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Leseprobe
David Dejori
Angst allein ist
noch keine Liebe
Wie vom Blitz getroffen rannte Mary schreiend die Treppen empor, sprang in das Schlafzimmer und brüllte laut.
"Blut! Blut!", schrie sie aus voller Kehle.
"Überall Blut! Meine Hunde sind tot!"
Dann schlug sie mit ihren Fäusten wie wahnsinnig auf das Kopfkissen und boxte in ihrer Verzweiflung auch auf den Oberarm ihres Mannes, als hätte er diese schlimme Tat begangen. Sie brach zusammen und war benommen, wie von einer Ohnmacht befallen. Henrik schreckte auf. Er beugte sich zu ihr, legte seine Arme um sie und schwieg. Das war in diesem Moment auch das Beste. Mary schluchzte und weinte ihre Tränen auf seine Schultern. Er drückte sie ein wenig fester an sich und sagte: "Erzähle mir, was ist passiert? Ich meine, was du da sagst ist einfach unglaublich. Und du bist dir sicher, dass sie tot sind? In dieser Gegend gibt es doch keine Bären. Vielleicht hat sie jemand vergiftet? Einbrecher? Oder es waren Jäger. Aber was machen die in unserem Grundstück?"
Henrik überlegte.
"Du hast sie so geliebt, deine Hunde. Vielleicht gaben sie dir in all den Jahren mehr Nähe, als ich es je getan habe."
Er sprang auf und stürmte durch das Haus, aber er fand alles so vor wie immer. Auch die wertvolle Pendeluhr hing noch an ihrem gewohnten Platz. Nichts fehlte. Der Safe war verschlossen. Das versteckte Einkaufsgeld befand sich unangetastet hinter den Desserttellern in der Küche. Mary war ihrem Mann nachgeeilt. Er entdeckte die Tiere und war selbst auch geschockt.
"Vergiftete Hunde liegen in keiner Blutlache", sagte sie verbittert, "es waren auch keine Einbrecher hier, keine Jäger."
Dann schlug sie blitzartig beide Hände vor ihr Gesicht. Sie schrie ihrem Mann ein lautes Nein entgegen. Augenblicklich durchfuhr ein Schauer ihren Körper.
"Wo ist der Fremde? Wo ist er? Sag schon!"
Mary zitterte. Es bebte in ihr.
"Er liegt bestimmt noch in seinem Zimmer", antwortete Henrik, und versuchte sie abermals zu beruhigen. Er blieb entsetzt vor den toten Tieren stehen, während Mary in das Gästezimmer rannte. Sie fand es leer vor. Dann schaute sie auf den heruntergerissenen Vorhang und entdeckte auf dem Boden auch die Holzspäne, die Mirvan abgebissen und ausgespuckt hatte. Mary schluchzte wie ein kleines Kind. Henrik ging langsamen Schrittes die Treppe nach oben und wusste nicht, wie er sie trösten konnte. Über eine Stunde lang beschimpfte sie ihn, weil er diesen Fremden mitgebracht hatte. Er ließ es über sich ergehen.
"Du hast mir einen Mörder ins Haus geschleppt. Das ist alles deine Schuld. Ich könnte ihm und dir die Augen auskratzen. Verstehst du nicht? Ein Mörder hat hier übernachtet!"
Henrik versuchte erst gar nicht sich zu verteidigen. Er wusste, dass sie Recht hatte.
"Ich habe einen Mörder und gleichzeitig einen Verrückten hierher gebracht. Es nützt auch nichts mehr, wenn ich dir jetzt sage, dass es mir leid tut. Alles durfte pas-sieren, nur das nicht. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Aber dieser Mistkerl hat sich meine Aufmerksamkeit erschlichen, anstatt sich in die Tiefe zu stürzen. Könnte ich die Zeit zurückdrehen, glaube mir, ich würde ihn eigenhändig und unverzüglich von der Brücke stoßen."
Mary schaute ihn mit traurigen Augen an.
"Ich habe Angst", sagte sie, "Angst, dass er zurückkommt und auch uns etwas antut."
"Das ist Unsinn!", brummte Henrik, "und wenn schon, dann soll er doch kommen. Mein Zorn auf ihn ist groß. Ich werde ihn in Stücke reißen. Ich fürchte mich nicht vor ihm. Im Gegenteil. Weißt du, was ich tue? Ich werde nach ihm suchen. Weit kann er noch nicht sein. Er wird dafür büßen."
"Lass mich jetzt nicht alleine", bat sie ihn, "es ist besser, wenn wir die Polizei rufen. Was meinst du?"
"Die Polizei habe ich schon einmal gerufen", antwortete Henrik, "aber vielleicht hast du Recht. Das wird wohl das Beste sein."
Sie kam ihm zuvor, zog das Mobiltelefon aus ihrer Handtasche und wählte den Polizeinotruf.Das Frühstück blieb stehen, nach Essen war beiden nicht zumute. Sie starrten einander hilflos an. Ungefähr nach einer Stunde läutete die Besatzung eines Streifenwagens am eisernen Tor, unten an der Straße. Nachdem Mary das Tor per Fernbedienung geöffnet hatte, rollte das Polizeiauto von einer Staubwolke begleitetet, über die nicht asphaltierte Straße herauf zur Villa. Drei Männer stiegen aus und entdeckten die toten Tiere auf dem steinernen Boden. Mary schüttelte noch immer fassungslos den Kopf und bat die Polizisten ins Wohnzimmer.