Egon W. Kreutzer
Der Goldesel
Folge 1

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Auszug aus der Originalausgabe
Erstausgabe 2004, EWK-Verlag Kühbach-Unterbernbach, Satz, Druck und Gesamtherstellung: E.W.K. ...der Unternehmerberater e.K., 86556 Kühbach, © E.W.K. ...der Unternehmerberater e.K., Alle Rechte vorbehalten ISBN 3 - 938175 - 03 - 6


ERSTER TEIL

 

Das ist schon eine ziemlich alte Folge - da verblasst die Farbe allmählich.

Kapitel 1

 

Die Sonne hatte sich noch nicht vom Horizont gelöst. Ihre Strahlen strichen flach über das Land, verfingen sich im Dunst des Morgens und versetzten die träge Luft entlang der schnell wandernden Grenzlinie zwischen Licht und Schatten in zaghafte Bewegung. So begann der Tag draußen vor der Stadt.
Guido war sich dessen schmerzhaft bewusst, als ihn das blecherne Scheppern des Radioweckers aus einem kurzen, bleischweren Schlaf riss. In das verwahrloste Grau des Zimmers drangen einzelne Lichtfinger wie Pfeile durch die Lamellen der Außenjalousie und verursachten bei jeder Kopfbewegung eine Serie blendender Blitze. Auch der neue Tag würde die Kette der heißen Tage der letzten beiden Wochen nicht abreißen lassen.
Das Fenster in Guidos Zimmer war nach Osten ausgerichtet und lag nur knapp zwei Meter über dem Bürgersteig, der zwar genügend Platz für einen schmalen Grünstreifen und den nachträglich markierten Radweg bot, aber absolut nicht ausreichte, um den Lärm der vielspurigen Hauptverkehrsader abzumildern, die sich als vierzig Meter breites Asphaltband bis zum gegenüberliegenden Bürgersteig erstreckte. Als Guido die Jalousie hochgezogen und das Fenster geöffnet hatte, genoss er die am frühen Morgen noch fast reine und frische Luft, die von der Straße hereinströmte. Er zündete sich eine Zigarette an, spürte das Kratzen im trockenen Hals, holte die angebrochene Mineralwasserflasche vom Nachttisch und lehnte sich mit aufgestützten Ellenbogen aus dem Fenster.
Nach ein paar hastigen Zügen warf er die halbgerauchte Zigarette hinaus auf den Bürgersteig, schloss das Fenster und ging ins Bad. Eine Viertelstunde später stand er in sauberen Jeans und buntem Hemd auf der Straße. Der Bus hielt praktisch genau vor seiner Wohnung. Das hatte ihm der Makler als Vorteil geschildert und Guido hatte nie daran gezweifelt, mit dem Bus vor der Haustür zu den besonders Privilegierten in der Straße zu gehören. Er wohnte seit fast zwei Jahren hier. Er war alleine in die Stadt gezogen. Seine Frau hatte sich von ihm getrennt, als er damals, ein Jahr nach dem Konkurs seines Arbeitgebers, immer noch keine neue Stelle gefunden hatte und ihnen klar wurde, dass sie sich in der Mansarde im Haus ihrer Eltern weder aus dem Weg gehen konnten, noch eine Idee hatten, um die viele überflüssige Zeit sinnvoll miteinander zu gestalten. "Ich will hier weg", hatte er dem Beamten vom Arbeitsamt erklärt. "Ich bin mobil, so mobil wie Sie nur wollen." Er war nur einmal nach München gefahren um sich vorzustellen. Warum sollte er lange suchen, nach einem Job? Er nahm das erstbeste Zimmer, das ihm angeboten wurde, und dort lebte er seitdem, mit dem Luxus einer Bushaltestelle genau vor der Wohnung.

Der Bus hielt. Die Türen öffneten sich mit dem unfreundlichen Pfeifen entweichender Pressluft. Guido stieg hinten ein, ließ sich auf einen Sitzplatz auf der linken Seite fallen und blickte, als die dunkle Plane eines Lastwagens die Sonne verdeckte, ganz unerwartet in sein eigenes Gesicht, das sich in der großen Fensterscheibe spiegelte. Das glänzende schwarze Haar hing ihm in kurz abgeschnittenen Strähnen in die Stirn. Klare, weit offene braune Augen unter dichten Augenbrauen gaben seinem Gesicht einen sanft-freundlichen und interessierten Ausdruck, doch der blasse, kurze Strich der Lippen unter der schmalen, geraden Nase und die etwas hageren Wangen signalisierten das Gegenteil. Verschlossenheit und Entschlossenheit. Guido hatte nichts an sich auszusetzen. Es war ihm klar, dass sein Gesicht viel über ihn verriet, aber er hätte keinen Grund gewusst, warum man ihm nicht ansehen sollte, dass ihm das Leben schon viele bittere Lektionen erteilt hatte.
Der Bus war noch ziemlich leer, morgens um halb fünf. Halb fünf Sommerzeit, also eigentlich erst halb vier. Guido musterte die Fahrgäste. Es waren nicht mehr als ein Dutzend Leute, die sich locker auf die Sitzplätze des Gelenkbusses verteilt hatten. Die meisten waren ihm vertraut, saßen praktisch jeden Tag um diese Zeit in diesem Bus und gehörten beinahe schon zum Inventar, so wie die blauen Fahrkartenentwerter bei den Türen oder der rote Nothammer am Fenster. Doch heute gab es eine Abweichung im gewohnten Bild. Zuerst war Guido die schmale, matt glänzende Aktentasche aus dunkelrotem Leder aufgefallen, die der Mann neben seinem Sitz in den Gang gestellt hatte. Der lederbezogene Griff und die unauffälligen, aber starken Beschläge erhöhten den Eindruck wertvoller Eleganz, durch den sich die Tasche wohltuend von ähnlich aussehenden Modellen unterschied, wie sie die Ramschproduktion für Sonderangebote und Kaffeefahrten immer wieder hervorbringt. Guido erinnerte sich. Auch er hatte einmal eine weinrote Aktentasche besessen, mit kitschig-goldig glänzenden Verschlüssen aus dünnem Blech, die so schwach waren, dass sie sich schon nach kurzem Gebrauch verbogen und damit die ganze Tasche unbrauchbar gemacht hatten. Es war ein Geburtstagsgeschenk von seiner Frau gewesen. Als er auszog und seine Sachen packte, hatte er sie oben im Aufsatz auf dem Kleiderschrank im Schlafzimmer wiedergefunden. Die Beschläge waren hässlich schwarz und fleckig geworden und ein langer Riss im hauchdünnen Lederimitat gab den Blick frei auf die ebenfalls dünne Schaumgummischicht, die dem billigen Plastikhäutchen für kurze Zeit das Volumen kräftigen Leders verliehen hatte. Zusammen mit vielen anderen Dingen, die er nicht mitnehmen konnte oder wollte, war sie am Ende im Sperrmüll gelandet.
Ob der Mann da vorne, der sich in seinem leichten, hellen Sommeranzug offenbar sehr wohl fühlte, dessen Haare jugendlich-modern gestylt und zweifellos von Meisterhand geschnitten waren, ob dieser Mann diese Tasche auch geschenkt bekommen hatte? Er kann nicht älter sein als ich, stellte Guido fest, und er hat es offenbar geschafft. Aber warum sitzt er jetzt hier, in meinem Bus, morgens um halb fünf? Guido wandte sich ab, um für ein paar Minuten aus dem Fenster zu sehen.
Es gibt wohl kein Fahrzeug, das so oft überholt wird, wie ein Bus im öffentlichen Nahverkehr und entsprechend abwechslungsreich ist die Szenerie vor dem Fenster. Vom erhöhten Sitzplatz hatte er einen guten Blick auf die leeren Beifahrersitze der Pkws, konnte auf Augenhöhe mit den Fahrgästen anderer Busse in Blickkontakt treten und den Fahrern der Lastkraftwagen auf der Gegenfahrbahn grüßend zunicken. Der Bus war zuerst drei Stationen geradeaus stadteinwärts gefahren, jetzt bog er auf eine weniger befahrene Straße in Richtung Westen ab. Von hier an stiegen an jeder Haltestelle viele Menschen zu, denn die Strecke führte jetzt durch ein reines Wohngebiet. Guidos Wohnung lag im Gewerbegebiet, einem Gewerbegebiet, das sich hinter ein paar alten Wohnblocks aus den frühen 50er Jahren versteckte, die ihre vorgelagerten Grünflächen verloren hatten, als die Straße ausgebaut wurde.

Der Mann im hellen Sommeranzug ließ seine wertvolle Tasche weiterhin achtlos im Gang stehen, auch noch, als die Sitzplätze knapp wurden und die ersten Fahrgäste im Mittelgang stehen mussten. Guido, dessen Blicke immer wieder von der Aktentasche angezogen wurden, konnte es genau beobachten: Er hatte noch zwei Stationen zu fahren, als der kräftige junge Mann, der erst kurz zuvor auf der Bank hinter der roten Tasche Platz genommen hatte, mit dem Bremsen des Busses aufstand, sich in äußerst gewandter Bewegung der Tasche annäherte, ganz beiläufig zugriff und ruhig und ohne seinen absolut natürlich fließenden Bewegungsablauf auch nur einmal zu unterbrechen, als erster, exakt in dem Moment aus dem Bus auf die Straße trat, als sich die Türen pfeifend öffneten.
Guido spürte für einen Augenblick den mächtigen Impuls aufzuspringen, den Dieb zu verfolgen, die Tasche zurückzuerobern, um sie dem Mann im hellen Anzug triumphierend zu übergeben. Aber die Erfahrung sagte ihm, dass die Freude dieses Mannes sich wahrscheinlich darauf beschränken würde, seinen "Helden" mit hochgezogenen Brauen misstrauisch zu mustern, einen Zehn-Mark-Schein aus der Tasche zu ziehen, ‚Danke, sehr aufmerksam', zu murmeln und sich wieder in seine Lektüre zu versenken. Bei dieser Vorstellung fiel es ihm leicht, der Versuchung zu widerstehen: "Warum soll ich den Kopf hinhalten, mich vielleicht noch um eine fremde Tasche prügeln und am Ende zu spät zur Arbeit kommen, wenn es der Besitzer nicht für nötig hält, selbst darauf aufzupassen?"
Zwei Stationen später stieg Guido aus. Der Mann im hellen Anzug fuhr weiter. Er hatte seinen Verlust immer noch nicht bemerkt. Für einen Augenblick spürte Guido so etwas wie den Hauch einer bösen Vorahnung. Aber das bedrückende Gefühl war schwach und er konnte nicht erkennen, dass eben diese rote Tasche schon bald zu einer ernsthaften Gefahr für alle seine Pläne und sein weiteres Leben werden sollte. Als er am Pförtner vorbei das Werkstor passierte und sich auf den Weg in seine Abteilung, zu seinen Maschinen machte, hatte er die Tasche, den Mann im hellen Sommeranzug und den frechen Dieb bereits vollständig aus seinem Bewusstsein verdrängt.
Die ebenerdige Halle, eine Konstruktion aus Betonträgern mit einer vorgehängten Stahlblechfassade, empfing ihn mit ihrem Lärm und dem typischen Geruch, der entsteht, wenn Kunststoffe bei hohen Temperaturen aufgeschmolzen werden. Guido beeilte sich, vom zentralen Mittelweg wegzukommen. Obwohl es in der Fabrik zu dieser frühen Stunde noch ziemlich ruhig war, fühlte er sich auf den schmalen Pfaden zwischen den Maschinen viel wohler, als auf dem breiten Hauptweg, auf dem die Staplerfahrer rücksichtslos durch die Halle rasten und ein paar Meter darüber schwere Lasten am Haken des Laufkrans schaukelten.
"He, Ötzi", rief er dem türkischen Kollegen von der Nachtschicht zu, der eigentlich Özmir hieß, aber seit dem Auftauchen der Gletschermumie mit diesem Spitznamen leben musste. Guido erkannte mit einem Blick, dass ihn die sechs Extruder, für die er als Maschinenhelfer zuständig war, beim Schichtwechsel nicht unmittelbar mit Problemen konfrontieren würden. Ötzi hatte gute Arbeit geleistet. Die Granulatvorräte waren weit aufgefüllt, die Profile kamen weich und dampfend aus den Spritzköpfen und zischten in die Kühlstrecken. Die großen Metalltrommeln, auf denen die Profile für die Weiterverarbeitung aufgewickelt wurden, drehten sich im richtigen Tempo. Rasch verschwand er in dem mit Kalksandsteinen abgemauerten Bereich, in dem ebenerdig die Spinde der Arbeiter, die Duschen und die Toiletten untergebracht waren. Darüber befand sich der Glaskäfig des Meisterbüros, von dem aus eine schmale Galerie aus Gitterrostplatten auf halber Höhe um die gesamte Halle führte.
Guido holte die blaue Latzhose aus dem Blechschrank und wechselte das bunte Hemd, in dem er gekommen war, gegen das graublaue Arbeitshemd. Er nahm die dicken Lederhandschuhe von dem Regalboden, der ursprünglich vielleicht einmal als Hutablage gedacht war, streifte sie jedoch noch nicht über. Als er in die Halle zurücktrat, verließ Ötzi die Maschinen. Auf halbem Wege begegneten sie sich und wünschten sich gegenseitig einen schönen Tag. Guido wusste, dass Ötzi jetzt zum Schlafen nach Hause ging und Ötzi wusste, dass acht Stunden voller Hitze, Lärm und Gestank vor Guido lagen, bevor auch dieser die Halle wieder verlassen durfte.
In den ersten beiden Stunden der Frühschicht war die Halle fast menschenleer. Auf 1800 Quadratmetern arbeiteten gerade einmal acht Männer an 40 Spritzmaschinen, die endlose Bänder von Kunststoffprofilen ausspuckten. Guido genoss in dieser Zeit das Hochgefühl, zu der kleinen Gruppe erfahrener Männer zu gehören, die die Produktion in Gang hielten. Er spürte eine besondere Verantwortung, wenn er mit seinen sechs Maschinen alleine und der nächste Kollege zwar in Sichtweite, aber wegen des Lärms völlig außer Rufweite war. Er genoss die Zeit zwischen fünf und sieben Uhr, diese beiden Stunden, in denen er sich dem Hochgefühl hingeben konnte, wichtig zu sein und gebraucht zu werden. Doch wie jeden Tag verflog seine gute Stimmung als gegen sieben Uhr die ersten Staplerfahrer damit begannen, die Produktion der Nacht aus der Halle zu schaffen. Kurz darauf tauchten nacheinander der Kranführer, der Meister mit seinem Vertreter und auch der zweite Springer auf und eine Umrüstmannschaft, die mehrere Extruder mit den Spritzwerkzeugen für einen Sonderauftrag bestücken sollte, sorgte für ungeduldige Unruhe, weil die Maschinen noch liefen und nicht für das Umrüsten vorbereitet waren. Die Staplerfahrer kamen mit neuem Rohmaterial zurück, das sie auf die Vorratsflächen zwischen den Maschinen verteilten, bevor sie erneut mit den Fertigprodukten in Richtung Lager und Konfektionierung verschwanden. Über allem geschäftigen Hin und Her drehten der Meister und sein Vertreter oben auf der Galerie ihre Runde, um sich einen Überblick zu verschaffen.
Guido fühlte sich beobachtet, als er den Meister auf der Galerie entdeckte; aber nicht nur das, er kam sich, trotz aller Schwerstarbeit, irgendwie überflüssig vor. Er wusste, dass sie das Granulat durchaus auch mit einer Art Staubsauger ansaugen lassen könnten und er hatte die Automatisierung längst weitergedacht: "Wenn Sie das Granulat absaugen, brauchen sie niemanden mehr, der die 40 kg Säcke auf das Podest schleppt und in den Fülltrichter schüttet. Die paar roten Lampen an jeder Maschine sind dann auch kein Problem mehr. Sie werden die Extruder direkt an den Computer anschließen. Dann lassen sich Temperatur und Abzugsgeschwindigkeit automatisch regeln, und bei einer Störung schaltet der Computer die Maschine ab und eine Warnlampe in der Zentrale an."
Guido hatte keinen Zweifel daran, dass es bald so kommen würde. Obwohl es für die Firma heute noch wichtig war, dass er an dieser Maschine stand, obwohl es heute noch wichtig war, dass er rechtzeitig das richtige Granulat nachfüllte und die Warnleuchten beobachtete und bei Störungen so reagierte, wie man es ihm gesagt hatte, schämte er sich seiner Nutzlosigkeit, weil er wusste, dass er nicht wirklich gebraucht wurde: "Eine kleine Rationalisierungsinvestition, ein bisschen Blech, ein paar Drähte, ein paar Chips, und die Kollegen und ich sind überflüssig. Es geht nicht mehr um das Ob, nur noch um das Wann."
Guido hatte Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, bevor er bereit war. Er wollte nicht für alle Zeiten hier arbeiten, aber um seine Pläne verwirklichen zu können, war er auf das Geld, das er bei den KUPRE-Werken verdiente, noch für einige Jahre angewiesen.
Nach vier Stunden Knochenarbeit hatte Guido so weit vorgebaut, dass er seine Maschinen für eine halbe Stunde allein lassen konnte. Er pfiff nach dem Springer, der ihm aber erst gestattete, zum Frühstück in die Kantine zu gehen, nachdem er sich mit prüfenden Blicken davon überzeugt hatte, dass an Guidos Maschinen alles zum Besten stand. Springer lassen sich nicht ausnutzen. Springer übernehmen nur, wenn alle Vorleistungen erbracht sind, die sie für erforderlich halten. Guido hatte das schnell gelernt und akzeptiert. Ein Springer muss sich davor schützen, von den regulären Maschinenbedienungen ausgerechnet immer dann angefordert zu werden, wenn die größte Drecksarbeit ansteht. So ergibt es sich zwangsläufig, dass Springer darauf bedacht sind, möglichst gar nichts zu tun, außer bei wirklich unvorhergesehenen Störungen einzugreifen.
Kurz nach neun saß Guido an einem der schmucklosen Tische aus Chromgestell und Resopalplatte. Mit aufgestützten Ellenbogen hielt er in einer Hand die große Kaffeetasse, in der anderen eine belegte Semmel und stopfte sein Frühstück schnell in sich hinein. Er war jetzt ziemlich hungrig. Außer dem Schluck Mineralwasser zur ersten Zigarette hatte er heute noch nichts zu sich genommen. Als er fertig war, wischte er die Krümel der Semmel mit dem Ärmel seines Arbeitshemdes vom Tisch und brachte Tasse und Teller zum Geschirrband, das noch nicht angelaufen war und sich mehr und mehr mit schmutzigem Frühstücksgeschirr füllte. Er beeilte sich, wieder nach draußen zu kommen. An der Längsseite seiner Halle standen zwei Bänke, hergestellt aus dem gleichen, scheußlich-braunen Recyclinggranulat, aus dem er seit zwei Wochen die billigen Fußbodenleisten für eine bekannte Baumarktkette spritzte. Er ließ sich mehr auf die Bank fallen, als dass er sich setzte, fummelte nach seinen Zigaretten und dem Feuerzeug und als er den ersten tiefen Zug genommen hatte, konnte er sich endlich lockern und entspannen. Ein rascher Blick auf die Armbanduhr sagte ihm, dass er noch gut 10 Minuten ausruhen durfte. Er schloss die Augen und genoss es, die Wärme der jetzt doch schon recht kräftigen Sonne zu spüren. Die völlige Entspannung während einer kurzen Zigarettenlänge auf dieser Bank, das war es, was Guido Kraft gab, das waren seine kleinen Augenblicke des Glücks, Augenblicke, in denen er vollständig im Hier und Jetzt war und nur sich selbst gehörte und dabei zuversichtlich spürte, dass alles gut war.
Ein flüchtiges Lächeln trug er mit hinein in die Halle, als Zigarette und Pause zu Ende waren. Der Springer gestikulierte ungeduldig, Guido möge sich beeilen und so beeilte er sich, und als er wieder zwischen seinen Maschinen stand, hatte er genügend Kraft geschöpft, um den Stumpfsinn seiner Arbeit bis zum Schichtende zu ertragen.

 

Fortsetzung folgt in ca. 1 Woche, also um den 7. März 2006