort weiterhin zu wohnen. Die Fenster und Türen waren mitsamt den Rahmen herausgerissen, der Schutt lag fußhoch. Wir holten uns Eimer und Schaufeln, was wir fanden, und fingen an, den Schutt zu beseitigen und nach draußen zu tragen. Die Zimmertüren richteten wir mit vereinten Kräften auf und lehnten sie an die Wand. Die Bismarckstraße und die anderen Nebenstraßen waren mit Schuttbergen bedeckt und nur zu Fuß mühsam zu überklettern. Es war April und immer noch ziemlich kalt. Mit Strom und Wasser war auf längere Zeit nicht zu rechnen. Wir holten Wasser in Eimern von einem ziemlich weit entfernten Hydranten. Der volle Wassereimer wurde mit Frühstücksbrettchen abgedeckt, damit das Wasser nicht überschwappte.
Auf meinem Weg zum Hydranten musste ich immer an einer männlichen Leiche vorbei, der Mann lag auf dem Bauch, und ich war froh, dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte. Ein Bein war abgerissen und ich sah den blutigen Stumpf. Mehrere Tage lag der Mann dort, und ich musste immer wieder an ihm vorbei.


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und alles wird gut.