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Leseprobe

Dieter Ebels

 

 

 

Die Bestie
von Juist

 

 

 

"Mama, ich muss ganz dringend Pipi."
"Warum musstest du auch so viel trinken? Oben auf der Deichpromenade sind Toiletten. Da kommen wir gleich vorbei."
"Ich muss aber jetzt."

Die sechsjährige Stine und ihre Mutter hatten die Wilhelmshöhe hinter sich gelassen und befanden sich nun auf dem Weg zum Dorf Juist. Der schmale, gepflasterte Pfad durch den sandigen, von sanften Hügeln geprägten Inselteil führte sie vorbei an einem Meer aus Heckenrosen und dicht gewachsenen Holunderbüschen.
"Warum bist du nicht in der Gaststätte noch mal auf die Toilette gegangen?"
Stine blickte kurz zu ihrer Mutter auf und warf dabei ihren langen, blondgelockten Haare in den Nacken. "Da musste ich noch nicht."
"Dann lass uns was schneller gehen. Der Abstecher zu den Goldfischteichen fällt dann eben aus."
Die junge Frau und das Mädchen beschleunigten ihre Schritte.
"Mama, ich halt's nicht mehr aus. Ich mach mir gleich in die Hose."
Stines Mutter deutete nach vorne. Dort lichtete sich das dichte Buschwerk und gab eine Grasfläche frei. "Da vorne führt ein Pfad vom Hauptweg ab. Da kannst du Pipi machen."
"Aber Mama, da kann mich doch jeder sehen."
"Hier ist aber niemand, der dich sehen kann."
"Und wenn jemand kommt?"
"Dann gehst du eben etwas weiter in den Pfad hinein." Stines Mutter deutete auf die dicht gewachsenen Sanddornbüsche, zwischen denen der schmale Pfad verschwand.
"Und jetzt mach zu, Stine, hinter den Büschen sieht dich kein Mensch. Ich warte hier auf dich."
Stine zögerte und starrte zu der engen Schneise, die nach einigen Metern einen Knick nach rechts vollzog und dort im uneinsehbaren Dickicht verschwand. Das Mädchen zappelte nervös herum, stampfte von einem Bein auf das andere.
"Was ist denn jetzt schon wieder los, Stine? Warum geht du nicht?"
"Vielleicht sitzen da Spinnen an den Büschen, Mama. Ich hab doch Angst vor Spinnen."
"Da gibt es keine Spinnen. Jetzt beeil dich, sonst machst du dir doch noch in die Hose."
Mit vorsichtigen Schritten betrat Stine den schmalen Pfad und folgte dem Rechtsknick, der in das dichte Gestrüpp hineinführte. Ihre Mutter verlor sie aus den Augen. Sie lächelte und dachte daran, dass ihre Tochter sich eigentlich niemals schämte. Nur wenn sie auf die Toilette musste, durfte niemand zusehen. Da schickte Stine seit einiger Zeit sogar ihre eigene Mama aus dem Bad.
Die junge Frau sah sich um. Dass nirgendwo auch nur ein Mensch zu sehen war, kam ihr recht. Irgendwie wäre sie sich blöd vorgekommen, alleine in dieser Wildnis von wildfremden Menschen gesehen zu werden.
Ihr Blick ging zum wolkenverhangenen Himmel. Seit den Morgenstunden sah es so aus, als würden die bedrohlich dunklen Wolken jeden Moment ihre schwere Last abwerfen. Bisher war aber noch kein einziger Regentropfen gefallen. Um sie herum herrschte eine beruhigende Stille. Selbst der sonst so frische Seewind, der kontinuierlich über die Insel rauscht, blies heute sanft und leise über die seichte Dünenlandschaft. In der Ferne, irgendwo in den Büschen versteckt, saß ein Buchfink und trällerte beharrlich seine wunderschöne Melodie. Sie schloss kurz die Augen und zog die würzige Seeluft tief in ihre Nase.
Es war genau die richtige Entscheidung, hier auf Juist den Urlaub zu verbringen, ging es ihr durch den Kopf. Alles ist so friedlich und still.


Plötzlich durchbrach ein greller Schrei die Stille. Die junge Frau zuckte erschrocken zusammen. Es war Stines Stimme. Ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu zögern, hastete sie in den Pfad hinein. Erneut drang ein alles durchdringender Schrei in ihre Ohren. Der Schrei ihrer Tochter wurde zu einem schrillen Gekreische, das laut über die Insel hallte, ein angsterfülltes Kreischen, das ihr durch Mark und Bein ging.
"Stine!", brüllte sie. "Stine, ich komme!" In ihrer Stimme schwangen Angst und Panik. Da kam ihr Stine auch schon mit halb heruntergezogener Hose und angstverzerrtem Gesicht entgegengestolpert.
"Was ist passiert, Stine?"
Das Mädchen antwortete nicht. Als Stine die Mutter erreichte, klammerte sie sich an ihr fest und weinte bitterlich, dabei zitterte die Sechsjährige am ganzen Körper.
"Stine, was um alles in der Welt ist passiert?"
Es dauerte noch einige Sekunden, bis ihre schluchzende Tochter mit zitternder Hand in die Richtung deutete, aus der sie gerade gekommen war.
"Was ist denn da, Stine?" Sie versuchte, etwas zu erkennen, doch was auch immer ihre Tochter in eine solche Panik versetzt haben mochte, sie konnte es nicht wahrnehmen.
"Wir gehen jetzt erst einmal zurück auf den Weg." Ihre Stimme klang betont ruhig. "Dann erzählst du mir, was dich so erschreckt hat."
Sie nahm ihre Tochter an die Hand und führte sie zurück.
"Also, Stine", forderte sie ihre Tochter auf, als sie wieder auf dem befestigten Weg standen, "jetzt erzähl mir mal, was dich so erschreckt hat. Was hast du gesehen?"
Sie ging vor Stine in die Hocke und fasste sie an den Schultern. Deutlich spürte sie, wie der Körper ihrer Tochter vor Aufregung regelrecht bebte. Während sie mit der Hand eine blonde Haarsträhne von Stines feuchter Wange nach hinten strich, sah sie ihre Tochter mit sorgenvollen Blicken fragend an. Stine brachte immer noch kein Wort heraus. Irgendetwas hatte ihr die Sprache verschlagen.
"Ich werd dir jetzt erst mal die Hose wieder richtig hoch ziehen, mein Schatz."
Als sie nach der Hose griff, fühlte sie, wie ihre Hand warm und feucht wurde. Offensichtlich war Stine noch nicht dazu gekommen, ihre Notdurft zu verrichten und nun konnte sie endgültig nicht mehr einhalten.
"Mein Gott, Schatz, was ist denn bloß los? Was ist passiert?"
Stines angstverzerrtes Gesicht erschreckte sie. Immer noch liefen dicke Tränen über die geröteten Wangen. In den feuchten Augen spiegelte sich die nackte Angst.


"Da ..."

Stine fand nun schluchzend ihre Stimme wieder. Das Reden fiel ihr schwer. "Da liegt eine Frau. Alles ist voll Blut."
Ihre Mutter schluckte, schaute entsetzt in die Richtung, aus der Stine gerade gekommen war.
"Warte hier, mein Schatz. Ich werde nachsehen."
Sie betrat zögerlich den zugewucherten Pfad. Das mulmige Gefühl in ihrer Magengegend verstärkte sich bei jedem Schritt. Sie spürte, wie die Aufregung das Blut in ihren Schläfen hämmern ließ. Als sie erkannte, warum ihre Tochter so geschrieen hatte, schluckte sie noch einmal. Vor ihren Füßen lag der Körper einer jungen Frau. Die weit aufgerissenen Augen der Frau waren leer, blickten stumpf in die Ferne. Ihr Kopf lag in einer dunkelroten Lache aus Blut. Die Frau war tot.


Stines Mutter spürte, wie Übelkeit in ihr aufstieg. "Oh, mein Gott", kam es mit bebender Stimme aus ihrem Mund. "Oh, mein Gott."

* * *





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