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Leseprobe
Dieter Ebels
Das Geheimnis
des Billriffs
Alexander liebte es, barfuß durch den Sand zu laufen, selbst wenn es, wie heute Morgen, noch sehr kühl war. Er verstaute seine Socken in den Schuhen und knotete diese mit den Schnürsenkeln zusammen. Die zusammen gebundenen Schuhriemen legte er sich über die Schulter, so dass ein Schuh nach vorn und der andere nach hinten herunter baumelte.
Als er die riesige Fläche des Billriffs betrat, die sich vor ihm ausdehnte, spürte er den feuchten und kühlen Sand unter seinen Füßen. Bis vor einer Stunde hatte es noch ein wenig geregnet und es sah ganz danach aus, als würde der Himmel bald wieder seine Pforten öffnen. Als er heute Morgen die Ferienwohnung verlassen hatte, versperrte nur hier und da ein leichter, schmutziggrauer Dunstschleier die Sicht auf das Meer. Nun wurde es immer diesiger. Die düsteren Wolken, welche die Nordsee bedeckten, erweckten den Eindruck, als schwebten sie direkt über dem Wasser. Alexander konnte das Meer eigentlich nur erahnen, denn die weite Sandfläche vor ihm verschwand in der Ferne in einer grauen Nebelwand.Alexander Lorenz blickte beim Laufen auf den Boden. Nirgendwo war eine Fußspur zu sehen. Nur ab und zu erkannte er zwischen den zahlreichen Muschelschalen, die hier in großen Mengen herumlagen, die Spuren von Seevögeln. Ansonsten wirkte die ausgedehnte Sandfläche noch jungfräulich. Es war ein schönes Gefühl, der erste zu sein, der heute Morgen hier seine Füße auf den Boden setzte.
Vor ihm, im Sand, lag ein morsches Stück Holz, das von großen, kreisrunden Löchern durchzogen war. Alexander wusste sofort, was er da vor sich hatte. Bei einem Besuch im Nationalparkhaus hatte er die gleichen Holzstücke gesehen. Es waren Überreste von alten Schiffen, die teils vor mehreren hundert Jahren vor Juist gesunken waren. Die Wracks lagen irgendwo auf dem Meeresgrund. Die immer wieder kehrenden Sturmfluten wirbelten die See auf und beförderten die kleinen Wrackteile an den Strand.
Nachdenklich betrachtete er das uralte Holzstück. War das vielleicht einmal eine Planke auf einem großen Segelschiff? Was waren das für wohl für Menschen, die vor ein paar hundert Jahren ihre Füße auf diese Planke gesetzt hatten? Was werden sie wohl empfunden haben, als ihr Schiff in einen Sturm geriet und in die Tiefe gerissen wurde?Gedankenversunken bückte er sich nach dem länglichen Holzstück. Er wusste, dass die runden Löcher, die überall im Holz zu sehen waren, von Bohrmuscheln stammten. Auch das hatte er im Nationalparkhaus erfahren. Alexander griff nach dem Holz und hob es auf. Im gleichen Moment zerbröselte es zwischen seinen Fingern. Es war durch und durch morsch. Er hatte schon einmal ein ähnliches Holzstück am Strand gefunden. Das war allerdings noch einigermaßen stabil gewesen. Dieses hier hatte wahrscheinlich wesentlich länger auf dem Meeresgrund geruht. Er ließ den Rest des Holzes fallen und setzte seinen Weg fort.
Nach etwa einer Minute blieb er stehen und blickte sich um. Die großen Dünen der Insel lagen bereits weit hinter ihm und der morgendliche Nebel hatte sie fast vollends eingehüllt. Vor ihm war immer noch kein Ende der weitläufigen Sandfläche zu erkennen. Als er schließlich weiterging, spürte er, dass der Boden unter seinen Füßen immer schlammiger wurde. Er sackte bei jedem Schritt merklich ein.
"Muss wohl daran liegen, dass bis vor kurzer Zeit hier noch das Wasser war", ging es ihm durch den Kopf. Er befand sich also bereits auf dem Watt. Alexander stellte sich vor, dass er, wenn jetzt Flut wäre, mitten im Meer stehen würde. Mit einem Mal stutzte er. Direkt vor ihm kreuzten merkwürdige Spuren seinen Weg. Im ersten Moment dachte er an einen Hund, der durch den Sand gelaufen war. Dann aber erkannte er die Spuren genauer.
"Das kann doch nicht sein", schoss es ihm durch den Kopf. Die Abdrücke, die er vor sich im Sand erblickte, stammten eindeutig von einem Reh. Alexanders Onkel war Förster und hatte ihn schon als Kind mit in den Wald genommen und ihm sämtliche Tierspuren erklärt. Nachdenklich fasste er sich an den Kopf: "Rehspuren im Watt, sehr merkwürdig."
Dann setzte er seinen Weg fort. Der graue Nebel um ihn herum schien dichter zu werden. Ein kurzer Blick nach hinten zeigte ihm, dass die großen Dünen nun endgültig nicht mehr zu sehen waren. Die düsteren Nebelschwaden hatten sie vollends verschlungen. Er blieb erneut stehen. Egal in welche Richtung er blickte, der dichte Nebel war nun allgegenwärtig. Die riesige Sandfläche um ihn herum verwischte am Horizont mit einer schmutziggrauen, wolkenartigen Masse. Mit einem Mal überfiel ihn ein merkwürdiges Gefühl, ein dumpfes Geühl von unglaublicher Einsamkeit. Die absolute Stille, die hier herrschte, tat ihr Übriges dazu. Er schauderte, glaubte für einen Moment, die bedrückende Atmosphäre, die sich langsam um ihn herum ausbreitete, körperlich zu fühlen. Irgendwie unheimlich. Alexander atmete einmal tief durch.
"Du wolltest doch die Einsamkeit", sagte er leise zu sich selbst. Obwohl er eigentlich einen längeren Spaziergang über das Billriff geplant hatte, entschloss er sich, kehrt zu machen. Ohne zu zögern begab er sich wieder auf den Rückweg. Während er durch den weichen Sand schritt, richtete er seine Augen suchend auf die ihn umgebende, dichte Nebelmasse, immer in der Erwartung, die großen Dünen würden bald wieder aus dem Nebel auftauchen. Unwillkürlich beschleunigte er seine Schritte, doch so sehr er sich auch anstrengte, die Dünen blieben seinen Blicken verborgen. Als er auf den Boden sah, wurde ihm bewusst, dass er den falschen Weg genommen hatte. Anfangs war er auf seinen eigenen Fußspuren dem Weg gefolgt, auf dem er gekommen war. Dann aber hatte er sich so sehr auf den Nebel konzentriert, dass er ganz offensichtlich unbemerkt in die falsche Richtung marschiert war.
"Mist!", kam es ärgerlich aus seinem Mund. Alexander überlegte kurz. Der Boden unter seinen Füßen bestand nicht mehr aus dem typisch schlammigen Untergrund des Watts, sondern aus feinem Sand. Er befand sich also wieder auf dem Billriff.
"Ich werde den Rückweg schon finden", machte er sich Mut und lächelte er über seine eigene Unsicherheit.
"Hier kann man sich nicht verlaufen."
Ein paar Meter vor ihm schälte sich etwas Rotes aus dem Nebel heraus, ein zerrissenes Fischernetzt, geflochten aus farbigem Kunststoff, halb im sandigen Untergrund begraben. Dann wurde er auf eine Ansammlung von Möwen aufmerksam. Die Seevögel stritten sich scheinbar um etwas Fressbares. Zwischen den Möwen hüpften auch einige dunkle Vögel umher. Er glaubte, Krähen zu erkennen. Neugierig geworden, schritt er auf die Tiere zu. Als die Vögel ihn bemerkten, flogen sie laut kreischend auf.
Er hatte die Stelle, an der eben noch die Vögel saßen, fast erreicht, als er vor sich, auf dem Sandboden, etwas Dunkles entdeckte, eine alte, lederne Brieftasche. Er bückte sich und hob das Fundstück auf. Dabei erfasste er aus den Augenwinkeln, dass dort, wo sich gerade noch die Krähen und Möwen versammelt hatten, noch etwas aus dem Sand herausragte. Es sah auf dem ersten Blick so aus, wie eine menschliche Hand. Alexander schluckte.
Während er mit einem mulmigen Gefühl im Bauch auf die vermeintliche Hand zuging, schob er die gefundene Brieftasche unbewusst in die Innentasche seiner Jacke. Nach wenigen Metern erkannte er ganz deutlich, womit sich die Vögel beschäftigt hatten. Er schluckte noch einmal, dieses Mal aber sehr laut. Vor seinen Füßen ragte tatsächlich eine menschliche Hand aus dem sandigen Boden. Der Handrücken wirkte aufgedunsen und die Haut glich einer grauen, ledernen Oberfläche. Dort, wo eigentlich die Finger sein sollten, erblickte er nur Knochen. Diese waren, bis auf wenige Fleischreste, von den Vögeln abgefressen worden. An einem der Fingerknochen glänzte ein breiter, silberner Ring mit einem dunklen Stein.
Alexander spürte, wie ihm eine Gänsehaut über den Rücken lief. Ihn überkam das Gefühl, als würde ihm jemand eine Faust in den Magen drücken. Er kniff die Augen zusammen, doch der Versuch, den schrecklichen Anblick für einen Moment loszuwerden, blieb vergeblich. Als er die Lider wieder hob, war da weiterhin diese Hand, ein widerlicher Anblick, abstoßend und unerträglich. Ihm wurde übel. Unsicher schaute er sich nach allen Seiten um, so, als erwarte er jeden Augenblick ein Gespenst. Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen und starrte gebannt in die Stille, bis diese seine Gedanken endgültig zu ersticken drohte. Eisige Kälte kroch über seinen ganzen Körper. Die Hände zitterten.
"Ganz ruhig", sagte er zu sich selbst.
"Polizei, ich muss die Polizei verständigen."
Automatisch ging seine Hand zur Brustasche. Darin steckte eigentlich immer sein Handy. Doch noch während der Bewegung hielt er inne. Sein Handy lag ja zuhause.