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Leseprobe

Thomas Koudela











Entwicklungsprojekt Ökonomie
Marktwirtschaft jenseits des Kapitalismus





Warum kann ein Tauschmittel bei der Vermittlung von Arbeit versagen?


Jeder hat die Möglichkeit, Leistung anzubieten - zumindest in Form seiner Arbeitskraft. Wie kann es da passieren, dass diese Leistung nicht nachgefragt wird? Man ist geneigt zu antworten: "Weil sie zu teuer ist oder nicht gebraucht wird." Aber warum ist immer mehr Leistung zu teuer? Und warum wird immer mehr Leistung nicht gebraucht? Es ist doch keinesfalls so, dass keine materiellen Wünsche mehr offen wären. Eine Fahrt über Deutschlands Straßen wird jeden überzeugen, dass nicht nur in der Befriedigung der materiellen Wünsche der Privatbevölkerung noch recht große Löcher klaffen. Um diese Widersprüche zu verstehen, ein kleines Gedankenexperiment:
Der Einfachheit halber werden wir zunächst das "ewige" Weiterreichen des Tauschmittels in lauter kleine Stücke zerteilen. In der Realität erwirbt ein Prosument (Wir alle können gleichzeitig Produzenten und Konsumenten sein, daher das Kunstwort: "Prosument") durch den Verkauf seiner Leistung Tauschmittel, welche er wieder zum Kauf der Leistung eines anderen Produzenten verwendet. Im Folgenden stellen wir uns vor, der Markt wäre in Wirklichkeit ein riesiger Supermarkt (und nennen dies Supermarktmodell). Die Produzenten bringen ihre Güter zu diesem ‚Supermarkt' und handeln mit der Marktleitung einen Preis aus. Dieser Preis wird dem Produzenten in Form von ‚Leistungsbestätigungsscheinen' ausgezahlt. Danach werden die Produkte mit dem ausgehandelten Preis ausgezeichnet und offen für alle anderen angeboten. Jeder Produzent kann sich nun aus den Gütern der anderen Produzenten auf dem Markt einige aussuchen und bezahlt an der Kasse mit seinen Leistungsbestätigungsscheinen. Aus dem Leistungsbestätigungsschein wird auf diesem Wege das Tauschmittel. Um uns auch Dienstleistungen und nicht transportierbare Güter in diesem Schema vorstellen zu können, nehmen wir einfach an, der Dienstleister stellt dem ‚Supermarkt' Leistungsgutscheine aus. Dies könnten Urkunden sein, auf denen zum Beispiel steht: "Einmal Haare schneiden", "Ein Jahr Maschinen warten", "Acht Stunden Programmierarbeit leisten", "Eine Wohnung in der Frankfurter City", "Organisieren eines Gottesdienstes" oder "Ein Schwimmbadbesuch".

Durch diesen Kunstgriff haben wir die Tauschmittelzirkulation in ihre kleinsten Bestandteile zerlegt. Der Wert aller Güter im "Supermarkt" ist gleich dem Wert aller noch nicht eingelösten Leistungsbestätigungsscheine. Schließlich hat für jedes ausgezeichnete Gut ein Produzent einen Leistungsbestätigungsschein in gleicher Höhe erhalten. Solange alle ihre Leistungsbestätigungsscheine in kürzester Zeit wieder einlösen, kann das Lager des Supermarktes niemals überquellen. Man sagt, es kommt zur Markträumung. Jetzt kann es allerdings vorkommen, dass manche mehr verdienen als sie konsumieren. In diesem Fall bleiben Leistungsbestätigungsscheine übrig. Werden diese an andere weitergegeben, die dadurch mehr konsumieren als sie verdienen, ist dies kein Problem, da diese dann den Markt räumen. Werden sie allerdings nicht verwendet, sondern gehamstert, so spricht man von Tauschmittelhortung .

Durch das Hamstern von Leistungsbestätigungsscheinen bleiben Güter im ‚Supermarkt' liegen, die niemand nachfragt. ‚Überproduktion' wird dies manchmal leicht irreführend genannt. Die Lager des ‚Supermarktes' werden dabei immer voller und die Marktleitung nimmt daher neue Güter nicht gerne an. Sie ist in den Verhandlungen mit den Prosumenten härter und Produkte werden nur noch gegen niedrigere Preise oder gar nicht mehr angenommen.
Doch weniger oder billiger zu produzieren löst das Problem nicht! Solange Leitungsbestätigungsscheine nicht eingelöst, das heißt gehamstert bzw. gehortet werden, bleiben die Lager voll. Heute wird oft behauptet der Rationalisierungsdruck auf die Unternehmen wäre ein Ergebnis der Globalisierung. Am Supermarktmodell sehen wir allerdings, wie Lohndumping ganz allein durch die Hortung von Leistungsbestätigungsscheinen provoziert werden kann: Wegen der Hortung verbleiben die Güter auf dem Markt, zu denen auch die Arbeit gehört. Neue Güter werden nicht mehr so gerne von der Supermarktleitung übernommen, was in der Realität einem schwierigeren Verkauf der Leistung entspricht. Um die Güter trotzdem loszuwerden, werden die Güterpreise und damit auch die Löhne, die einen Teil der Güter ausmachen, reduziert. Da Arbeitskraft nur gegen immer tiefere Preise noch verkauft werden kann, ist Lohndumping zu einer Folge der Hortung geworden. Die Güter im Supermarkt werden zwar billiger, aber gleichzeitig werden auch vom Betrag her weniger Leistungsbestätigungsscheine ausgegeben. Die Supermarktleitung muss machtlos zusehen, wie die Güter in ihren Lagern verrotten.

Reicht das Lohndumping nicht mehr aus, um den hortungsverursachten Rationalisierungsdruck auszugleichen, werden Arbeitskräfte entlassen. Wir haben somit ein starkes Indiz dafür, dass Arbeitslosigkeit immer dann auftritt, wenn durch das Hamstern von Tauschmittel die Markträumung verhindert wird. Ist das nicht gemein? Nur weil sich (wahrscheinlich reiche) Leute weigern, etwas Sinnvolles mit ihrem Tauschmittel anzufangen, sitzen immer mehr Menschen auf der Straße! "Gemein" ist eine Wertung und hängt mit unseren Wertvorstellungen und unserer Ethik zusammen. Diese Frage wird daher im Rahmen dieses Buches nicht geklärt werden können. Was allerdings geklärt werden kann, ist die Frage:


Wie lässt sich Markträumung erreichen? (Teil 1)

Wenn die Prosumenten den gleichen Wert an Leistung, den sie auf den Markt bringen, wieder nachfragen, so wird auch alle auf dem Markt gebrachte Leistung wieder zusammen mit den Leistungsbestätigungsscheinen vom Markt verschwinden und damit Markträumung eintreten. Mit Hilfe des Tauschmittels können wir den Wert der Leistung messen und überprüfen, ob genügend Leistung wieder vom Markt genommen wurde. Dazu müssen wir nur überprüfen, ob jeder Prosument genauso viel Tauschmittel ausgibt, wie er einnimmt. Außerdem sollte zwischen der Einnahme des Tauschmittels und der Ausgabe nicht allzu viel Zeit verstreichen, da sich um diese Zeitspanne die Markträumung verzögert. Auch eine zeitlich begrenzte Hortung lässt die Güter auf dem Markt verweilen. Wenn jeder nur einen Monat im Jahr sein Tauschmittel hamstert, kann es bereits passieren, dass sich die Lager des Supermarktes niemals leeren. Zum Beispiel, wenn Ihr Nachbar direkt nach Ihnen hortet und danach dessen Nachbar usw.. Überlegen wir also, wie wir die Prosumenten dazu bringen können, ihr Tauschmittel ‚fristgerecht' auf den Markt zurückzubringen, damit Markträumung eintritt.
Aus der Einführung wissen wir nach welchen Prinzipien unsere Prosumenten "funktionieren". Wir müssen uns folglich einen Mechanismus überlegen, der die Prosumenten aufgrund dieser Prinzipien dazu bringt, ihr Tauschmittel ‚fristgerecht' und vollständig gegen Leistung zurückzutauschen. Um die Geringverdiener müssen wir uns keine Sorgen machen - bei ihnen reicht das Tauschmittel meist nicht einmal so richtig bis zum Monatsende. Schwierigkeiten macht das Tauschmittel, das von seinen Besitzern nicht in näherer Zukunft für den Konsum bestimmt ist. Wir müssen dafür sorgen, dass sich diese Besitzer darum bemühen, einen anderen Prosumenten zu finden, der für sie konsumiert. Oder umgangssprachlich formuliert: Wir müssen die Geldbesitzer dazu bringen, dass sie investieren, also ihre Leistungsbestätigungsscheine in anderer Form als über ihren privaten Konsum in die Wirtschaft zurückführen.
Das Optimierungsprinzip ist für diesen Zweck ein vielversprechender Kandidat, nimmt es doch am zielgerichtetsten auf das Verhalten der Prosumenten Einfluss. Doch um die Lösung ohne Gehirnakrobatik verstehen zu können, müssen wir uns zunächst mit einem fundamentalen Konzept der Wirtschaftswissenschaften vertraut machen, welches auf dem Optimierungskonzept fußt: Dem Opportunitätskostenprinzip.

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