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Leseprobe

E.E. Kuttner



Als uns're Zeit
noch Zukunft war

Ahnen



Vorwort

Ein Dialog brachte den Stein ins Rollen. Ein Dialog zwischen mir und meiner Enkelin. Sie sagte:

"Alles geht kaputt, gell, Oma?"
"Ja, früher oder später."
"Und, Oma, alle müssen sterben und dann
sind sie tot und können nie mehr leben."

Sie sagte das ganz gelassen und schaute mich mit ihren großen Kinderaugen an, als wäre dies die selbstverständlichste Erkenntnis einer Vierjährigen.

Es hat mir buchstäblich die Sprache verschlagen, denn so emotionslos sind die meisten Erwachsenen nicht in der Lage, mit dem Thema ‚Werden und Vergehen' umzugehen. Wir neigen eher dazu, die reinen Fakten zu verdrängen und stattdessen nach dem Sinn zu fragen - und weil wir nicht in der Lage sind, diese Frage zu beantworten, neigen wir dazu, jede noch so dürftige Erklärung zu glauben.
Diese verhängnisvolle Neigung sorgt für viel Elend auf dieser Welt, denn es wäre gewiss besser um uns bestellt, wenn wir den Manipulationen, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind, wirkungsvoller widerstehen könnten.


Wie gebannt stehen wir vor der einzig sicheren Gewissheit und können sie nicht akzeptieren. Klar, unsere Aussichten sind nicht gerade erfreulich, sie sind sogar ziemlich trostlos: Wir werden nicht gefragt, ob wir leben wollen und wir werden nicht gefragt ob wir sterben wollen und auf ‚das dazwischen' sind die Möglichkeiten einer Einflussnahme auch nur sehr gering. Wozu also das Ganze? Warum sind wir so versessen darauf, möglichst lange zu leben und haben so schreckliche Angst vor dem Sterben?

Jahrtausende haben bedeutende und weniger bedeutende Philosophen diese Fragen gestellt und nach Antworten gesucht, ohne wirklich welche zu finden. Das große Ziel, wenn es denn eines gibt, bleibt einfach unsichtbar!
Die Ideologen und Theologen dieser Welt werden mir auf das Heftigste widersprechen. Sie finden tausend Gründe für das, was zu tun ist, damit unsere Hoffnungen lebendig bleiben. Viele von uns erkennen leider nicht, dass das, was sie uns raten, verordnen, befehlen oder gar zu tun zwingen, lediglich dazu dient, sie selbst ihren oft schäbigen Wünschen näherzubringen.

Selbst auf die Wissenschaften ist kein Verlass! Sie sollten eigentlich durch ihr akribisches Ansammeln empirischen Wissens über jeden Zweifel erhaben sein. Aber dem ist bei Weitem nicht so! Es gibt keine absolute Wahrheit! Die sogenannte ‚Wahrheit' ist relativ, graduell und vorläufig. Schon immer wurden Hypothesen aufgestellt, angezweifelt, verworfen und durch neue ersetzt. Letztlich ist auch Wissenschaft Glaubenssache.

(...)
Wir sollten es besser machen als unsere Vorfahren. Wir halten die Mittel dazu in der Hand. Wir sind sogar in der glücklichen Lage die Weltbevölkerung auf ein Maß einzustellen, das für alle ein gesichertes Auskommen garantiert und Aggressionen wegen Enge erst gar nicht aufkommen lässt. Wir sollten es versuchen. Es lohnt sich gewiss!
Nicht das Orakel hilft uns weiter, auch nicht die Expertenprognose; der Blick zurück kann uns weit mehr Aufschluss geben. Nur was wir heute wissen und leisten, sichert unser Leben von morgen und das unserer Kinder und Enkel.
Geschichte verdient unser Interesse. Sie ist weit mehr als ein langweiliges Schulfach oder das Betätigungsfeld einiger weniger Historiker. Sie ist eine Fundgrube von Geschichten, spannend und aufregend, aber auch lehrreich und vollgepackt mit Wissen und Erfahrung. Vieles ist grausam und abstoßend, vieles ist auch schöngefärbt, genauso wie die Nachrichten unserer Tage, aber das Studium der Geschichte wird uns die Gewissheit geben, dass unsere Überheblichkeit völlig unberechtigt ist. Es gab vor Hunderten von Jahren schon Menschen, denen wir Heutigen das Wasser nicht reichen können und es laufen heute genug herum, die immer noch gefangen sind, in den verpönten Anschauungen des Mittelalters.

(...)
Durch genaues Hinschauen und Vergleichen kann man dabei lernen, Wertvolles von Oberflächlichem zu unterscheiden; man bekommt Scharfblick und Urteilskraft, leider auch Zweifel, aber das kann ja nicht schaden.
Auf einen Nenner gebracht: Man lernt denken. Das lernt man vor der Glotze nicht.

Die modernen Medien sind eher geeignet zu manipulieren als zu informieren; sie schockieren, statt Verständnis zu wecken, verderben, statt zu bilden.

(...)
Ich will mich hineindenken in einige Menschen, die vor uns lebten und sie aus heutiger Sicht beurteilen. Vor allem aber will ich nach meinen Ahnen fahnden. Was haben sie getrieben? Wie haben sie gelebt, diese Freiherrn von Kunitz zu Weißenburg und Roidt?
Steinchen will ich sammeln und zusammenfügen. Geschichten entstehen ganz gewiss - und vielleicht findet sie ja irgendjemand spannend, möglicherweise sogar die eigene Sippe. Begeben wir uns auf S p u r e n s u c h e!




...und so fing es an:

Es war ein ziemlich kalter und trüber Tag, der 22.11.1266, der Tag an dem ich geboren wurde und an dem meine Mutter starb. Der Winter war ziemlich früh ins Land gezogen; die Vorräte für die kalte Jahreszeit waren erst zum Teil eingebracht. Es war also noch einiges zu tun und, wie immer, wenn man unter Zeitdruck steht, herrschte das Chaos, ein Chaos von unübertrefflichem Ausmaß. Es wurde gestritten und wild diskutiert. Darren, Körbe und Krüge wurden von oben nach unten, von rechts nach links und wieder zurück geschleppt. Einer wusste es besser als der andere und natürlich hatte jeder recht. Das Gesinde schien die Aufregung zu genießen, schließlich war es eine Abwechslung und wahrscheinlich auch ein Genuss, die Berechtigung zu haben, den Herrschaften ein wenig auf die Nerven zu gehen.
Mein Vater war über das Durcheinander mehr als aufgebracht, zumal auch der Kamin nicht richtig zog und Rauch ins Haus drang. Meine Mutter schaute sich das ganze eine Weile an, bis es auch ihr zu viel wurde und sie die Notwendigkeit sah, Frieden zu stiften. Hochschwanger, wie sie war, machte sie sich auf den Weg in den Keller, denn dort schien der Tumult am heftigsten, die Meinungsverschiedenheiten am größten.

Sie ist wohl nicht sehr weitgekommen. Die Treppe war glitschig, es zog ihr die Füße weg und sie stürzte in die Tiefe. So oder so ähnlich muss es wohl gewesen sein, genau ließ es sich nicht rekonstruieren, alle waren so betroffen, dass unmittelbar Totenstille herrschte, unterbrochen nur von einem verzweifeltem Hilfeschrei.
Mein Vater, der sofort zur Stelle war, trug die Ohnmächtige nach oben und bettete sie sorgfältig. Als sie wieder zu sich kam, stöhnt sie vor Schmerzen. Nicht nur die Wehen hatten eingesetzt, auch die Verletzungen, die sie sich beim Sturz zugezogen hatte, machten ihr zu schaffen. Sie muss sehr gelitten haben.
Die hastig herbeigeholte Hebamme war nicht in der Lage, das Unheil aufzuhalten. Sie konnte zwar mein Leben retten, aber nicht das meiner Mutter.


...und hier ein paar Takte aus der allgemeinen historischen Betrachtung

Die Welt draußen, vor den Burgmauern, war nicht weniger gezeichnet von Unglück und Tod. Die Kreuzzüge waren so gut wie beendet, viele Ritter wurden entlassen, man bedurfte ihrer nicht mehr. Die reichen Fürsten und Bischöfe hielten sich lieber kurzfristig angeworbene Fußknechte; die waren billiger und man konnte sie auch leicht wieder los werden. Damit verarmte der niedere Adel zusehends und wurde oft in die Illegalität getrieben. So wurden aus stolzen Rittern über Nacht die Arbeitslosen des Mittelalters.
Die ständigen Kämpfe zwischen Päpsten und Kaisern hatten die Völker Europas müde gemacht, das Recht wurde mit Füßen getreten, nur in den Städten herrschte noch eine gewisse Ordnung. Ihre Bürger hatten, durch umfangreichen Handel zu Wohlstand gekommen, zur Selbsthilfe gegriffen und sich zu Städtebünden zusammengeschlossen, um ihre Interessen zu verteidigen.

Mit dem Aussterben der Staufer, begann in Deutschland das Interregnum, die kaiserlose, die schreckliche Zeit.
Das Geschlecht der Hohenstaufen hatte im zwölften und dreizehnten Jahrhundert so bedeutende Kaiser wie Friedrich Barbarossa, Heinrich VI. und Friedrich II. hervorgebracht. Sie lagen in stetigen Fehden mit den Welfen und, in zunehmendem Maße, auch mit den Päpsten und führten sogar Krieg innerhalb der eigenen Dynastie.
Papst Innozenz IV., der unerbittliche Gegner Friedrichs II., belegte diesen mit dem Kirchenbann und erkannte ihm die Kaiserwürde ab; ein Vorgang, der in der Geschichte einmalig war. Der Kaiser war empört und sann auf Rache, doch eine rätselhafte Krankheit zwang ihn nieder. Sein Leibarzt war zum Werkzeug seiner Feinde geworden und hatte ihm Gift verabreicht. Friedrich überlebte das Attentat, aber nur zwei Jahre später erlag er einem erneuten Fieber, mitten in den Vorbereitungen zu einem Befreiungsfeldzug für seinen Sohn Enzio, der, gefangengenommen von Kardinal Ubaldini, in Bologna im Kerker saß.

Die auf Innozenz IV. folgenden französischen Päpste Urban IV. und Klemens IV. setzten die Strategie ihres Vorgängers fort, steigerten eher noch die Verfolgungswut gegen die rebellischen Staufer. Sie riefen den grausamen Bruder des Königs von Frankreich, Karl von Anjou, ins Land, um den endgültigen Sturz des verhassten Geschlechts herbeizuführen.
Anjou schlug den letzten Stauferkönig, Manfred, im Frühling 1266 auf Sizilien. Seine vier unmündigen Kinder wurden auf ausdrücklichen Wunsch des Papstes auf Kastell del Monte in dunklen Verliesen angekettet. Die drei Prinzen kamen nie wieder frei, die Prinzessin, für ihr Leben gezeichnet, erst mit achtzehn Jahren. Aber es sollte noch schlimmer kommen: Der letzte Staufer, der letzte der männlichen Linie, der fünfzehnjährige Konradin, Neffe König Manfreds und Enkel Kaiser Friedrichs II., geriet auf seinem Italienfeldzug durch Verrat in Gefangenschaft. Er war in jugendlichem Überschwang nach dem Süden gezogen, um seine Erbrechte zu sichern. Anjou ließ ihn mit seinen Getreuen 1268 in Neapel hinrichten.

Alle Welt entsetzte sich über so viel Grausamkeit, nur in Deutschland schienen die schrecklichen Taten keinen besonderen Eindruck zu hinterlassen. Hier war man ständig darauf bedacht, verwaiste Gebiete und erledigte Lehen einzusammeln oder durch falsche Versprechen, Betrug und Überfall dem rechtmäßigen Besitzer abzujagen. Das Schwabenland, Besitz und Heimat der Staufer, teilten sich Graf Eberhard von Württemberg und Herzog Ludwig von Bayern, der auch Pfalzgraf am Rhein war und in dessen Obhut Konradin aufgewachsen war.




Und das ist wirklich nur der Anfang...


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und alles wird gut.