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Leseprobe
David Dejori
Bari - Gleis 4
Meine Mutprobe
Mein Gang war so vorsichtig, als spazierte ich über rohe Eier. Es nahte der große Augenblick für mich. Das war meine Chance. Das ist wie ein Sechser im Lotto. Nur noch zwei Schritte. Mein Rucksack drückte plötzlich so schwer auf meine Schultern, als hätte ich Steine geladen. Alles Einbildung. Feuchte Hände, zittrige Knie. Mir war schummrig vor Augen. Also doch keine Einbildung.
"Äh, äh", stotterte ich, wie ein Patient vor seiner Logopädin. Anzeichen, dass gleich auch meine Stimme versagt."Ist da noch frei?"
"Logisch", sagte sie keck heraus. Ein flüchtiger Blick ihrerseits streifte mein Gesicht, landete anschließend wieder auf ihrer Reiseführerbroschüre, die auseinandergefaltet auf ihren Oberschenkeln lag.Geschafft!
Sicher gestrandet!Das waren meine ersten Gedanken. Erst einmal tief Luft holen und erneut den Rucksack nach Essbarem durchwühlen, obwohl ich genau wusste, dass sich darin keine Gaumenfreuden mehr befanden. Ablenkung aus Verlegenheit. Wollte diese ersten Sekunden heil überstehen, sie mit meinem taktischen Herumkramen im Rucksack überbrücken. Zog mehrere Klamotten und andere Gegenstände heraus und formulierte gedanklich schnell einen geeigneten und passenden Satz, wie ich sie am besten ansprechen konnte. Gar nicht so einfach. Außerdem sollte es etwas Geistreiches sein, und keine billige Anmache, wie sie meine Kollegen verwendeten.
Stille.
Ein Griff in meine Zigarettenschachtel brachte vorerst die Lösung, denn prompt hielt ich ihr diese zerknitterte Packung wortlos vor die Nase und wartete ab.
Ein Lächeln als Antwort.
Wow!Dann aber ein kaum vernehmbares Nein-Schütteln. Mist!
Meine Annäherungstaktik war nicht erfolgreich, dafür aber keineswegs aufdringlich, und sie sollte bald noch eine Steigerung erfahren. Ich stöberte nämlich am Außenfach des Rucksacks, als suchte ich nach dem Feuerzeug, das trotz einer Vielzahl an Verstaumöglichkeiten und meiner Unordnung im Beutel seinen genauen Platz hatte. Aber das konnte sie ja nicht wissen. Meine Rechnung ging auf. Sie streckte mir diese kleine Flamme entgegen, und ich, ein wenig überrascht, dass dies so schnell ging, fixierte dabei ihre langen, zarten Finger, ihre eckig gefeilten Nägel, und vergaß wozu dieses flackernde Licht eigentlich bestimmt war.
Erst als sie das Feuerzeug mehrmals nach oben und unten schwenkte, hielt ich, leicht zittrig, meinen Glimmstängel dagegen. Ein Windhauch wehte ihr Parfum zu mir her, und die Flamme des Feuerzeugs erlosch ganz von alleine. Ein Duft, so herrlich nach Zitrusfrüchten, Zimtrinden und Sandelholz. Unwiderstehlich. Ich fand es schade, mich stattdessen in diesen Tabakgestank einzuhüllen. Widerlich kam mir das vor. Mir war überhaupt nicht nach Rauchen zumute, aber es erfüllte eben seinen Zweck.
"Bist du auf der Heimreise, oder geht's erst ab in den Urlaub?"
Ich staunte, wie leicht mir dieser Satz über die Lippen kam. Fühlte mich wie ein kleiner Gigolo, lässig, cool und völlig ungehemmt.
"Nein, ich mache eine kleine Weltreise. Die Hälfte liegt noch vor mir. Ich fahre erst heute Abend weiter, und nütze jetzt die Zeit, mich einzulesen."
"Aber es ist neun Uhr morgens."
"Ja! Genau wie auf meiner Uhr. Ich nehme halt lieber den Nachtzug, hinunter nach Calabrien, und dann weiter mit Schiff und Zug nach Caltanissetta. Das ist noch ein ganz schönes Stück. Da bin ich froh, wenn ich die Hälfte der Strecke verschlafen kann."
"Caltanissetta? Nie gehört."
"Sizilien! Vulkane, Berge, Mafia, blaues Meer, Obstplantagen, Macchia, freilaufende Pferde und die herrliche italienische Küche. Besonders liebe ich die in Olivenöl eingelegten, getrockneten Tomaten mit Kapern, oder gegrillte Auberginen mit Knoblauch. Schon bei dem Gedanken daran läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Davon kann ich mich nie satt essen. Und dein Urlaub? Schon zu Ende, oder startest du erst? Wo kommst du eigentlich her? Dem Aussehen nach bist du ein Abenteurer. Ein Kletterer vielleicht?"
Ich staunte erst einmal über ihre lockere Sprache. Sie plauderte mit gelöster Zunge drauflos, aber mit einem Klang in ihrer Stimme, so weich und anmutig, dass ich nur dahinschmelzen konnte. Ab diesem Moment war auch ich von allen Blockaden gelöst, vorausgesetzt, dass ich ihr nicht allzu lange in diese wunderschön funkelnden Augen sah. Diese konnten wahrlich verzaubern, mich fast hypnotisieren. Alle Ängste waren auf Null zurückgesetzt. Meine Mutprobe fand ein erfolgreiches Ende, wenn auch sie, nichts ahnend, den Hauptpart übernommen und es mir durch ihre Offenheit leicht gemacht hatte. Mein Ziel war erreicht. Ich saß neben dieser hübschen Frau, wir redeten nicht über das Wetter, und wir hatten es beide nicht eilig.
"Ich komme aus dem Norden", sagte ich nüchtern und kühn heraus. Dabei machte ich eine Handbewegung und zeigte spontan in eine Himmelsrichtung, obwohl ich keine Ahnung hatte, ob dort wirklich Norden war.
"Aha, und ich komme aus dem Süden, und fahre weiter gen Süden, und dann wieder hinauf in deine Richtung. Wann geht dein Zug?"
Bei ihr, Ansatz eines Lächelns, und schon formierten sich Grübchen in ihren Wangen. Sie legte die Reiselektüre beiseite.
"Denke, so heute Abend. Ich müsste erst genauer nachschauen, aber es würde mich freuen, den restlichen Tag mit dir zu verbringen. Das erleichtert das Warten, und du kannst mir ja mehr über Caltanissetta erzählen. Was meinst du?"