Leseprobe

 

 

 

 

 

Rainer Buck

 

44 Tage mit Paul
Liebe, Gott & Rock 'n' Roll

 

Roman

 

10

Am folgenden Mittwochmorgen sagte mir Paul, dass er am Nachmittag wieder in der Stadt zu tun habe. Ich fragte ihn, ob ich ihn gegen Abend dort zu einer Pizza einladen dürfe. Zögernd willigte er ein, und wir verabredeten uns bei der Sonnenuhr am Marktplatz. Da ich nur eine Stunde Mittagsunterricht hatte, nahm ich mir vor, schon etwas früher mit der Straßenbahn in die Innenstadt zu fahren, um vielleicht durch ein paar Boutiquen zu bummeln. Die beiden verbliebenen guten Plattengeschäfte, die es in unserer Stadt noch gab, sparte ich mir für später auf, denn ich wollte sie zusammen mit Paul besuchen. Am Nachmittag verlor ich allerdings schnell die Lust, mich durch Klamotten zu wühlen, und beschloss, lieber irgendwo gemütlich einen Kaffee zu trinken und mir die milde Frühlingssonne ins Gesicht scheinen zu lassen. In der Fußgängerzone gibt es mehrere Cafés, unter denen ich mich spontan für eines der edleren entschied.
Als mir mein Latte Macchiato gebracht wurde, hatte ich das Gefühl, eine gute Wahl getroffen zu haben. Dies änderte sich einige Minuten später, weil sich ein paar Meter weiter ein Straßenmusiker platziert hatte, der mit quäkender Stimme Folksongs und Schlager sang. Es waren Lieder, die vielleicht alle einmal schön gewesen waren, ehe sie von drittklassigen Interpreten zu Tode geknödelt wurden. So sehr mich Musiker immer fasziniert hatten und so tolerant ich gegenüber Menschen bin, die in der Fußgängerzone Kleingeld sammeln: Mit Country Roads, Blowin' In The Wind oder gar Yesterday Geld zu erbetteln, das ging in meinen Augen einfach nicht. Ich trank meinen Kaffee etwas schneller leer, als ich das ohne die anachronistisch- hippiemäßige Beschallung getan hätte. Dann zahlte ich und zog weiter.

Dabei führte mein Weg mich notgedrungen an dem traurigen Walther von der Vogelweide vorbei, der an meinen Nerven gesägt hatte. Ich wollte einen Bogen um ihn und seinen schwanzwedelnden schwarzen Hund machen, als ich dem
mäßig begabten Sänger zufällig ins Gesicht blickte.

Mich traf fast der Schlag. Paul!
Mein Untermieter!
Hier in Wohnsitzlosenmanier Straßenmusik fabrizierend.

Okay, eine zufällige Begegnung auf dem Schwulen-Straßenstrich hätte mich noch etwas mehr entsetzt, aber was ich hier sah und hörte, war in der Peinlichkeitsskala nicht weit davon entfernt, zumal Paul gerade die letzte Strophe von Tears In Heaven anstimmte. Zwei oder drei Ü40-Frauen hatten ihre Einkaufstüten neben sich abgestellt und lauschten ergriffen der zu Kitsch vergorenen Interpretation des einstmals anrührenden Liedes. Paul prostituierte sich als gefühlsduselnder Pflaster-Donovan für das Kleingeld von Passanten.

Ich blieb abrupt stehen. Eine der älteren Zuhörerinnen nahm wohl an, dass es das Lied war, das mich mitten ins Herz traf. Sie lächelte mich kopfnickend an. Ich wäre ihr dafür am liebsten ins Gesicht gesprungen, wenn sie mir nicht eher Leid getan hätte, für ihren verkorksten Geschmack. Zu allem Überfluss kam jetzt auch noch der schwarze Mischlingshund wedelnd auf mich zu. Ein Halstuch signalisierte Gutmütigkeit, und meine Hand hatte ihn schon liebevoll zu kraulen begonnen, während ich in Gedanken dabei war, sein Herrchen wie den Barden aus den Asterix-Heften zu knebeln und an einen weit entfernten Baum zu binden.

Nun hatte ich den Moment verpasst, einfach vorbeizueilen und die Szene zu ignorieren. Pauls Blick traf mich. Er lächelte freundlich zu mir herüber, als sei ihm dieses Treffen nicht einmal peinlich. Als die letzten Takte des Liedes verklangen, klatschten einige Hände zögerlich Beifall und eine der Frauen warf verschämt einige Geldstücke in den Koffer. Paul bedankte sich mit einer devoten Verbeugung. Da Paul nicht Lars war, fiel ihm meine mangelnde Begeisterung natürlich sofort auf. Sein Lächeln wurde etwas verlegen. Er zeigte auf den Hund der sich an mich geschmiegt hatte und murmelte: "Das ist Rex. Guter Kerl. Sein Besitzer ist ein Freund von mir. Dem gehört auch die Gitarre. Ich vertrete ihn nur."


"Was tust d u da?", fragte ich und versuchte meinen Unmut nicht zu kaschieren. Um freilich den schwanzwedelnden Rex nicht zu irritieren, versagte ich dem Klang meiner Stimme jene metallene Schärfe, die mir eigentlich angemessen erschien.
"Wie gesagt, ich mache das nur in Vertretung", sagte Paul und schaute auf die Uhr. "Noch eine Dreiviertelstunde bis halb fünf. Ich muss allerdings nach dem nächsten Lied weiter, weil ich nicht länger als zwanzig Minuten an einem Platz bleiben darf."
Wortlos starrte ich ihn an. Er räusperte sich und sagte, dass er nun weiter machen wolle. Ich dürfe natürlich zuhören, könne aber auch einfach wie verabredet beim Marktplatz auf ihn warten.
"Die Verabredung ist für heute gestrichen", sagte ich schroff, wandte mich ab und wollte weiter, aber Rex stellte sich mir in den Weg und drückte seinen schweren Kopf in meinen Schoß. Paul lächelte, griff wieder zur Gitarre und fing an zu singen. Ich wusste nicht, ob ich schreien oder lachen sollte, als er plötzlich mit überraschendem Schmelz in der Stimme Blue Moon intonierte.
"Du sabbernder Köter", sagte ich zärtlich zu Rex, "du hast mir gerade das T-Shirt versaut. Meine ganze Aufmerksamkeit dem Hund zuwendend, wartete ich mit Anstand den Rest des Songs ab.
"He, das war ja Elvis", sagte ein gerade vorbeikommendes, schwarz gekleidetes Mädchen. Das Gothic Girl lächelte Paul zu und zeigte mit dem Daumen steil nach oben. "Cool!"
Ich schaute das Mädchen prüfend an, und als ich feststellte, dass der Zuruf keineswegs ironisch gemeint war, fing ich fast schon wieder an, auf Paul ein wenig stolz zu sein.
"Wir sehen uns später wie abgemacht am Marktplatz", raunte ich Paul zu und ging weiter, Rex sanft aber bestimmt beiseite schiebend.

 

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