Leseprobe

 

 

 

 

 

 

 

Aleksandr Alekseicik

 

Arbeitsplatz Seele

Psychotherapie durch das Leben


 


Zu den Quellen

Eine bekannte Weisheit besagt, dass Lebenskunst nicht darin besteht, zum Leben die Jahre hinzuzufügen, sondern darin, den Jahren das Leben hinzuzufügen. Ich füge gern auch die Ewigkeit und den Geist hinzu. Wie aber vermag ich die Quellen und die Geschichte meiner/unserer Psychotherapie durch das Leben zu ergänzen, zu erfüllen, zu vergeistigen?

Ich erinnere mich an die erste Beobachtung, dass die Augenblicke der realen Bedingungen am Beginn einer Krankheit wirksamer waren, als die vielen Mühen und Stunden meiner ärztlichen Kunst (und Künstlichkeit). Nachdem Menschen krank geworden sind, erwachten sie, wurden herzlicher, geistiger und gleichzeitig natürlicher. Entsinne ich mich einiger "wichtiger Personen" (Führungskräfte, Funktionäre…), die während der Sowjetzeit meine Patienten waren, so erlebte ich sie während der Krankheit verständnisvoller, ja auch herzlicher.

Diese psychische, seelische, gesellschaftliche, allgemeine und individuelle Pathologie zwang und belehrte auch mich als Arzt, Psychiater, Psychotherapeut, Mensch, Mann, Sohn selbst zu sein, anders zu sein, selbst - ständig, jedoch zusammen mit anderen.

Das hieß nicht Teil von "Wir", es hieß vielmehr, dass das eigene "Ich" dieses "Wir" als Teil besitzt, und dass es mein "Ich" vereinte - nicht nur von außen, sondern auch von innen.

Einen Patienten als Teil von mir anzunehmen, an ihm teilnehmen, hebt auch die Arbeit in mich herein. Sie ist ein Teil von mir, ohne dass "Ich" Teil der Arbeit geworden wäre.

Das Krankenhaus ist ein Teil von mir, aber ich bin kein Teil des Krankenhauses. Ebenso sind Gesellschaft, Kultur, Geschichte in mir enthalten, doch bin ich nicht ein passiver Teil von ihnen.


Andererseits: Wenn ich etwas von all diesem "Teil von mir" bin, dann bin ich auch Teil von diesem "Etwas", indem ich dieses in meiner therapeutischen Arbeit reflektiere, einbeziehe, im Kleinen beeinflusse.

Wie viele riesige und kostbare Teile waren und sind doch in mir! Wie viel Gemeinsames mit den Patienten! Wie viele Leben! Und wie viel vom L e b e n - vom realen, wirklichen! Das alles wurde nicht nur summiert, sondern multipliziert. Patienten, Lehrer, Kollegen, die Realität genauso wie: "unter den Polen", "vor dem Krieg", "zur Zeit des Zaren", unter Eshow", "unter den Deutschen", "vor der Revolution", "nach Weihnachten"…
Das Leben war nicht nur gelehrtes, sondern auch erlerntes, erzwungenes Leben.

Hier taucht vor meinen Augen unwillkürlich einer meiner Patienten und Lehrer auf, ein Geistlicher namens Bronjus Strazdas. Er war ein wichtiger Teil meines "Ich", so eine Gestalt von Ganzheit und Heiligkeit - mit solcher Nähe zum Wort, solchem Leben, das nicht nur von der Geburt bis zum Tod, sondern von Adam bis zum Jüngsten Gericht reicht. Diesem zu widerstehen, was in anderen Fällen auch vorkam, war unmöglich, aber es war eher so, dass es mir bevor - stand, ich es be - stand, weil ich mich an ihm be - teiligte. Ich war mit dem ganzen Herzen Leben, war außerhalb des Schmerzes und erwarb Immunität, Standhaftigkeit und Würde.

Das Leben ist aus einem Guss - heilsam, intensiv, spannend. Genau so ist auch das Heilen: von Anfang an ausreichend selbstständig, aber auch eingefleischt, nonverbal, oft unsichtbar, nicht virtuell, wie man es heute zu sagen pflegt.

Ziemlich früh ging mir ein Licht auf, und ich erkannte den Weg zur geistigen Therapie, einer Therapie über bzw. durch das Bewusstsein, das primär ist. Dieses unterscheidet sich durchaus vom Mit-Wissen, einem Bewusstsein, das durch die Zusammen-Arbeit entsteht, das gemeinschaftlich, echt und nicht klassengebunden ist. Ich habe mich auch in der "Sichtweise" des Unbestimmten, des Grenzenlosen, des Unbewussten überzeugt, was die Seele beansprucht, und auf Instinkte geachtet, welche auf die Rolle des Geistes abheben.

Für viele kann das als Training gelten, als Übung für den Geist und für die Fantasie, als Erholung von der Realität, vom ideologischen Inhalt des Bewussten und des zu Bewussten. Von solchen Psychotherapien hingerissen und ver - führt, verfallen viele Psychotherapeuten und ihre Patienten aus dem Extrem der früheren sowjetischen "rationalen" Psychotherapie in irrationale Richtungen. Bedauerlich ist, dass sie in ihrer Vergangenheit als Psychotherapeuten nicht sie selbst waren, und nun auch nicht sie selbst werden. An dieser Stelle fällt mir ein Ausspruch von Wladimir Nabokov ein:

"Nur der Bolschewismus ist schlechter als die Psychoanalyse".


Zum Glück habe ich das eine wie das andere überstanden - wie eine Pockenschutzimpfung und nicht als Pocken, und das, obwohl ich mit einigen Patienten ernst krank war und mit ihnen durch eine Krise, wie die einer Lungenentzündung gesund wurde. Es hat sich für mich erwiesen, dass es besser ist, auch in der Krankheit aus aller Kraft zu leben - nicht ideologisch, nicht "bewusst", nicht "emotional", nicht "leidenschaftlich", nicht "un - gehemmt", nicht "un - bewusst", sondern krank zu sein und gesund zu werden - nach der eigenen Art und aus Leibeskräften.

Krank zu sein mit "der Seele", sich zur Krankheit zu entschließen. Es ist notwendig, krank zu sein und zu genesen, aber nicht nur mit dem eigenen "Ich", sondern auch mit dem "Du", "Wir", "Er" und "Sie" - dem eigenen, also in sich, und außer sich.


Ähnliche Quellen und eine ähnliche Geschichte hat auch der "Intensive Therapeutische Glaube". Mein Glaube und der Glaube meiner Patienten war lange Zeit der "Glaube an den Kommunismus", der "Zeitungs- und Bücher"-Glaube. Es war ein pharisäischer Glaube ohne lebendige Zeugnisse, ohne eine lebendige, authentische Übertragung. Es war der oktroyierte Glaube an geschehene Wunder und nicht der Glaube an das Stattfindende. Und es war Nicht-Teil-Nahme an den Wundern.

"Mein Gott!" war ein Ausruf, ein Zungenbrecher und keineswegs: "Vater unser!", "Mutter Gottes!", "Mein Vater!", "Mein Sohn!", die mir von Gott geschickt wurden. Man muss sich den Glauben aneignen, ihn bezeugen, ihn mit anderen teilen - als Wahrheit, Weg und Leben. Das ist viel Arbeit und Mühe, das Gelittene.

 

 

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